Jurassic World | Filmkritik: Reichlich Dinos, wenig Story

11. Juni 2015

Jurassic World

Es gibt sie also noch, die Kinderzimmer, in denen sich keine Wii, Xbox oder Playstation finden lässt, sondern ausschließlich analoges Spielzeug in den Regalen steht und würdevoll vor sich hin staubt – so jedenfalls will es das Setdesign dieses erneuten Ausflugs in die Welt der geklonten Ur-Echsen. Mit den Errungenschaften der Digitaltechnik kann der etwa 10-jährige Gray Mitchell offenbar wenig anfangen, denn sein Zimmer: siehe oben. Das ist vor allem deshalb so kurios, weil der Junge als eine der zentralen Figuren ab dem zweiten Akt permanent vor computergenerierten Kreaturen davonlaufen muss, deren wirtschaftlicher Mehrwert vor allem in der Weitervermarktung liegt – etwa als analoges Spielzeug.

Daran hat sich seit 1993 nichts Wesentliches geändert. Mit dem geradezu hysterischen Kinostart von „Jurassic Park“ war den Plastikdinosauriern eine Weile lang nur schwerlich aus dem Weg zu gehen. Auf der Leinwand konnte man den T-Rex und seine Genossen lebensecht wie nie zuvor bestaunen und in den Spielzeugläden ging alles über die Ladentheke, was irgendwie nach Urzeit aussah. Kein Kind, das damals nicht mindestens ein halbes Dutzend Fleisch- und Planzenfresser aus dem Mesozoikum sein Eigen nannte.

Heute sind diese Kinder Mitte 30 und werden wohl beim Kinobesuch mit den eigenen Nachkommen in Erinnerungen schwelgen, wann immer „Jurassic World“ einen mal ironischen, mal ehrfürchtigen Bogen zum Original des Franchise spannt, ohne es dabei freilich zu übertreiben (obwohl: eine Richard-Attenborough-Statue?) – schließlich soll hier bestenfalls eine ganz neue Trilogie entstehen, die den veränderten Marktbedingungen und Sehgewohnheiten Tribut zollt.

Jurassic World

Das bedeutet 3D, CGI und möglichst einfache Charakterzeichnung, denn ein zunehmend wichtiger werdendes Publikum finden Hollywoods Sommer-Blockbuster in China und dem asiatischen Raum. Story und Figuren müssen also mit möglichst geringem Reibungsverlust auskommen. Stars stehen nur im Weg, denn je austauschbarer die Gesichter, desto besser. Riesenmonster und Riesenroboter passen da gut ins Schema. Man schaue sich etwa die internationalen Einspielergebnisse von „Pacific Rim“, „Godzilla“ und „Transformers 4“ an.

„Jurassic World“ fügt sich perfekt in dieses Schema ein. Die ohnehin mehr als simple Geschichte mit ihrem holzschnittartigen Figurenensemble dient mehr oder weniger als narrativer Kitt, der die Auftritte der Dinos zusammenhält. In wenigen Worten: Über zwei Jahrzehnte nach den unseligen Ereignissen rund um den berüchtigten „Jurassic Park“ ist aus der Isla Nubar ein erfolgreicher Themenpark rund um urzeitliche Wirbeltiere geworden. Doch wiederbelebten Carnivoren bei der Fütterung zusehen zu können, reicht für ein langfristig florierendes Geschäft nicht aus. Neue Züchtungen müssen her – wie etwa der gigantische Indominus Rex. Den hält es allerdings nicht lange in seinem Gehege, und so laufen die Parkbesucher schon sehr bald panisch um ihr Leben.

Jurassic World

Das ist alles nett anzusehen, visuell makellos und ab und an mit konsumkritischen Spitzen versehen (eine Absurdität in einem Franchise, das von möglichst breitem Konsumverhalten lebt), doch mehr als rund 120 Minuten einigermaßen kurzweilige Unterhaltung – wenn auch ohne anhaltende Spannungskurve – sollte man tunlichst nicht erwarten. Wirklich Neues können Regisseur Colin Trevorrow und sein Team jedenfalls nicht bieten – aber was soll das auch sein, wenn die Story selber bereits rundum auf Nummer Sicher geht?

Die Figuren bleiben allesamt mehr als blass und müssen mit Charakterisierungstricks aus dem Dramaturgie-Grundkurs auskommen (ein gescheitertes Liebesverhältnis zwischen den beiden erwachsenen Protagonisten soll für Dynamik sorgen und die Andeutung einer elterlichen Scheidung das jugendliche Geschwisterduo zusammenschweißen, so dass schließlich alle vier im dritten Akt als Ersatzfamilie durchgehen können). Die Geschichte und ihre einzelnen Wendungen sind so vorhersehbar wie der Ablauf einer Betriebsfeier und der Überwältigungsfaktor der animierten Dinos tendiert nach drei Vorgängern und einschlägigen Dokus gegen Null. Einzig reizvoll gerät der Gedanke, speziell ausgebildete Velociraptoren als lebendige Kriegswaffen einzusetzen, doch das bleibt nur ein Nebenstrang (könnte allerdings gerüchtehalber zukünftige Teile der Serie stärker bestimmen).

Im Grunde kommt „Jurassic World“ als Film über einen Vergnügungspark selber wie ein solcher daher: Jeder weiß, was er zu erwarten hat und wo er sich seinen kollektiven Thrill herholt. Wem das genügt, der wird gut bedient. Und damit sich der Besuch auch beim vierten Mal noch lohnt, gibt es neben den bewährten Attraktionen ein leidlich aufregendes Zusatzhighlight, auf das man gerne eine halbe Stunde wartet. Am Ende bläst der T-Rex den Zapfenstreich und der Park schließt seine Tore. Aber das vermutlich nur vorübergehend. [LZ]

Jurassic World

OT: Jurassic World (USA 2015) REGIE: Colin Trevorrow. BUCH: Colin Trevorrow, Derek Connolly, Rick Jaffa, Amanda Silver. MUSIK: Michael Giacchino. KAMERA: John Schwartzman. DARSTELLER: Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Vincent D’Onofrio, Ty Simpkins, Nick Robinson, Irrfan Khan, Jake Johnson, Lauren Lapkus, BD Wong, Omar Sy, Judy Greer, Brian Tee, Katie McGrath, Andy Buckley. LAUFZEIT: 124 Min.

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[Abbildungen: UPI Media]

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