Jonas Alexander Arnby begibt sich gerne auf unbekanntes Terrain | Interview mit dem Regisseur von WHEN ANIMALS DREAM

12. Juli 2014

Jonas Alexander Arnby

Wer gerade die letzte Folge von „Hemlock Grove“ gesehen hat und Appetit auf eine weitere Werwolf-Schlachtplatte hat, ist hier vermutlich an der falschen Stelle. Das letzte jedenfalls, was man von dem Spielfilm-Debüt des Dänen Jonas Alexander Arnby erwarten darf, sind ausgefuchste Verwandlungs-Sequenzen oder blutige Metzeleien. Ausgewählt für die diesjährige Critic’s Week in Cannes, fügt „When animals dream“ dem Genre stattdessen eine ganze Portion skandinavischen Realismus hinzu und erinnerte nicht wenige Kritiker an das artverwandten Vampirdrama „Let the right one in“. Wie sprachen mit Anby anlässlich der Präsentation seines Films im München und erfuhren (offen gestanden wenig überrascht), dass ein US-Reamke bereits in Reichweite ist.

screen/read: „When animals dream“ als Horrorfilm zu bezeichnen, wäre wohl nur die halbe Wahrheit. Eher müsste man von einem psychologischen Drama mit einem gewissen Werwolfanteil sprechen. Wie hat das Publikum bislang darauf reagiert?

Jonas Alexander Arnby: Der Film manövriert auf eine Weise zwischen den Genres und ich glaube, die Leute sind davon ein bisschen überrascht, wissen nicht so recht, auf welche Seite sie sich schlagen sollen. Aber das hatte ich mir eigentlich auch so erhofft. Also bin ich ganz zufrieden damit, wie der Film aufgenommen wird.

screen/read: Die Verwirrung des Zuschauers war also von Anfang an intendiert?

Jonas Alexander Arnby: Genau. Also es war schon beabsichtigt, aber nicht im Sinne eines größeren Plans, dass ich etwa versucht hätte, das soziale Umfeld und Marie, die Hauptfigur, auf eine bestimmte Weise darzustellen, um neue Wege im Genre zu beschreiten. Alles ist einfach von den Entscheidungen der Figuren motiviert und weil die Geschichte genau dies und nicht anderes benötigt. Weil eine innere Notwendigkeit besteht, in eine bestimmte Richtung zu gehen, und nicht etwa, weil ich als Filmemacher die Möglichkeit besitze, alle denkbaren Wege einzuschlagen.

screen/read: Gab es Vorbilder, die auf diese spezielle Ausrichtung des Films Einfluss genommen haben?

Jonas Alexander Arnby: Ja, Brian De Palmas Version von „Carrie“ und die Hauptfigur waren eine große Inspiration für mich. Eigentlich ist das in positiver Hinsicht ein sehr klischeehafter Film. Ich war immer fasziniert davon, wie einfach die Geschichte erzählt ist. Da wurden einfach die Stereotypen von Heranwachsenden zusammengesucht und in einen Horrorfilm gesteckt. Das hat mich also sehr beeinflusst. Und dann fand ich die Darstellung des sozialen Umfeldes in „Winter’s Bone“ ausgesprochen gelungen. Manchmal sind Charaktere aus einem bestimmten Umfeld einfach viel stärkere fiktionale Figuren also man sie sich selber ausdenken könnte. Und „Winter’s Bone“ war einer der Filme, die mir das besonders deutlich vor Augen geführt haben.

When Animals Dream

screen/read: Ihr Film kommt mit einem sehr geringen Anteil von Dialogen aus. War das ebenfalls eine ursprüngliche Idee oder hat es sich erst nach und nach ergeben?

Jonas Alexander Arnby: Das war absolut eine der Ausgangsideen. Dänische Filme haben oftmals eine ganze Menge Dialog. Für mein Empfinden ist es aber so, dass zuviel Erklärung alle Motivation übermotiviert erscheinen lässt. Stattdessen kann man eine ganze Menge Dinge auch ganz ohne Worte zeigen. Das ist beim Filmemachen viel interessanter. Mir geht es mehr darum, was zwischen den Zeilen passiert. Um die Psychologie, die unausgesprochen bleibt. Das gilt insbesondere für das spezielle soziale Umfeld, in dem dieser Film angesiedelt ist. Diese Menschen reden nicht viel. Sie haben bestimmte Formen, sich ohne Worte auszudrücken. Da passier drinnen viel mehr als draußen.

screen/read: Könnten Sie sich vor diesem Hintergrund vorstellen, einen Stummfilm zu drehen, der ausschließlich über seine Bilder funktioniert?

Jonas Alexander Arnby: [überlegt einen Moment] Nein, ich denke nicht, weil ich mit Konzeptfilmen eigentlich nicht wirklich etwas anfangen kann. Ich balanciere die Dinge lieber nach Maßgabe dessen aus, was das jeweilige Projekt gerade benötigt. Sich mit festen Regeln selbst Grenzen zu setzen, ist nicht meine Art, einen Film anzugehen. Ich bin der Auffassung, dass jedes Projekt auf seine eigen Weise kommuniziert, und so sollte es auch sein. Als ich dieses Jahr in Cannes war, gab es da einen ukrainischen Film, der ohne Dialog auskam. Die beiden Hauptfiguren waren taub und haben nur per Zeichensprache miteinander gesprochen. Ich habe den Film leider nicht sehen können, aber die Idee fand ich interessant, weil das Ausbleiben von Sprache gänzlich durch die Geschichte motiviert war. Und das mag ich.

screen/read: Wie würden Sie als dänische Filmemacher den momentanen Status des dänischen Kinos beschreiben? Wo sehen sie seine Stärken und Schwächen?

Jonas Alexander Arnby: Ich denke, da ist eine neue Ära angebrochen. Vor rund 20 Jahren hatten wir die große Dogma-Welle, die für das dänische Kino damals sehr wichtig war. Danach gab es eine Art Vakuum. Filmemacher wussten nicht so recht, was sie tun sollten. Die Frage war, wie man nach einem so großen Erfolg weitermachen sollte? War es sinnvoll, an Dogma festzuhalten? Sollte man sich davon abwenden? Etwa eine Handvoll von Regisseuren hat das nicht gekümmert, und sie haben ganz unabhängig von dieser Frage gearbeitet. Die Hauptfigur ist natürlich Lars von Trier. Und für seinen Beitrag zum dänischen Kino muss man ihm einfach dankbar sein, ganz egal, ob man seine Filme mag oder nicht. Es gibt schlichtweg keinen zweiten wie ihn. Aber da sind auch noch ein paar andere Regisseuer, die es im Ausland geschafft haben. Ich gehöre hingegen zu einer neues Generation von Filmemachern. Wir machen Genrekino, kommen aus der Werbung, von alternativen Filmschulen oder aus der Filmwissenschaft. Und wir haben eine gewisse Chance, dass unsere Filme auch finanziert werden, weil Markt und Industrie sich für neue Talente geöffnet haben. Nach meinem kommen jetzt drei oder vier weitere Filme raus, die alle einen sozialrealistischen Genre-Ansatz verfolgen. Vermutlich hilft da auch die immense Popularität der dänischen TV-Krimis. Sie richten den Fokus auf Genreproduktionen und das ist gut für die neue Generation.

screen/read: Werden Sie zum Filmemachen auch in Zukunft in Ihrem Heimatland bleiben oder ist es ein Ziel, für einen internationaler ausgerichteten Markt zu arbeiten, also etwa den US-amerikanischen?

Jonas Alexander Arnby: Ich betrachte Film als eine universelle Sprache, auch wenn dänisches Kino einen sehr eigenen Ton besitzt. Aber ich will mich unbedingt weiter entwickeln. Derzeit arbeite ich an einer europäischen Produktion in englischer Sprache. Und es gibt auch bereits ein Angebot aus Los Angeles.

screen/read: Wie stehen Sie zu amerikanischen Remakes erfolgreicher europäischer Filme. Würden Sie es gerne sehen, wenn Ihr Film sich in dieser Tradition einreiht, oder wäre es ihnen lieber, er bleibt unberührt?

Jonas Alexander Arnby: Wir verhandeln bereits über die Remake-Rechte. Man hat natürlich jahreland Gefühle in einen Film investiert. Aber man muss irgendwann auch loslassen können. Wenn sich jemand also an eine Adaption wagen will, sollte man ihn machen lassen. Ich selber würde daran jedoch nicht beteiligt sein wollen. Das hat dann nichts mehr mit mir zu tun und ich würde meinen Namen nicht damit in Verbindung bringen wollen, egal wie gut oder schlecht das Ergenis ist. Ich habe mit diesem Film abgeschlossen und würde ihn nicht noch einmal machen. Wenn ein anderer aber eine Idee hat, wie man ihn neu angehen könnte, ist das für mich in Ordnung.

screen/read: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Werden Sie dem Horrorgenre treu bleiben oder wollen Sie lieber in eine ganz andere Richtung?

Jonas Alexander Arnby: Ich denke, ich werde immer versuchen, etwas völlig anderes auszuprobieren, wenn ich die Chance dazu bekomme. Einen weiteren Horrorfilm werde ich nicht machen. Ich liebe Horror, will aber nicht weiter in diesem Feld arbeiten. Mich interessiert Science Fiction, Drama, Thriller und alles jenseits von Horror. Der Grund dafür ist, dass ich mich gerne auf unbekanntem Terrain bewege. Als kreativ Schaffender muss man seine gewohnte Umgebung verlassen und mit Horror fühle ich mich jetzt ein bisschen zu sicher. Jetzt will ich zu neuen Ufern aufbrechen.

When animals dream

[Bildnachweise: Elizabeth Heltoft Arnby (portray) | Prokino]

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