Knock Knock | Filmkritik: Strafe muss sein

12. Dezember 2015

Knock Knock

Evan Webber hat eine Bilderbuchfamilie, und das ist durchaus wörtlich gemeint. Die Wände des schicken Vorstadthäuschen sind geschmückt mit jeder Menge großformatiger Eltern/Kinder-Fotos und zum Vatertag gibt es – wie hübsch – einen Wecker mit dem Nachwuchs drauf. Nur sexuell wird ein bisschen auf Sparflamme gekocht, aber das soll sich ändern, wenn Ehefrau und Kids vom Wochenende am Meer zurückkehren. Als allerdings zwei durchnässte Schönheiten zu nachtschlafender Zeit an der Tür des Strohwitwers klopfen, macht sich die Versuchung breit. Nach anfänglichem Widerstand verbringt Evan die Nacht mit den beiden und wacht am nächsten Morgen inmitten eines Alptraums auf: Das Duett hat es offenbar auf untreue Ehemänner abgesehen, die für ihre Entgleisung bitter büßen müssen.

Was beginnt wie eine Parodie auf das Idealbild des amerikanischen Familienidylls, nimmt rasch Züge des klassischen Erotikthrillers der 80er an, bevor sich die ganze Angelegenheit als Home Invasion mit hohem Schizophrenie-Faktor zu erkennen gibt. Geschickt wickeln die Mädchen den Mittvierziger um den Finger, drücken die richtigen Knöpfe und stellen ihn als leicht manipulierbaren Trottel bloß. Später bekommt er von einer der beiden zu hören, dass sie für einen Moment gedacht hätte, er wäre der erste, der wirklich Nein sagen würde (die Ladies sind Wiederholungstäter). Die einzige Verteidigung, die ihm einfällt: Ihr Angebot zu einem Dreier sei wie Gratis-Pizza gewesen. Da kann man nicht anders, als den Kopf schütteln.

Spätestens wenn sich Evan irgendwann mit Knebel im Mund an einen Stuhl gefesselt wiederfindet und den Grausamkeiten der hübschen Rachegöttinnen ausgesetzt sieht, werden wir mit der Nase draufgestoßen, dass „Knock Knock“ ein Film von Eli Roth ist. 2005 hatte der einstige Praktikant von David Lynch das damals etwas verschlafene Horrorgenre mit seinem ebenso originellen wie drastischem Schocker „Hostel“ wachgerüttelt und ungewollt eine Subgenrewelle losgetreten, die von Kritikerseite das ungebliebte (und – zumindest im Fall von Roth – unpassende) Label „Torture Porn“ verpasst bekam.

Knock Knock

Hier ist sie also wieder, die von den Untaten vermeintlicher US-Kriegshelden inspirierte Konstellation aus Folterknechten (in diesem Fall –mägden) und hilflosem Opfer, das einem langsamen und schmerzhaften Ableben entgegensieht. Doch Roth ist niemand, der mit überschaubarem Variationsspektrum einfach immer wieder dasselbe auftischt, und so werden auch keine Zangen, Heckenscheren oder andere Folterinstrumente ausgepackt. Was Evans ganz persönliche Erinnyen stattdessen mit ihm veranstalten, ist in gewissem Sinne noch viel schlimmer – sie wollen sein Leben zerstören. Schritt für Schritt und zunehmend schriller. Bunnyboiler eben wie einst Glenn Close.

Überhaupt fallen einem eine ganze Reihe von Vorbildern ein, deren Schatten sich ein cleverer Eklektiker wie Roth fraglos bewusst ist. Evan erweist sich als Seelenverwandter jenes libidogeplagten Spießbürgers und Wiedergängers von Goethes Zauberlehrling, den Michael Douglas nach „Fatal Attraction“ lange Zeit nicht mehr los wurde. Die Mädchen hingegen bilden eine ideale Schnittmenge aus den beiden verstörend unmotivierten Serientätern aus Hanekes „Funny Games“ und Ellen Pages strafendem Teenager und Alptraum jedes Pädophilen (auch dahingehend könnte sich Evan schuldig gemacht haben) aus „Hard Candy“ – übrigens ein Film, von dem sich Roth bei der Premiere nachhaltig beeindruckt zeigte. Und wenn die beiden durchnässt und mit funktionslosem Handy vor der Tür des sexuell ausgehungerten Familienvaters stehen, stellt sich nicht zuletzt die Erinnerung an „The Human Centipede“ ein – nur mit umgekehrten Vorzeichen (die spätere Duschsequenz inszeniert gar in gewisser Weise das Plakatmotiv dieses Films nach). Und schließlich weiß der Genrekenner, dass man für unangebrachten Sex nicht ungeschoren davonkommt. Roth kennt die geschulte Erwartungshaltung des Publikums und schaut, was sich aus ihr machen lässt.

Der eigentliche Witz dabei: „Knock Knock“ ist ein Remake. Das wird man zwar auch bei genauestem Studium der Credits nicht zu lesen bekommen, ändert aber nichts an der Tatsache. „Death Game“ aus dem Jahr 1977 gehört zu den vielen skurrilen Schnellschüssen seiner Zeit, die ab und an von Extremcineasten aus dem Limbo des Vergessens hervorgezaubert werden. Roth und die damalige Hauptdarstellerin Colleen Camp (mit deren Filmografie man sich die Wände tapezieren könnte) hatten sich gemeinsam auf die Suche nach einem Produktionspartner gemacht und waren beim König des kassenträchtigen Independentfilms Cassian Elwes auf offene Ohren gestoßen. Seine Strategie: einen zugkräftigen Hauptdarsteller finden. Keanu Reeves war leichte Beute und erwies sich im Nachhinein als Idealbesetzung. Eingeschränkt, wie seine darstellerischen Möglichkeiten nun einmal sind, geraten alle Versuche, aus dem angestammten Rollenbild auszubrechen, im besten Sinne so verklemmt, bieder und erbarmenswert, wie Männer nun einmal sind, wenn sie jüngeren Frauen imponieren wollen.

Knock Knock

Dass Roth mit dem Stoff eine Menge anfangen konnte, liegt angesichts des Themas auf der Hand. Der Topos alttestamentarischer, also über alle Maßen unangemessener Bestrafung für vergleichsweise moderate Ausschweifung und Eitelkeit ist der Motor aller seiner Arbeiten (eines der Mädchen nennt sich bezeichnenderweise „Genesis“). Frauen treffen die Entscheidungen und triumphieren am Ende, während sich die Männer nach anfänglicher Gockelhaltung als ärmliche Schlappschwänze erweisen. Die Originalgeschichte erzählt Roth mit Ausnahme einer abweichenden Schlusspointe Punkt für Punkt nach, verzichtet dabei erstmals gänzlich auf explizite Gewaltdarstellung und fährt gut damit.

Dass er ganz nebenbei weiterhin fleißig an der Karriere seiner Ehefrau Lorenza Izzo bastelt, sei ihm zugestanden, zumal sie ihre Sache gut macht. Wirklich wahrnehmen werden die meisten diesen trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) seiner Dialoglastigkeit durchweg unterhaltsamen Thriller mit Gaga-Anteilen wohl eher im Home Entertainment. Wir sind sicher, folgendes angemessen plakativ auf den DVD- und Blu-ray-Covern zu lesen: „Horrorkönig Eli Roth at his best“, „Durchgeknallte Hochspannung“, „So hat man Keanu Reeves noch nie gesehen“ etc. Bitte frei auswählen. [LZ]

P.S.: In Deutschland erscheint „Knock Knock“ bemerkenswerterweise vor dem früher entstandenen Kannibalenhorror „The Green Inferno“, deren VÖ die Constantin beständig vor sich herschiebt.

OT: Knock Knock (USA/CL 2015). REGIE: Eli Roth. BUCH: Eli Roth, Nicolás López, Guillermo Amoedo. MUSIK: Manuel Riveiro. KAMERA: Antonio Quercia. DARSTELLER: Keanu Reeves, Lorenza Izzo, Ana de Armas, Aaron Burns, Ignacia Allamand, Colleen Camp, Dan Baily, Megan Baily, Antonio Quercia. LAUFZEIT: 99 Min.

Knock Knock

[Abbildungen: Universum Film]

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David Cronenberg | Verzehrt

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