Katakomben | Filmkritik

05. September 2014

Katakomben

Was man bislang nicht wusste: Antike aramäische Gedichte sind so verfasst, dass sie sich automatisch reimen, wenn man sie mal rasch in die eigene Sprache übersetzt. Zudem speziell für US-Touristen interessant: Spricht man Franzosen in ihrem Heimatland in perfektem Französisch an, antworten sie erfreulicherweise direkt auf Englisch (wenn auch nicht akzentfrei). Untote Franzosen gehen gar so weit, diese Form der Konversation gegenüber den eigenen Landsleuten zu praktizieren. Erstaunlich, n’est-ce pas? Solche und andere bemerkenswerte Lektionen lernt man, wenn einem die Wackelkamera der Brüder Dowdle („Devil – Fahrstuhl zur Hölle“) das Hirn nicht bereits nach den ersten Minuten ihres Found-Footage-Gruslers zu oeufs brouillés geschüttelt hat.

Mit einem allzu durchdachten Drehbuch sollte man also lieber nicht rechnen und die Menge der Logiklöcher wird nur noch von den zahlreichen Gelegenheiten übertrumpft, bei denen die Protagonisten ein erschrecktes „Mein Gott!“ (mit oder ohne einleitendes „Oh!“) ausrufen. Der Rest des Dialogs besteht vor allem aus schlau klingenden Erklärungen, mit denen geheimnisvolle Rätsel gelöst werden, die den Fundort des sagenumwobenen Steins der Weisen zu offenbaren versprechen – ein McGuffin aus dem Portfolio mythisch-historischen Plunders, den Indiana Jones und seine popkulturellen Epigonen bislang übersehen haben.

Aus irgendeinem Grund, den der Verfasser dieser Zeilen nicht so genau mitbekommen hat (was plötzlichem Sekundenschlaf im ersten Drittel geschuldet sein könnte), findet sich das alchemistische Sahnestück irgendwo in einem öffentlich unzugänglichen Teil jenes labyrinthischen Gewölbekomplexes unterhalb von Paris, in das Louis XVI. einst mehrere Millionen Leichen verfrachten ließ. Von Ehrgeiz und Schuldgefühlen ihrem verstorbenen Vater gegenüber getrieben, verschlägt es eine junge Archäologin mit dem vielsagenden Namen Scarlett Marlowe (was für eine Kombination!) tief hinab in eben jene Katakomben, die den Fund des magischen Artefaks versprechen.

Und weil „As above, so below“ (der Originaltitel) nach dem Prinzip des Abzählreims aufgebaut ist, bedarf es einer Reihe von Begleitern, die als Kanonenfutter dienen können: Kenner der unterirdischen Stollen, sogenannte Cataphile, die selbst vor der Erforschung verbotener Zonen nicht zurückschrecken (also vermutlich auch keine Kenntnis der ähnlich gelagerten Produktion „Catacombs“ von 2007 haben). Außerdem ein Ex-Freund, der allem Anschein nach eine emotionale Komponente ins Spiel bringen soll.

Katakomben

Damit der Zuschauer aber ebenfalls etwas von der Tour hat und der Budgetrahmen dabei überschaubar bleibt, schließt sich ein Dokumentarfilmer an, der allen Beteiligten eine Helmkamera verpasst, mit welcher das gesamte Geschehen aufgezeichnet wird – ein erzählerischer Trick, der ähnlich bereits in „[REC2]“ zum Einsatz kam (dessen Vorgänger die Dowdles unter dem Titel „Quarantäne“ 2008 ein englischsprachiges eins-zu-eins-Remake verpasst hatten).

Man kann sich an fünf Fingern abzählen, was in den titelgebenden Katakomben passiert, die Frage ist eigentlich nur: Wann. Einstürzende Decken? Abstürzende und/oder steckenbleibende Protagonisten? Geisterhafte Erscheinungen? Lässt sich alles wie auf einer Liste abhaken. Dass sich trotzdem keine Langeweile breitmacht, ist vor allem der atmosphärischen Dichte zu verdanken, die im Zusammenspiel von Sujet, Location und Machart trotz aller Klischees und Vorhersehbarkeiten erstaunlich gut gelingt.

Denn weil dem ausschließlichen Einsatz der POV-Kamera naturgemäß eine gewisse klaustrophobische Komponente anhaftet (es sei denn, man findet einen faszinierend entfesselnden Ausweg aus dem Dilemma wie in „Chronicle“), ist der beengte Spielort der Katakomben mit ihrer permanenten Damoklesfunktion einer Falle, aus der es kein Entrinnen gibt, die ideale Potenzierung des konsequent eingehaltenen (und durch den Einsatz der Helmkameras auch einigermaßen erklärbaren) formalen Prinzips.

Dass die Vorführung auf Großleinwand genau diesem Effekt wiederum merklich entgegenwirkt und der heimische TV-Bildschirm eigentlich die bessere Abspielvariante darstellt, ist im Grunde ein echter Treppenwitz, zumal der hiesige Verleih einiges an Geld in flächendeckende Plakatierung gesteckt hat, um das Zielpublikum möglichst zahlreich ins Kino zu locken (wenn auch mithilfe eines Motivs, dass den Found-Footage-Charakter des Films attraktiv verschleiert). [LZ]

OT: As above, so below (USA 2014) REGIE: John Erick Dowdle. BUCH: John Erick Dowdle, Drew Dowdle. MUSIK: Keefus Ciancia. KAMERA: Léo Hinstin. DARSTELLER: Perdita Weeks, Ben Feldman, Edwin Hodge, François Civil, Marion Lambert, Ali Marhyar, Cosme Castro, Olivia Csiky Trnka. LAUFZEIT: 93 Min.

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[Abbildungen: Universal Pictures International Germany]

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