Being Joe Pesci: Ein Interview mit Schauspieler Joseph Russo (JERSEY BOYS)

30. Juni 2014

Joseph Russo spielt Joe Pesci in JERSEY BOYS

Es ist mittlerweile eine ganze Weile her, dass sich Joe Pesci offiziell vom Filmgeschäft zurückgezogen hat. Und doch gibt es ihn derzeit wieder auf der großen Leinwand zu sehen. Aber ist das wirklich er? Nicht ganz. Hinter der wesentlich jüngeren Version des legendären italo-amerikanischen Schauspielers in Clint Eastwoods Verfilmung des erfolgreichen Broadway-Hits „Jersey Boys“ steckt Newcomer Joseph Russo. Wir sprachen mit dem charmanten Darsteller nur wenige Stunden vor der Premiere seines Films in Los Angeles, wo er hoffte, keinen Geringeren treffen zu können als – richtig geraten – Joe Pesci.

screen/read: Nur noch wenige Stunden bis zur Premiere Deines Films. Ich schätze, Du bist ziemlich aufgeregt.

Joseph Russo: Das bin ich allerdings. Vor zwei Wochen war ich auf der New Yorker Premiere und das war bereits ziemlich aufregend.

screen/read: Muss es nicht der Traum eines Schauspielers sein, mit einer Legende wie Clint Eastwood zu arbeiten?

Joseph Russo: Und wie. Es gab Momente, die waren völlig surreal und wild. Clint war so voller Leidenschaft für den Film. Er achtete auf jedes Details. Es ist sensationell, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Ich habe nicht eine einzige Minute in meinem Wohnwagen verbracht. Ich wollte jeden Tag am Set verbringen, um einfach nur zuzusehen. Selbst wenn ich erst Stunden später dran war, war ich schon früh da. Es war wirklich beeindruckend. Mit den anderen Schauspielern verstand ich mich gut und wir probten vor dem Dreh eine Menghe zusammen. Jeder war mit soviel Herzblut dabei. Wir wurden zu Freunden und Familienmitglieder und haben auch jetzt noch Kontakt.

screen/read: Die Hauptdarsteller sind ja dieselben wie bei der Broadway-Version.

Joseph Russo: Ja, mit Ausnahme von Vincent Piazza.

screen/read: Das muss für Dich doch eine ziemlich ungewöhnliche Erfahrung gewesen sein, mit Leuten zu arbeiten, die an die Bühne gewöhnt sind und diese Figuren schon eine ganze Weile gespielt haben.

Joseph Russo: Das ist keine einfache Angelegenheit. Bühne und Film sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, zwei unterschiedliche Formen von Schauspielerei. Und was sie gemacht haben, war echt beeindruckend. Ich sah dabei zu, wie sie Figuren spielten, die durch und durch ausgereift waren, denn sie hatten das ja schon so oft gemacht. In Tausenden von Vorführungen. Sie leben praktisch mit diesen Figuren.

screen/read: Kann ich mir vorstellen. Kanntest Du die Bühnenfassung vorher?

Joseph Russo: Nein, und ich glaube, das hat mir geholfen. So kam ich gar nicht in die Gefahr, etwas zu kopieren, was ein anderer Schauspieler schon einmal gespielt hat. Es war wie eine leere Leinwand, auf der ich mein eigenes Bild malen konnte, meine eigene Herangehensweise.

screen/read: Das Besondere ist, dass Du nicht nur eine reale Person spielst, sondern auch noch einen berühmten Schauspieler, Joe Pesci. Wie hast Du Dir die Rolle erarbeitet?

Joseph Russo: Da gab es ein paar Dinge, die ich auf die Reihe kriegen mussten. Erst einmal habe ich mir alle Filme von Joe Pesci angesehen. Danach ging es dann an die Recherche. Ich wollte genau herausfinden, wann er was gemacht hatte. Was die ganze Sache noch interessanter gemacht hat, war die Tatsache, dass er zwar 1943 geboren ist, zum ersten Mal aber nicht vor 1980 wirklich öffentlich zu sehen war, nämlich in „Wie in wilder Stier“. Da war er bereits 40 Jahre als und ich spiele ihn im Alter von 16 bis 25. Also musste ich einen Weg finden, das wiederzugeben, was ihn in diesem Zeitrahmen ausgemacht hat. Und dann sollte es auch eine Art Hommage werden, denn künstlerisch betrachtet ist er einer meiner großen Helden. Also spielte ich in jeder Szene einen anderen Joe Pesci aus einem seiner Filme. Da gibt es Leo Getz aus „Zwei stahlharte Profis“ zu entdecken, Nicky Santoro aus „Casino“, Tommy DeVito aus „Goodfellas“ und natürlich Joey aus „Wie ein wilder Stier“.

screen/read: Wenn Du sagst, dass Du ihn ihm Alter von 16 bis 26 spielen musstest, darf ich da fragen, wie alt Du selber bist?

Joseph Russo: Ich bin 29. Ich musste also irgendwo dazwischen eine Balance finden. Aber Clint gibt einem die Möglichkeit, Dinge herauszufinden, während der Dreh bereits läuft, und das half mir eine Menge.

screen/read: Hat der echte Joe Pesci schon etwas zu Deiner Darstellung gesagt?

Joseph Russo: Noch nicht, aber ich hoffe, dass ich ihn heute abend auf der Premiere treffe.

Lou Lombardi, Joseph Russo, Jeremy Turbo on the set of JERSEY BOYS

[Oben: Lou Lombardi, Joseph Russo, Jeremy Turbo am Set von JERSEY BOYS]

screen/read: Allgemein gefragt, welche Unterschiede siehst Du in der Darstellung eines rein fiktiven Charakters auf der einen und eines realen auf der anderen Seite?

Joseph Russo: Gute Frage. Ich würde sagen, wenn man eine Figur ganz bei Null beginnt, ist man nur an die Bedingungen des Ausgangsmaterials gebunden. Man muss diesen Menschen mit dem eigenen natürlichen Schauspielerinstinkt in gewissen Sinne erst erfinden, also im Sinne von, was würde er tun und lassen, wie würde er sein etc. Eine Figur auf der Basis einer realen Person darzustellen, gab mir im Gegensatz dazu ganz klare Parameter vor. Ich könnte mir jede Menge Informationen über Joe Pesci beschaffen und gleichzeitig meine ganz eigene Vorstellung davon entwickeln, wie er in dem betreffenden Zeitraum wohl gewesen sein mag. Manchmal hat mich das ein bisschen überwältigt, aber zugleich war es auch ein echtes Geschenk.

screen/read: Wenn Du die Gelegenheit hättest, die Hauptrolle in einer Filmbiografie zu spielen, gäbe es da jemanden, den Du ganz besonders gerne darstellen würdest?

Joseph Russo: Oh ja. Kennst Du Sammy „The Bull“ Gravano? Er war ein Top-Mafioso mit Verbindungen zur John Gotti und der Gambino-Familie. Eine ziemlich große Nummer. Und dann Arturo Gatti. Er ist einer meiner Lieblingsboxer und seine Geschichte ist ziemlich einzigartig und sein Tod bis heute ungeklärt. Das wären so meine Traumrollen. Sollte es allerdings Arturo Gatti werden, muss ich mich wohl fit halten [lacht].

screen/read: Klingt nach einer guten Motivation. Aber zurück zu „Jersey Boys“. Wie bist Du zu dem Film dazugestoßen?

Joseph Russo: Mein Management hat mir ein Vorsprechen für die Rolle organisiert. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, wie wichtig Joe Pesci für die „ Four Seasons“ gewesen war, aber ich wollte ihn angemessen darstellen. Es kostete mich einiges an Zeit, das richtige Outfit zu finden, denn es sollte ja zu ihm passen. Dann ging ich also zum Vorsprechen und erfuhr einige Zeit später, dass ich wohl neben vier bis fünf anderen auf Clint Eastwoods Shortlist stand. Wieder ein paar Tage später hieß es dann, ich sei auf die Spitzenposition aufgerückt, dann sogar, dass ich seine erste Wahl sei, doch eine offizielle Aussage gab es nicht. Trotzdem war das der Zeitpunkt, als ich intensiv zu recherchieren begann, denn falls die Bestätigung kommen und der Dreh direkt am nächsten Tag beginnen sollte, wollte ich nicht unvorbereitet sein. Nach einer weiteren Woche sagte mir mein Manager dann ganz verbindlich, dass ich den Job hatte.

screen/read: Wie würdest Du den Film aus Deiner Sicht beschreiben? Als Musical?

Joseph Russo: Es ist ein Feelgood-Film, einer, in dem keine Sekunde verzichtbar ist. Es gibt zwar einen dunklen Unterton in der Verbindung zur Mafia, aber in erster Linie verlässt man das Kino beschwingt und vermutlich mit einem der Lieder auf den Lippen. Ich würde aber nicht sagen, dass es ein Musical ist. Eher ein Film mit Musik drin. Die Figuren singen nur, wenn sie es auch im Rahmen der Handlung sollen, also zum Beispiel in der „Ed Sullivan Show“ oder im Tonstudio. Sie legen nicht einfach so aus heiterem Himmel los.

screen/read: Wie sieht Deine berufliche Zukunft nach „Jersey Boys“ aus, was sind Deine nächsten Projekte?

Joseph Russo: Im Kürze kommt ein sehr, sehr lustiger Film mit dem Titel „Lucky Number“ heraus. Ich spiele gerne in Komödien, das ist mein Ding. Natürlich mache ich auch Dramen, aber Komödien sind mir das Liebste. Und dann gibt es da noch ein paar Dinge, an denen ich gerade arbeite, über die ich aber noch nichts sagen darf. Und ich lese natürlich jede Menge Drehbücher, um zu entscheiden, was als nächstes kommt.

[Unser Dank gilt Joseph Russo für seine Zeit und Geduld, sowie unserem guten Freund Filmemacher und VFX-Meister David Roddham, der dieses Gespräch möglich gemacht hat. - Die englischsprachige Version dieses Interviews findet sich hier ]

Jersey Boys

[Abbildungen: Screencaptures | Joseph Russo (Setfoto)]

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