KINDER DES ZORNS: GENESIS – DER ANFANG | Filmkritik

24. August 2012

Kinder des Zorns: Genesis - Der Anfang

Noch so ein Beispiel für ein Sequel, das es nicht geben würde, wäre Dimension Films nicht im Zugzwang gewesen. Um die Rechte an dem ganze drei Jahrzehnte alten Franchise mit verkaufsförderndem Hinweis auf Stephen King nicht zu verlieren, bedurfte es eines formalen Schnellschusses, der im Grunde auch direkt in den Archiven hätte verschwinden können. Eine ähnliche Konstellation hatte fast zeitgleich den unsäglichen neunten Teil der „Hellraiser“-Serie notwendig gemacht („Revelations“), und so war von „Children of the Corn: Genesis“ mit identischem Produzenten (Joel Soisson, diesmal zugleich auch Autor und Regisseur) wenig bis nichts zu erwarten. Umso überraschender das Ergebnis.

Ein junges Pärchen strandet mit Motorschaden irgendwo im Nirgendwo und findet nach anfänglichen Widerständen Unterschlupf bei einem feindlich gesinnten älteren Prediger und seiner offenbar aus dem Ostblock importierten jungen Frau. Ein Reparaturservice für den Wagen ist vor dem nächsten Morgen nicht zu erwarten, und so lässt sich eine Nacht im Haus der ebenso ungleichen wie unheimlichen Eheleute nicht vermeiden. Doch seltsame Schreie, die durch die Dunkelheit hallen, eine Ritualskirche in einem Heuschober und eine Videokamera mit verstörenden Aufnahmen sind Grund genug, vorzeitig fliehen zu wollen. Dafür ist es allerdings längst zu spät.

Kinder des Zorns: Genesis - Der Anfang

Keine Frage, dies ist ein unfertiger, schnell zusammengeschusterter, fehlerhafter und vorhersehbarer Film mit Figuren, die alles falsch machen, was sie falsch machen können, und einem dritten Akt, der noch abstruser ist als der Rest. Doch nichts davon sollte einen wirklich stören, denn statt auch nur im Ansatz eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen, folgt die Dramaturgie auf ihre Weise lieber der Logik eines ausweglosen Alptraums. Ob das eine bewusste Entscheidung war, mag dahingestellt sein. Betrachtet man den Film aber ganz gezielt unter diesem Vorzeichen, funktioniert er plötzlich erstaunlich gut.

Für diese Lesart spricht einiges. Dinge geschehen gänzlich unmotiviert, halten sich vorübergehend als Bedrohung aufrecht und lösen sich dann in Luft auf. Ein tatsächlicher Alptraum (oder Wachtraum?) übernimmt für eine Weile, hinterlässt aber keine Spuren, und als alle Realität gänzlich verloren zu gehen scheint, spielt Allie, die weibliche Protagonistin, sogar kurzfristig mit der Möglichkeit, unbemerkt längst im Limbo gelandet zu sein.

Kelen Coleman (bekam kurz darauf eine wiederkehrende Rolle in Aaron Sorkins TV-Serie „The Newsroom“) gelingt hier insgesamt eine angenehm sympathische Figur, und umso mehr muss man nachdrücklich bedauern, wie viele haarsträubende Fehler der Film sie begehen lässt. Auch die anderen Darsteller liefern passable Leistungen ab. Barbara Nedeljakova („Hostel“) stört nicht weiter und selbst Billy Drago, sonst ein Garantiefall für hemmungsloses Chargieren, nimmt sich überraschend zurück.

Kinder des Zorns: Genesis - Der Anfang

Zudem macht die Optik einiges her. Dies ist kein Found-Footage-Film und auch kein schludriges Low-Budget-HD. Alexandre Lehmann („Piranha 3DD“) holt hinter der Kamera alles aus den eingeschränkten Möglichkeiten heraus, die ihm zur Verfügung standen. Die Dialoge sind besser als man denken würde und vor allem im ersten Akt durchaus pointiert. Ein bisschen mehr Zeit und Sorgfalt hätten geholfen, einige grobe Fehler zu vermeiden und ein engmaschigeres Netz zu spinnen, doch das gaben die Umstände nicht her.

Mit Stephen Kings klassischer Kurzgeschichte um eine mordende Kindersekte hat „Kinder des Zorns: Genesis“ selbstredend kaum mehr etwas zu tun, doch das gilt für diesen Film nicht weniger als für fast alle seine Vorgänger (die vom Meister selbst verfasste TV-Version einmal ausgenommen). Von den Ursprüngen, die der Untertitel verspricht, ist hier abseits eines wenig erhellenden Prologs übrigens nichts zu entdecken. [LZ]

P.S.: Lieber deutscher Verleih, auch wenn es noch so verkaufsfördernd klingen mag, aber Joel Soisson hat bei „God’s Army“ ganz sicher nicht auf dem Regiestuhl gesessen (sondern Gregory Widen). Produziert hat er den Film, mehr jedoch nicht. Der Vollständigkeit halber: Geschrieben hat Soisson die Teile III, IV und V der Reihe, sowie bei den letzteren beiden tatsächlich auch Regie geführt. – Beim nächsten Mal vielleicht besser recherchieren?

OT: Children of the Corn: Genesis (USA 2011). REGIE/BUCH: Joel Soisson. KAMERA: Alexandre Lehmann. MUSIK: Jacob Yoffee. DARSTELLER: Kelen Coleman, Tim Rock, Billy Drago, Barbara Nedeljakova, Duane Whitaker, J. J. Banicki, Dusty Burwell. LAUFZEIT: 78 Minuten. Auf DVD und Blu-ray ab 06. September 2012

Kinder des Zorns Genesis

Kinder des Zorns: Genesis - Der Anfang

[Abbildungen: Tiberius/Sunfilm]

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Eine Antwort zu “KINDER DES ZORNS: GENESIS – DER ANFANG | Filmkritik”

  1. nachgebloggt sagt:

    Ich bin hin- und hergerissen von diesem Film. Einerseits ist er filmerisch richtig gut gemacht und absolut gelungen. Die Darsteller kommen toll rüber und die Story ist hochinteressant und nachvollziehbar. Allerdings ist der Film wenig blutig und wenig typische Horroreffekte wie in den Vorgängern sind vorhanden. Dennoch würde ich sagen handelt es sich hierbei um einen der besseren Teile, der sehr erklärend und spannend ist. Dadurch wird der Film also definitiv für Fans der Reihe sehenswert, daher eine klare Empfehlung.

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