Kevin Kliesch: The sound of TANGLED and MRS PEPPERCORN | Interview (deutsche Fassung)

06. November 2010

Disney's Rapunzel (Tangled), orchestriert von Kevin Kliesch

Selten ist ein Soundtrack lediglich das Produkt desjenigen, der ihn komponiert hat. Wer sich mit Filmmusik auskennt, weiß sehr wohl um jene Leute, die dem Orchesterklang den letzten Schliff verpassen oder manchmal sogar erst entwickeln. Über Jahrzehnte hinweg etwa hat sich Jerry Goldsmith auf die Dienste seines Orchestrators Arthur Morton verlassen – und was wäre Danny Elfman ohne Steve Bartek? Einer der angesehensten Orchestratoren, die gegenwärtig in Hollywood arbeiten, ist Kevin Kliesch. Komponisten wie John Powell, Harry Gregson-Williams, John Ottman, James Horner, Ed Shearmur, Christophe Beck und andere mehr verdanken seinem Talent, seinen Fähigkeiten und seiner Liebe zur Filmmusik eine Menge. Aber Kliesch ist auch selber Komponist, und dabei einer, der gerne einmal eine Herausforderung annimmt. In unserem ausführlichen Interview spricht er über seine Arbeit am aktuellen Disney-Film „Rapunzel (Tangled)“, den Prozess der Orchestrierung, gegenwärtige Trends in der Filmmusik und seinen Score für den Fantasy-Kurzfilm „Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room“ des britischen Filmemachers Mike Le Han.

screen/read: Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, obwohl Du wahrscheinlich sehr beschäftigt bist. Du orchestrierst sehr viele Filme, etwa zehn Stück dieses Jahr bereits, wenn ich richtig gezählt habe.

Kevin Kliesch: Stimmt, es war ein gutes Jahr soweit. Gerade habe ich „Rapunzel (Tangled)“ beendet, den aktuellen Disney-Film. Damit hatte ich bereits Ende März begonnen, und es hat etwa fünf Monate gedauert, die ganze Sache fertig zu stellen. Es gibt circa 67 Minuten Musik in diesem Film und wir hatten eine Menge Zeit – was eher ungewöhnlich ist. Normalerweise haben wir etwa drei oder vier Wochen. Es hängt immer vom jeweiligen Projekt ab, aber in diesem speziellen Fall hatte ich die meiste Zeit, die mir je für einen Film zur Verfügung stand. Davor war der Rekord vier Monate, das war bei „Verwünscht (Enchanted)“. Diesmal waren es fünf, weil die Animation etwas länger gedauert hat. Wir hatten 86 Musiker, um die Partitur aufzunehmen, und letztlich sind wir sogar früher fertig geworden, was immer gut ist. Und das Ergebnis ist wirklich toll.

screen/read: Drei Wochen sind ja nicht besonders viel Zeit.

Kevin Kliesch: Nein, überhaupt nicht. Es ist aber tatsächlich der Normalfall geworden, weil die Postproduktion heutzutage weniger Zeit in Anspruch nimmt, und die Technik es uns einfach erlaubt, schneller zu arbeiten. Bedauerlicherweise wissen die Produzenten, dass wir früher Ergebnisse liefern können, und das ist für uns nicht immer gut. Es bedeutet mehr Druck.

screen/read: Du bist jetzt seit 15 Jahren im Geschäft, was ja eine ganze Zeit ist. Wie waren da die Anfänge? Wie bist Du zur Filmmusik gekommen und zum Komponieren im Allgemeinen?

Kevin Kliesch: Ich war auf dem Berklee College of Music und habe einen Abschluss in Filmkomposition und Klangsynthese gemacht. Damals habe ich mich einfach entschieden, professionell Musik für Filme zu schreiben und zu orchestrieren. Es begann also alles, als ich hier nach L.A. zog. Das war 1996.

screen/read: Als Du noch viel jünger warst, ein Kind vielleicht noch, und Du Dir Filme angesehen hast, war Dir da die Musik bereits bewusst? Und hast Du sie auf eine besonderer Weise wahrgenommen?

Kevin Kliesch: Unbedingt. Wahrscheinlich begann es 1977, als ich zum ersten Mal „Star Wars“ gesehen habe. Viele von uns hat das aufhorchen und sagen lassen, „Wow, sowas kann man tatsächlich machen.“ Und das führte dann zu anderen Soundtracks, die ich sehr bewundere. „Tron“ war einer davon. Wendy Carlos, von der die Musik stammt, hat damals als eine der ersten Orchester und Elektronik miteinander verbunden. Das hat mich einfach gepackt und war ein großer Wendepunkt. Die LP habe ich völlig totgespielt (lacht). Und ich erinnere mich daran, wie „Beverly Hills Cop“ 1984 rauskam und die Single „Axel F“ von Harold Faltermeyer. Das war ein großer Einfluss, weil es mich in diese ganze elektronische Szene einführte, und das zur selben Zeit, als MIDI gerade rauskam. Ich war also irgendwie immer an Filmen und ihrer Musik interessiert, und ich denke, das hat sich einfach bei mir festgesetzt und ist so zu dem geworden, was ich tun wollte.

screen/read: Würdest Du sagen, dass es neben den bereits genannten Namen bestimmte Komponisten gab, die Dich ganz besonders beeinflusst haben? Vielleicht aus dem Goldenen Zeitalter in Hollywood?

Kevin Kliesch: Ich war nie so sehr an der älteren Generation von Filmkomponisten wie Miklos Rozsa oder Bernard Herrmann interessiert. Ich habe nicht viele ihrer Filme gesehen oder ihre Musik gehört. Wir haben sie natürlich am College durchgenommen, aber ich war immer mehr von der jüngeren Generation fasziniert, speziell von James Horner und Jerry Goldsmith und von der Art, wie sie elektronische Instrumente als fünfte Gruppe des Orchesters einsetzten.

screen/read: Später hast Du ja dann selber mit Horner gearbeitet, und es war sicher interessant zu sehen, wie er mit dem Prozess der Orchestrierung umgeht. Wie verläuft das generell, wie treten Komponisten an Dich heran, was bekommst Du von ihnen, und wie viele Freiheiten hast Du da?

Kevin Kliesch: Das hängt vom jeweiligen Film und vom Komponisten ab. Ich hatte alle Varianten von vollständig orchestrierten Mock-ups [Elektronische Versionen der Partitur mit Orchester-Samples], bei denen ich überhaupt nichts tun musste, bis hin zu Fällen wie „Rapunzel“, wo Alan Menken alles für Klavier geschrieben und mir dann die Möglichkeit gegeben hat, selber zu entscheiden, in welche Richtung die Orchestrierung gehen soll. Und ich hatte alle Zwischenformen dieser beiden Extreme. Natürlich ist mir die letztere Variante viel lieber, wo ich also bloß die Klavierspur bekomme und dann eine Menge kreative Freiheit habe, die Musik so zu gestalten, wie ich es will. Im ersteren Fall bekommt man nicht viel Freiheit, sofern man überhaupt welche hat. Aber das macht die Arbeit auch ein bisschen einfacher, weil ich keine Entscheidung über die Orchestrierung treffen muss. Doch kreativ ist das für mich ganz sicher nicht.

screen/read: Ich kann mir vorstellen, dass die Fälle, in denen Du besonders viel Freiheit hast, dem Komponieren am nächsten kommen.

Kevin Kliesch: Ja, so ist es tatsächlich. Man kann ein Klavierdemo nicht sonderlich gut zum Film laufen lassen, denn Regisseure verstehen nicht wirklich, wie es dann später mit einem Orchester klingt. Teil meiner Arbeit bei „Rapunzel (Tangled)“ war es deshalb auch, alle Mock-ups bzw. Synthestrierungen zu erstellen. Das heißt, ich habe Alans Klavierdemos in ein virtuelles Orchester übersetzt, um den Regisseuren [Natahn Greno und Byron Howard] eine Idee davon zu vermitteln, wie die Musik am Ende klingen wird. Für einen Orchestrator ist es ziemlich ungewöhnlich, sowohl die Mock-ups, als auch die Orchestrierung anzufertigen, denn erstens gibt es nicht sonderlich viel Zeit, und zweitens haben die meisten Orchestratoren hier in Hollywood kein voll ausgestattetes Studio, weil sie eben keine Komponisten sind. In aller Bescheidenheit bin ich stolz darauf, sagen zu können, dass ich meine Mock-ups zu einem Punkt bringen kann, wo Leute den Unterschied zwischen Synthestrierung und Orchester nicht wirklich hören. Ich gehe beim Klang der Samples sehr ins Detail, damit sie dem Live-Orchester so ähnlich wie möglich werden.

screen/read: Das ist ja etwas, das Du bei deinem eigenen Score für „Dracula: Ascension“ getan hast, der zwar nach einem großen Orchester klingt, aber in Wahrheit sind das alles Synthesizer, richtig?

Kevin Kliesch: Ja, das stimmt.

screen/read: Völlig unglaublich, denn es klingt doch sehr realistisch.

Kevin Kliesch: Ich denke, dann habe ich gute Arbeit geleistet, wenn Du den Unterschied nicht hören kannst (lacht).

screen/read: Es hat ja Zeiten gegeben, da haben Komponisten wie Maurice Jarre elektronische Scores produziert, die genauso teuer waren wie orchestrale. Heute ist das völlig anders. Passiert es immer noch oft, dass Komponisten damit beauftragt werden, ein Orchester mithilfe von Elektronik zu simulieren, um Geld zu sparen?

Kevin Kliesch: Ja, es passiert immer noch and es wird auch weiterhin so sein, denn die Technik wird einfach immer besser. Und auch die Sounds selber werden immer besser. „Dracula: Ascension“ war 2003, und heute benutze ich wesentlich bessere Samples als es sie damals überhaupt gab.

screen/read: Es ist zwar interessant zu sehen, wie weit die Technologie mittlerweile ist, mit der sich ein komplettes Orchester simulieren lässt, aber für einen Komponisten bleibt es trotzdem sicher wesentlich reizvoller, mit dem Original zu arbeiten.

Kevin Kliesch: Oh, mein Gott, ja! So sehr sich die Sounds über die Zeit auch entwickelt und im Grundsatz verbessert haben, ist das doch immer noch nichts im Vergleich zu einem echten Orchester.

screen/read: Du spielst ja selber eine Reihe von Instrumenten.

Kevin Kliesch: Tue ich. Mein Hauptinstrument ist Klavier. Ich habe mit Trompete begonnen, und mittlerweile spiele ich alle Blech- und auch Holzblasinstrumente.

screen/read: Ich kann mir vorstellen, dass Dir das wahrscheinlich ein viel besseres Gefühl dafür vermittelt, wie der Klang einer jeweiligen Orchestrierung später sein wird.

Kevin Kliesch: Das ist richtig, es gibt mir einen wertvollen Einblick dahingehend, wie die Instrumente im Orchester tatsächlich spielen werden, was sie tun können, und was nicht.

screen/read: Dirigierst Du das Orchester bei den Aufnahmen auch selber?

Kevin Kliesch: Wenn ich als Orchestrator arbeite, nein, dann nicht. Ich sitze mit dem Komponisten im Regieraum. Ich finde, so kann ich ihn besser unterstützen, als wenn ich mich auf Schlagfiguren und die Koordination der Musiker konzentriere. Wenn ich dirigiere, habe ich den Eindruck, dass ich nicht genügend auf die Musikalität achten kann, sondern mich stattdessen auf die Mechanik konzentrieren muss.

screen/read: Du hast eine sehr enge Arbeitsbeziehung zu John Powell und Christophe Beck, für den Du so ziemlich alle Orchestrierungen der letzten Jahre gemacht hast. Nach so einer langen Zusammenarbeit kann ich mir vorstellen, dass nicht mehr allzu viel Kommunikation nötig ist, um bereits im Vorhinein zu wissen, was der Komponist von Dir haben will.

Kevin Kliesch: Genauso ist das. Am Anfang, als ich mit ihm zu arbeiten begann, war er noch dabei, eine Reihe unterschiedlicher Orchestratoren auszutesten, bis er sich dann ganz auf mich verließ. Heute weiß ich ziemlich genau, worauf er jeweils hinaus will.

Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room | Mike Le Han

Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room | Mike Le Han

Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room | Mike Le Han

screen/read: Lass uns über den Fantasy-Kurzfilm „Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room“ von Mike Le Han sprechen, für den Du gerade die Musik schreibst. Wie habt Ihr beiden Euch getroffen, wie kam es zur Zusammenarbeit?

Kevin Kliesch: Ursprünglich stieß er auf eins meiner Stücke auf der Website der Vienna Symphonic Library (VSL) in Österreich. Das ist eine Seite, wo man Orchestersamples kaufen kann, wie ich sie beim Komponieren benutze, also Streicher, Holzblasinstrumente, Blechbläser, Schlagwerk etc. Wie auch immer, da gab es dieses Stück, das ich vor etwa neun oder zehn Jahren geschrieben hatte, und ich beschloss irgendwann, davon ein Mock-up mithilfe der Vienna Symphonic Library zu erstellen. Das habe ich dann dem Firmengründer weitergeleitet, und der hat es auf die Website gestellt. Mike ist dann einfach darüber gestolpert. Zum damaligen Zeitpunkt war er damit beschäftigt, ein früheres Kurzfilmprojekt namens „Jacob Black“ in Angriff zu nehmen, und so hat er mich einfach kontaktiert und gefragt, „Wärst Du interessiert, die Musik für diesen kleinen Kurzfilm zu schreiben, an dem ich gerade arbeite?“ Und weil ich immer nach neuen musikalischen Projekten und neuen Filmemachern Ausschau halte, mit denen ich eine Arbeitsbeziehung aufbauen kann, habe ich ihm gesagt, „Ja, würde ich gern“, und so fing alles an. Das Stück, das man auf der Website von „Jacob Black“ hören kann, das ist eben dieses, das bei VSL zu finden war. So trafen wir uns also durch einen wirklich glücklichen Zufall, und so kam ich dann auch dazu, an „Mrs Peppercorn“ zu arbeiten. Der Score ist insgesamt etwas über 20 Minuten inklusive End Credits. Ich bin gerade fertig geworden, und Mike könnte nicht zufriedener sein.

screen/read: Wie bist Du die Musik angegangen? Hast Du bei Null begonnen, habt Ihr bestimmte Ansätze diskutiert, oder hast Du vor allem auf das Temp Track reagiert, das Mike eingesetzt hat?

Kevin Kliesch: Er hatte da zwar ein Temp Track, aber ich hatte das Gefühl, dass das nicht so ganz der richtige Ansatz für den Film war. Ich habe dann jeden Tag über iChat mit ihm darüber gesprochen, in welche Richtung wir uns bewegen sollten. Er hatte nicht wirklich viel, das er für die passenden Temps gebrauchen konnte, also habe ich mich alleine dran gesetzt und geschrieben, was ich für den Ton des Films am angemessensten hielt, und das Resultat hat ihm dann auch sehr, sehr gut gefallen.

screen/read: Es wird interessant sein zu hören, in welche Richtung Du da gegangen bist, besonders, da es so ein ungewöhnliches Sujet für einen Kurzfilm ist. Kommt es eher selten vor, dass Du mit Filmprojekten jüngerer, aufsteigender Regisseure konfrontiert wirst, die einen derart hochwertigen Produktionsaufwand mit sich bringen wie Mike?

Kevin Kliesch: Nein, die Antwort ist nein. Einige der Effekte, die er da hat, sind einfach atemberaubend und gänzlich auf einer Ebene mit dem, was man von einem Hollywood-Blockbuster erwarten würde. Und da auch noch jeder der Beteiligten seine Zeit ohne Gegenleistung zur Verfügung gestellt hat, ist es einfach sensationell, auf dieser Ebene eine so hochwertige Arbeit zu finden.

screen/read: Deinen Ansatz hier mit den Großproduktionen in Hollywood verglichen und der Art und Weise, wie dort an Musik herangegangen wird: Würdest Du die Auffassung einiger namhafter Komponisten teilen, dass einprägsame Melodien in heutigen Produktionen nicht mehr sonderlich gewünscht sind, und dass Filme deshalb wesentlich weniger musikalische Themen zu bieten haben, als das in den 70ern und 80ern der Fall war?

Kevin Kliesch: Ja, absolut. Es ist einfach eine Tatsache, dass der Prozess des Komponierens von der Technik erobert worden ist, und der Zugang zu all diesen neuen Sounds, die permanent rauskommen, hat die Art und Weise dramatisch verändert, wie Filmkomponisten heute beauftragt werden, und was man von ihnen verlangt. Die Betonung auf Melodie hat stark abgenommen, und umso mehr werden heute Texturen verlangt. Es gibt inzwischen viele Soundtracks mit einer Menge Texturen und gehaltenen Noten, doch sie haben nicht die Musikalität, die Filmmusik einmal hatte. Und dabei ist es einfach so, dass jeder Komponist lieber eine Melodie schreiben würde, an die man sich für alle Zeit erinnert. Zuletzt sagte sogar einer der Musiker, die an „Rapunzel“ gearbeitet haben, zu mir, „Es ist ein solches Vergnügen, einmal wieder Musik spielen zu können, die eine Form hat mit Melodie und Hamonie und Themen.“ Und das war einfach schön zu hören und auch ein großes Kompliment für den Komponisten Alan Menken.

Für „Peppercorn“ habe ich eine Art Hybrid komponiert. Ich gehe den melodischen Weg, aber erstelle auch eine Menge texturbasiertes Material. Es ist ein sehr düsterer Film, der nicht nach allzu vielen musikalischen Themen verlangt. Mike hat mir gegenüber immer betont, dass er überall einen dunklen Klangteppich haben will, der nicht zuviel Melodie beinhaltet. Speziell die Eröffnungssequenz, so wie sie jetzt fertiggestellt ist, hat, glaube ich, überhaupt gar keine Melodie. So ist es also eine pochende, dunkle Partitur, aber sie ist nicht wirklich melodiös.

screen/read: Da es ein Kurzfilm ist, gibt es ja ohnehin nicht viel Raum, um musikalische Themen zu entwickeln.

Kevin Kliesch: Das stimmt. Es wird ein Thema für das kleine Mädchen Eloise geben, und Du kannst davon ausgehen, dass in der magischen Bibliothek eine Menge Zauberei vor sich geht, und deshalb werde ich da auch ein paar melodische Klänge im Hollywood-Stil einbauen.

screen/read: Lass uns einmal spekulieren. Wenn Du die Musik für irgendeinen Film aus der Vergangenheit schreiben könntest, welche Beispiele würden Dir da spontan einfallen?

Kevin Kliesch: Jeglicher Science Fiction Film aus den späten 80ern und frühen 90ern. „Total Recall“ von Jerry Goldsmith ist einer meiner absoluten Lieblingssoundtracks. Den höre ich mir immer und immer wieder an, und er ist einfach unglaublich. Und einige der „Star Trek“-Filme aus den 90ern und späten 80ern, die er gemacht hat, die Themen und all die Texturen, die ihm eingefallen sind – er war einfach ein echter Meister. Und dann all die Partituren von John Williams, wie etwa „Minority Report“. Ich würde also wirklich gerne eines Tages einmal einen Science Fiction Film machen.

Auf der anderen Seite fühle ich mich in jedem Genre wohl. Im Verlauf meiner Karriere habe ich wirklich sehr, sehr viele Filme orchestriert, wie man an meiner imdb-Filmographie sehen kann. Und als Orchestrator eignet man sich eine Menge Techniken an, um Dinge richtig hinzubekommen. Ich bin natürlich ein Riesenfan von Filmmusik und besitze eine ziemlich große Sammlung mit Soundtracks, von denen ich sehr viel darüber gelernt habe, wie man bestimmte Techniken auf ein spezielles Genre anwendet. Und deshalb fühle ich mich überall wohl, egal ob in Komödien, Dramen, Science Fiction, Horror oder Animationsfilmen, von denen ich eine Menge gemacht habe. Es gibt da also kein Genre, von dem ich denke, dass ich nicht irgendetwas Interessantes bieten könnte.

screen/read: Angenommen, Du bekämst das Angebot für einen Science-Fiction-Film, und die ganze Sache würde nach einem rein elektronischen Score verlangen, würdest Du diesen Weg gehen oder doch eher eine Orchesterpartitur schreiben?

Kevin Kliesch: Das hängt wirklich davon ab, was die Produzenten wollen. Aber wenn ich frei entscheiden könnte, würde ich eine hybride Version wählen in der Art, wie es Jerry Goldsmith getan hat, als er die elektronischen Instrumente als fünfte Gruppe des Orchesters genutzt hat. John Powell oder Harry Gregson-Williams komponieren heute so, und ich liebe das ebenfalls. Ich könnte mir nicht vorstellen, einfach eine reine Orchesterpartitur zu schreiben, ohne wenigstens ein paar elektronische Texturen, Percussions oder ähnliches einzubauen. Einfach, damit es sich unterscheidet.

screen/read: Heutzutage wird Filmmusik immer mal wieder live aufgeführt, auch wenn sich das auf wenige Komponisten und Soundtracks beschränkt, wie etwa „The Lord of the Rings“.  Glaubst Du, dass Filmmusik auf diese Weise möglicherweise verstärkt wahrgenommen werden kann?

Kevin Kliesch: Ja, das ist eine großartige Möglichkeit, um eine jüngere Generation an Filmmusik heranzuführen. Aber es ist auch so, dass die meisten Orchester, zumindest hier in den Staaten, kein Geld mehr haben, viele von ihnen brechen die Saison ab und kündigen den Musikern. Wenn man also so etwas hat, kann das nicht nur die Aufmerksamkeit auf das Genre Filmmusik lenken, sondern auch auf orchestrale Livemusik insgesamt, und das ist in jedem Fall eine gute Sache.

screen/read: Wenn Du die Gelegenheit bekämst, ein Konzert mit Scores zu spielen, an denen Du beteiligt warst, wäre das etwas, was Du tun wolltest?

Kevin Kliesch: Ehrlich gesagt habe ich darüber nie nachgedacht. Ich glaube, da habe ich noch nicht den richtigen Punkt meiner Karriere erreicht, aber wenn genügend Interesse an einer Partitur bestünde, die ich komponiert habe, und wenn Menschen sie hören wollten, dann würde ich das ganz sicher tun. Es ist einfach so, die Erfahrung, sich ein Orchester live anzuhören, ist schlichtweg exponentiell großartiger als den CD-Player anzuschalten – na, das zeigt, wie alt ich langsam werde (lacht). Heute ist es doch eher ein iPod.

screen/read: Kevin, danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Es war sehr nett, mit Dir zu sprechen.

Kevin Kliesch: Ganz meinerseits. Danke für das Interview.

[Abbildung Rapunzel (Tangled) © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved]
[Abbildungen Mrs Peppercorn © Black Lake Films Limited]
[Foto Kevin Kliesch von Bettie Robertson]

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