Krampus | Filmkritik: Weihnachten ist der blanke Horror

07. Dezember 2015

Krampus

„It’s beginning to look a lot like Christmas“, behauptet Bing Crosby, während eine Horde konsumbesessener Familien ohne Rücksicht auf Verluste ein Kaufhaus erstürmt, als gelte es, sich aus Angst vor dem Einfall der Hunnen gegenseitig die letzten Lebensmittelreserven aus den Händen zu reißen. Danach geht es heimwärts, denn der alljährliche Besuch jener ungebliebten Sippschaft steht bevor, die einem die Feiertage endgültig zur Hölle macht. Friede auf Erden? Eher nicht. Dringend Zeit also, allen Beteiligten auf möglichst einprägsame Weise noch einmal den wahren Sinn des Festes vor Augen zu führen.

Im Genrekino sind dafür bekanntermaßen die Mächte des Bösen zuständig, meist in Form sadistischer Home-Invasoren oder übler Monster und Dämonen. Letztere ruft Max auf den Plan, als er nach einem mehr als enttäuschenden Vorweihnachtsabend beschließt, seinen Brief an Santa zu zerreißen und die Überreste vom kalten Nachtwind davonwehen zu lassen. Alle Familienmitglieder hatte er mit selbstlosen Wünschen bedacht – doch Onkel, Tante, Großtante und Cousinen verbreiten unterm Tannenbaum Streit und Missgunst. Wer will Ihnen da noch Gutes gönnen?

Hätte Max nur gewusst, dass seine nur allzu verständliche Reaktion auf wenig weihnachtliches Verhalten Santas finsteren Schatten heraufbeschwört. Der Himmel verdunkelt sich, der Strom fällt aus und der archetypische (zudem urplötzlich menschenleere) Vorort wird unter einer Schneeschicht begraben. Dann rückt die Großmutter (die Österreicherin Krista Stadler) mit einem dunklen Geheimnis aus ihrer Kindheit heraus: Der Krampus, ein grausames Wesen aus dem alpenländischen Sagen-Fundus, hatte einst ihre gesamte Familie ausgelöscht und ist nun zurückgekehrt, um sich seine nächsten Opfer zu holen.

Krampus

Zugegeben, Michael Dougherty deutet den Krampus-Mythos auf ziemlich eigenwillige Weise, doch damit steht er keineswegs alleine. Die österreichische Variante von Knecht Ruprecht hat es im amerikanischen Horrorkino der letzten Jahren zu einer gewissen Popularität gebracht. Alleine 2015 schaffte es der Tunichtgut aus dem Nikolaus-Umfeld in zwei weitere Langfilm-Produktionen („Krampus: The Reckoning“ und „A Christmas Horror Story“). Besonders breitenwirksam fiel bislang sein Auftritt in der dritten Staffel der Erfolgsserie „Grimm“ aus (Episode „Twelve Days of Krampus“). Jetzt dürfte er endgültig den Durchbruch geschafft haben, denn Doughertys Beitrag schaffte es am Startwochenende direkt auf Platz 2 der US-Kinocharts.

Das hat seinen guten Grund, denn schließlich ist der Feiertageshorror von „Black Christmas“ bis „A Nightmare before Christmas“ eine beliebte Tradition, und „Krampus“ hat durchaus das Zeug zu dem, was im Allgemeinen gerne mit dem Label „Instant Classic“ versehen wird. Originalität gaukelt der Film zwar mehr vor, als dass er sie wirklich hat, doch die Balance aus konsumkritischer Weihnachtskomödie, Home Invasion (siehe oben) und Creature Feature funktioniert über weite Strecken angenehm gut. Für den Macher der Halloween-Anthologie „Trick’r Treat“ ist das selbstverständlich heimisches Terrain.

Krampus

Die erste halbe Stunde holt der Film allerdings nie mehr so ganz ein. Auf eine extrem hohe Gag-Dichte mit Sitcom-Niveau (Conchata Ferrell bietet eine Variante ihrer Paraderolle aus „Two and a half Men“) folgt das Versprechen eines wirklich unheimlichen, gänzlich geradlinigen Horrorfilms. Dazu kommt es jedoch nicht. Die Elemente der Komödie überwiegen, auch wenn die Lacher verhaltener werden. Für ernsthaften Grusel fehlt den Figuren zudem der notwendige Anteil Glaubwürdigkeit. Zu grob sind sie gezeichnet, zu sehr auf Punchline getrimmt, zu unglaubwürdig manches Verhalten. Stattdessen nimmt eine gewisse Cartoonhaftigkeit zunehmend Besitz von ihnen und erlaubt gar einen Ansätze von Slapstick und Hysterie.

Gegen Ende besinnt sich Dougherty dann doch noch einmal auf die an sich ziemlich finstere Grundsubstanz seiner Geschichte und versöhnt rückwirkend mit einigen Durchhängern im zweiten Akt. Nur schwerlich zu übersehen ist übrigens der Einfluss von „Jeepers Creepers“ auf den Horroranteil des Films, und auch sonst werden einem so manche Inspirationsquellen einfallen (darunter – ohne eine der lustigsten Sequenzen vorwegzunehmen – ganz sicher „Shrek“ und Joe Dantes „Gremlins“). Alles in allem ein mehr als willkommener Beitrag zum Kanon des Anti-Weihnachtskinos mit Sequelgarantie und einem Monster, das nicht zuletzt an Jim Hensons „Dark Crystal“ erinnert. [LZ]

OT: Krampus (USA 2015). REGIE: Michael Dougherty. BUCH: Michael Dougherty, Todd Casey, Zach Shields. MUSIK: Douglas Pipes. KAMERA: Jules O’Loughlin. DARSTELLER: Emjay Anthony, Toni Collette, Adam Scott, David Koechner, Stefania LaVie Owen, Krista Stadler, Conchata Ferrell, Allison Tolman. LAUFZEIT: 98 Min.

Krampus

[Abbildungen: Universal International Pictures]

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