Zombies im Bundesinnenministerium: Killerspiel-Debatte von den Toten auferweckt

27. Juli 2016

Killerspieldebatte: Gamescom

Thomas de Maizière ist allem Anschein nach kein Freund gut recherchierter Fakten. Erst kürzlich glänzte der Bundesinnenminister mit der vermeintlichen Erkenntnis, dass in Deutschland ganze 70 Prozent der Asylbewerber unter 40 im Vorfeld einer Abschiebung krank geschrieben würden. Die Zahl war allerdings völlig aus der Luft gegriffen (man könnte auch sagen: frei erfunden) bzw. in den Worten des Betreffenden: ein „Erfahrungswert“ ohne statistische Grundlage. Als Erklärung für den Münchner Amoklauf holte er jetzt die alte Killerspieldebatte wieder aus der Mottenkiste und verzichtete erneut auf lästige Wahrheitskriterien.

Möglicherweise hat man es da mit einer Berufskrankheit zu tun, die immer dann ausbricht, wenn Spitzenpolitiker den Eindruck erwecken wollen, sie hätten für jede Krise eine Antwort bereit und damit alles im Griff. Das kann man ihnen nicht einmal verdenken, denn wo die Kommunikation mit Warp-Antrieb über die Screens von Smartphones und Tablets flimmert und Nachrichten schon durch die sozialen Medien geistern, bevor irgendjemand offiziell auf den neuesten Stand gebracht wird, ist gründliches Durchdenken und Informieren ein Zeichen von Schwäche. Da gilt eher: allzeit bereit.

Das macht die Sache aber nicht besser, denn dummes Zeug in die Welt zu setzen, nur damit überhaupt etwas gesagt ist, mag im Internet Tagesgeschäft sein, gehört aber eher nicht zu den Aufgaben demokratisch gewählter und vom Bürger bezahlter Volksvertreter. Wenn der Bundesinnenminister also behauptet, das „unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet“ habe „eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung von Jugendlichen“ und bekräftigend hinzufügt, dies könne „kein vernünftiger Mensch bestreiten“, dann ist die Grenze zur Demagogie nicht mehr weit entfernt.

Gamescom 2015

Der rhetorische Trick dahinter, zunächst beliebige Aussagen als gegebene Tatsachen in den Raum zu stellen (Gewaltverherrlichung und schädliche Wirkung) und dann jeglichen Einwand vorsorglich als unqualifiziert abzuweisen (wer will schon gerne als unvernünftig gelten, wenn es um Fragen von Leben und Tod geht?), ist ebenso banal wie manipulativ. Am Rande folgte übrigens – ähnlich wie im obigen Fall der Krankschreibungen – ein vager Hinweis auf „viele Studien“, mit denen die Behauptung belegt sei. Doch wo die herkommen sollen, weiß niemand.

Mindestens so bedenklich wie die manipulativ-demagogischen Tendenzen, die hier zum Einsatz kommen (ob intendiert oder nicht, sei einmal dahingestellt) ist die erschreckende Uninformiertheit des Ministers über die Historie der leidigen Killerspieldebatte. Hochgekocht war sie in den Nullerjahren und um die Dekadenwende mangels Beweis wieder verschwunden. Amokläufe brachten auch damals die Diskussion in Gang (Erfurt 2002, danach Emsdetten 2006 und schließlich Winnenden 2009), Ego-Shooter wie „Counter Strike“ wurden zu Sündenböcken, doch außer jeder Menge heißer Luft blieb am Ende nichts übrig. Belastbare Zahlen zu der kruden Kausalannahme gibt es bis heute nicht. Weltweit belegen friedliche eSport-Events mit Tausenden von Teilnehmern eher das Gegenteil (zuletzt erst in Köln).

Nun ist der dezidiert spielerische Umgang mit Gewalt, Tod und Aggression per se das Lieblings-Schreckgespenst des monokausal geschulten und gelegentlichen Zensurmaßnahmen nicht abgeneigten Kleinbürgers: Wer an der Konsole gerne zur Waffe greift, Death Metal hört oder Slasherfilme konsumiert, steht grundsätzlich unter dem Generalverdacht, früher oder später auf gesetzestreue Bausparer loszugehen. Marilyn Manson und Columbine eben: ein einfaches Erklärungsmodell für überforderte Berufspolitiker. Löst die eigentlichen Probleme nicht, kann aber bestenfalls davon ablenken, dass man völlig planos ist. Thomas de Maizière unterscheidet sich da nicht im Geringsten von anderen argumentativen Schnellschießern.

Abschließend noch eine Gelegenheit zur Feldstudie. Vom 18. bis 21. August findet in Köln die 8. Ausgabe der weltgrößten Computerspielmesse Gamescom statt. Aktuell werden rund 350.000 Besucher erwartet. Allesamt potentielle Amokschützen. Hier unser Angebot an den Bundesinnenminister: Schauen Sie doch einmal vorbei, mischen Sie sich unters Volk, späen Sie die Aggressoren aus. Wir zahlen Ticket, Unterkunft und ein paar Shots an der Hotelbar. Versprochen. [LZ]

Gamescom 2015

[Abbildungen: Alienus Media (Gamescom 2015)]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.