JUAN OF THE DEAD | Filmkritik

12. April 2012

Juan of the Dead

In Edgar Wrights sehr lustiger Zombie-Komödie „Shaun of the Dead“ gibt es eine Sequenz, in der Simon Peggs Hauptfigur früh morgens wie gewohnt im Halbschlaf zum benachbarten Supermarkt schlurft und dabei eine Straße voller Untoten überquert, ohne einen Unterschied zum sonstigen Dämmerzustand seiner britischen Landsleute zu bemerken. Alejandro Brugués hat diese Idee vermutlich so gut gefallen, dass er sie direkt mal zu einem ganzen Erzählstrang verarbeitet hat. Sein Shaun heißt Juan, doch der arbeitsscheue Lebenskünstler ist keineswegs der einzige, der einer allgemeinen Zombiefizierung Havannas lange Zeit völlig ahnungslos gegenübersteht. Allem Anschein nach hat ganz Kuba nach 50 Jahren ideologischer Kopfwäsche für das völlig offensichtliche Geschehen nur eine einzige Erklärung: Die Untoten, das müssen Dissidenten sein.

Daran ändert sich auch eine ganze Weile lang nichts. Selbst als die gesamte Hauptstadt bereits überrannt ist, soll noch eine amerikanische Flagge herhalten, um den imperialistischen Klassenfeind milde zu stimmen. Aber wie könnten sie es auch besser wissen, die Kubaner? Von Zombies haben sie nie etwas gehört, und so gehen Juan und seine Freunde, als sie der Verwandlung eines Lebenden in einen Untoten erstmals live beiwohnen, zwar systematisch alle Horrorkreaturen durch, die sie kennen, doch die notorischen Wiederkehrer fallen ihnen dabei nicht ein. Natürlich nicht, denn einen Zombiefilm aus Kuba gab es bislang nicht. Viel später erst bekommen sie erklärt, womit sie es zu tun haben, und das übernimmt, na klar, ein Amerikaner.

Doch wozu im Detail wissen, womit man es zu tun hat, wenn man bereits genug begriffen hat, um aus der ungemütlichen Lage Kapital zu schlagen? Die Dissidenten greifen offenbar alles, jeden und selbst ihre nächsten Verwandten und Freunde an, um ihnen das Fleisch von den Knochen zu reißen, und sind sonst zu nichts Sinnvollem mehr zu gebrauchen. Also setzt Juan flugs den passenden Service in Gang und eröffnet eine Art Kammerjägerei für Untote. „Wir töten ihre Liebsten“ lautet der unmissverständliche Slogan, und schon bald kann sich der bunte Trupp Zombiejäger vor gut bezahlten Aufträgen kaum mehr retten. Who you gonna call? Genau.

Juan of the Dead

Juan of the Dead

Der Witz hinter dieser immer wieder überraschend einfallsreichen Komödie wurzelt, auch wenn man das kaum glauben würde, im kubanischen Naturell. Aus der Sicht von Filmemacher Brugués jedenfalls gibt es genau drei Strategien, mit denen Kubaner an ein Problem herantreten: Sie schlagen Profit daraus, lassen alles laufen wie bisher oder ergreifen die Flucht. In „Juan of the Dead“ kommen alle drei Optionen zum Einsatz – wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Wer bislang geglaubt hat, niemand brauche beim anhaltenden Overkill der Untoten-Welle noch eine weitere Zombie-Komödie, wird mit „Juan of the Dead“ dankenswerter Weise eines Besseren belehrt. Brugués kehrt im Grunde zu den Wurzeln des Subgenres zurück und nutzt das Sujet für eine politische Parabel, wenn auch hier mit augenzwinkerndem, stets liebenswertem Fokus auf die Mentalität seiner Landsleute. Und nach rund 90 nie so ganz vorhersehbaren Minuten findet der Film auch endlich zu seinem eigentlichen Format (als Motion Comic) und Juan zu seiner wahren Bestimmung. Viva la Revolución! [LZ]

OT: Juan de los Muertos (ES/CU 2011). REGIE: Alejandro Brugués. BUCH: Alejandro Brugués. KAMERA: Carles Gusi. DARSTELLER: Alexis Díaz de Villegas, Jorge Molina, Andrea Duro, Andros Perugorría, Blanca Rosa Blanco, Jazz Vilá, Eliecer Ramírez. LAUFZEIT: 92 Minuten.

Juan of the Dead

Juan of the Dead | Poster

[Abbildungen inkl. deutsches Filmposter © 2012 Pandastorm Pictures]

[US-Poster: Outsider Pictures]

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