RUSH: „Bereit für meine Nahaufnahme“ oder: Laila Oudray auf dem Weg nach Hollywood

30. März 2014

Wer immer noch der Auffassung ist, Filmjournalismus sei eine brotlose Kunst, bekommt hier den Gegenbeweis geliefert. Unsere Redakteurin Laila Oudray führte ein simpler Castingbericht direkt auf die große Leinwand. Irgendwie jedenfalls. Auf dem Weg dorthin musste sie jedoch ein bitteres Klischee bestätigt finden: Wer beim Film Erfolg haben will, muss die Hüllen fallen lassen.

„Rush“ mit Daniel Brühl und Chris Hemsworth, Ron Howards rasanter Film über die F1-Rennsaison 1976, erzählt vom Wettkampf zwischen Niki Lauda und James Hunt und von Laudas Comeback nach seinem schrecklichen Unfall. 123 Minuten gibt es auf der Leinwand heulende Motoren, fulminante Kamerafahrten, bewegende Schauspielleistungen zu sehen – und für eine Fünftel Sekunde mich. Mittendrin statt nur dabei.

Es fing, wie viele gute Geschichten, mit einem Job an. Im Frühjahr 2012 fand in Meckenheim bei Bonn ein Casting statt, über das ich berichten sollte. Viel wurde vorab nicht preisgegeben. Der Film mit Daniel Brühl würde in den 70er Jahren spielen, weswegen sich die Teilnehmer passend ausstaffieren sollten. Mehr war nicht bekannt. Meine Aufgabe war es, mich unters Volk zu mischen, eine Befragung durchzuführen und hübsche Fotos zu schießen. Wie hätte ich ahnen können, dass an jenem verregneten Sonntag ein echter Hollywoodtraum wahr werden würde?

Vor Ort traf mich erst mal fast der Schlag. Eine unfassbar lange Schlange von Menschen leuchtete mir in orange, braun und gelb entgegen. In anderen Worten: Ich sah mich mit einer fleischgewordenen Tante-Gisela-Tapete konfrontiert. Die Männer mit Koteletten und die Mädchen in kurzen Shorts und Boots: so stellte sich der Rhein-Sieg-Kreis die 70er Jahre vor.

Ich warf mich ins Getümmel und machte meinen Job, befragte die Leute und klickte fleißig auf den Auslöser meiner Kamera. Irgendwann schnappte ich mir einen Fragebogen und ließ mich selber casten – wohlgemerkt nur als Spaß für meinen Beitrag. Ich dachte, das wäre lustig. Also flott den Fragebogen ausgefüllt (bei der Frage nach Talenten musste ich ein wenig überlegen), ein Foto geschossen und weg waren die Unterlagen und ich mit ihnen.

Der Beitrag war ein voller Erfolg und die Tage gingen ins Land. Dann bekam ich Anfang April einen Anruf. Eine Männerstimme: „Spreche ich mit Laila Oudray? Sie haben sich ja beim Casting bei uns beworben, für Rush. Wissen Sie noch?“

Verdammt, hatte ich nicht extra gesagt, dass meine Bewerbung nur ein Fake war? Offenbar nicht. Ich blieb professionell und ließ mir nichts anmerken. „Ja, klar.“

„Cool, wir würden Sie gerne dabei haben. Bitte nicht zum Friseur gehen, kein Permanent-Make-Up, keine Piercings oder sichtbare Tattoos stechen lassen.“

„Oh, ok“ – nicht, dass ich irgendwas davon vorgehabt hätte.

„Am 12. April ist die Kostümprobe und am 20. April der Dreh. Ach ja, du spielst eine italienische Journalistin.“

Er nannte mir die Orte und die Zeiten, ich schrieb sie panisch mit einem Stift auf die Hand und das Gespräch wurde beendet. Es war so weit, meine Schauspielkarriere begann.

Für die Karriere muss man sich ausziehen

„Rush“ spielt in den 70ern und nicht nur Olivia Wilde oder Alexandra Maria Lara in ihren Rollen als Suzie Hunt und Marlene Lauda brauchten schicke Frisuren und Klamotten für den zeitgemäßen Flair, sondern auch wir kleinen Komparsen. Also fuhr ich nach Köln zur Kostümprobe in einem riesigen Filmstudio. Unendliche Hallen, schicke Frauen mit Zahnarztlächeln: die ganze Welt des Glamours zum Greifen nah. Doch als ich meinen Bestimmungsort erreichte: Ernüchterung. Ich musste warten. In einem schnöden Warteraum. Glamour ging irgendwie anders, dachte ich mir. Die anderen Komparsen waren auch da und warteten mit mir, bis sie aufgerufen wurden. Mit ihnen war es lustig. Man erzählte sich, wo man überall schon war, lachte über Witze aus dem Showbiz und verbreitete Klatsch und Tratsch.

Irgendwann war es dann soweit. Ich wurde aufgerufen und fand mich in einem Raum wieder, der über und über mit gut behangenen Kleiderbügeln ausgestattet war. Ein Traum? Eher nicht, denn die Klamotten waren alle schreiend grell und überhaupt nicht mein Stil. Eine Dame fragte mich nach meiner Größe, begutachtete mich von oben bis unten, griff in die Tiefen der Garderobe und drückte mir eine Bekleidungsauswahl in die Hand.

Sodann schickte sie mich hinter eine Kleiderstange, die als Umkleidekabine fungierte. Hier war ich nun: ein kurzer Erinnerungscheck, was die Peinlichkeit meiner Unterwäsche betraf, und schwupps weg mit der Hose, rein in den Rock. Zumindest theoretisch, denn das schicke Stück war eher optimistisch geschneidert, und so stand ich halbnackt in einem Raum voller Kleider und bekam das doofe Ding nicht hoch. Also Mut zusammengenommen und die Dame kurz darauf hingewiesen, dass es so einfach nicht ging. Sie blickte mich kritisch an und sagte: „Dann brauchen Sie wohl eher L.“ Mein Selbstbewusstsein nahm es zur Kenntnis.

Nachdem sie mit dem Rock verschwunden war, stand ich da und wusste: „Das wird mein Durchbruch. Oder eher nicht.“ Für die große internationale Karriere würde es nach dieser Pleite wohl kaum reichen. Lange konnte ich mich jedoch nicht in Selbstmitleid suhlen, denn schon kam ein neues Outfit geflogen und diesmal klappte auch alles. Die weinrote karierte Schlaghose passte, genau wie die ebenso weinrote Bluse und der blaue Blazer. So also sah eine italienische Journalistin von Welt aus.

Der Film beginnt und ich muss warten

Nachdem ich nun wusste, wie ich aussehen würde, konnte ich den Drehtag kaum erwarten. Als er kam, begann er morgens zu einer unerträglichen Zeit mit .. Warten. Laut Drehplan wurden in den nächsten Stunden die unterschiedlichsten Szenen gedreht und ich wusste nicht, wann ich dran sein würde. Um mich herum sah ich jede Menge Komparsen, einige waren wie ich Frischlinge, andere machten das schon seit Jahren. Eine Kollegin meinte, Komparserie hielte jung. Eine nette Alternative zum Bingo.

Mit solchen Unterhaltungen vertrieb man sich die Zeit. Irgendwann hieß es dann: Alle Journalisten zum Kostüm. Wir waren eine Handvoll und ich die einzige Frau. Eine gute Grundlage, um später im Film aufzufallen. Wir zogen uns um und wurden in die Maske geschickt. Dramatische Schminke, wie ich es eigentlich erhofft hatte, gab es nicht. Dafür bekam meine Frisur ein Ticket nach oben.

Derart aufgehübscht hieß es auch jetzt wieder Warten. Überhaupt: Eigentlich bestand der Großteil meines Einsatzes aus Warten. Irgendwann war es aber dann soweit, ich sollte vor die Kamera. Nach Stunden des Nichtstuns hieß es „Spot, Kamera und Action!“

Die Gruppe der Journalisten positionierte sich vor dem Krankenhaus. Im Film würde Niki Lauda gerade eingeliefert worden sein. Vor der Tür sollten wir einen Arzt bedrängen und befragen. Im Hintergrund sprach ein Moderator in die Kamera und berichtete den Zuhörern von den schrecklichen Neuigkeiten. Als ich auf dem Set war und mich umsah – die großen Kameras, ein Kran, der Regisseur, die vielen anderen Komparsen – wusste ich: Das ist Glamour!

Eigentlich war die Szene nicht schwierig, doch musste sie häufig wiederholt werden, bis sie perfekt saß. Zunächst sollten wir bei „Action“ auf den Arzt zulaufen, doch das erwies sich als zu schnell. Beim zweiten Mal sollten wir lieber entspannt auf ihn zugehen, was wiederum zu langsam war. Beim dritten Versuch liefen wir wieder auf ihn zu, diesmal aber mit gemäßigtem Tempo. Damit war man zufrieden. Doch dann musste der Moderator etwas ändern und auch der Aufnahmewinkel stimmte nicht. Ein ungeheurer Aufwand! Bei weitem war dies keine Schlüsselszene und trotzdem legte man großen Wert auf Kleinigkeiten. Im fertigen Film würde es nur wenige Sekunden zu sehen geben, doch der Dreh nahm eine ganze Stunde in Anspruch.

Mit der Szene im Kasten war mein Shooting vorbei und mein Leben als Schauspielerin ebenfalls. Ein Jahr später erst konnte ich die Früchte meiner Arbeit endlich auf der großen Leinwand begutachten. Und tatsächlich, da sieht man mich: Von hinten, im Hintergrund. Ist das Glamour? Vielleicht ein bisschen. [Laila Oudray]

[Fotos: Susanna Heraucourt]

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