Joe | Filmkritik

19. November 2014

Joe

Gerade heutzutage, in Zeiten, in denen das amerikanische Kino immer häufiger auf Überwältigungsstrategien und konturlose Fortsetzungen vertraut, droht der Kern einer jeden guten Geschichte verloren zu gehen: ambivalent gezeichnete Figuren, die nicht bloß als billige Erfüllungsgehilfen hektisch getakteter Plots fungieren, sondern das Geschehen auf der Leinwand mit wirklichem Leben füllen. Umso erfreulicher ist es, wenn ein Filmemacher diesem bedenklichen Trend entschieden entgegensteuert. So wie David Gordon Green, der sich nach einer qualitativ durchwachsenen Komödienphase („Your Highness“, „Bad Sitter“) mittlerweile wieder seiner Vorliebe für markante Außenseiter und ländliche Räume widmet, von der schon seine ersten Regiearbeiten (etwa „George Washington“ und „All the Real Girls“) durchdrungen sind.

Ausgangspunkt seiner Rückkehr zu alten Themenkomplexen war der viel gelobte „Prince Avalanche“, eine Adaption des isländischen Films „Either Way“, die 2013 in Sundance ihre Uraufführung feierte. Kurz danach folgte das eindringliche Südstaatendrama „Joe“, das auf einem Roman des 2004 verstorbenen US-Autors Larry Brown basiert. So sehr man den deutschen Verleih beglückwünschen möchte, dass er das Werk nun auf den hiesigen Markt gebracht hat, so ärgerlich ist einmal mehr der wohl aus vermarktungstechnischen Gründen beigefügte Titelzusatz („Die Rache ist sein“), der dem Ganzen eine unangebracht reißerische Note verleiht. Statt blinder Selbstjustizfantasien stehen nämlich vor allem ausgiebige Figurenbeobachtungen im Zentrum dieses in vielerlei Hinsicht sehenswerten Films.

Mitten im texanischen Nirgendwo verdingt sich der frühere Häftling Joe Ransom (Nicolas Cage) als Chef einer kleinen Waldarbeiterkolonne, die für eine örtliche Holzfirma alte Bäume vergiftet, damit sie gefällt und durch neue Pinien ersetzt werden können. Eines Tages taucht der 15-jährige Gary (Tye Sheridan, „The Tree of Life“) auf, der erst vor kurzem mit seiner Familie in die Gegend gezogen ist, und bietet Joe seine Dienste an. Der bärbeißige Mann stellt den Teenager ein und ist schon bald erstaunt über dessen unermüdliches Engagement. Gleichzeitig erkennt er, dass der Junge unter den brutalen Ausfällen seines Vaters Wade leidet, der mit dem Geld des Sohnes seinen Alkoholkonsum finanziert. Während sich Joe mehr und mehr für Gary verantwortlich fühlt, muss er sich plötzlich mit den Provokationen des unberechenbaren Willie-Russell herumschlagen und kann seine aufgestaute Wut schon bald nicht mehr unter Kontrolle halten.

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Ein Mann nimmt einen jungen Burschen unter seine Fittiche, will ihm ein besseres Leben ermöglichen und tritt damit eine fatale Ereigniskette los – wie David Gordon Green im informativen Bonusmaterial der DVD offen gesteht, erfindet der Film mit seiner Geschichte das Rad keineswegs neu. Was letztlich passieren wird, ist, bis zu einem gewissen Grad, absehbar, bringt „Joe“ aber nicht um seinen Reiz, da in erster Linie das „Wie“ bedeutsam ist. Losgelöst von mechanischen Plot-Point-Strukturen, tauchen der Regisseur und sein Drehbuchautor Gary Hawkins in eine düstere, von Hoffnungslosigkeit und Gewalt geprägte Welt ab.

Ein vergessenes Amerika, in dem die weiße Unterschicht – auch als White Trash bekannt – ähnlich wie in Debra Graniks eindrucksvollem Country-Noir „Winter’s Bone“ mehr schlecht als recht über die Runden kommt (anders als dort, sind Frauen hier jedoch allenfalls Randfiguren). Perspektiven scheint es in der weiten und dürren Landschaft, die Greens Stammkameramann Tim Orr ungeschönt einfängt, nicht zu geben. Die Menschen sind auf sich alleine gestellt. Und jeder versucht, so gut es geht zu überleben.

Ein Motto, dem sich auch die Titelfigur verschrieben hat. Joe ist ein ehrlicher Arbeiter, der sich seine Zeit nach Feierabend mit Glückspiel, Trinken oder Bordellbesuchen vertreibt und ansonsten einfach nur seine Ruhe haben will, da ihn seine zunächst bloß angedeutete Vergangenheit nach wie vor gefangen hält. Dass hinter der rauen Fassade dieses leicht aufbrausenden Mannes ein gutmütiger, loyaler Mensch steckt, ist schnell ersichtlich. Nicht nur, weil er seinen Arbeitern auf Augenhöhe begegnet und offenkundig das Vertrauen einiger Ortsansässiger genießt. Auch, weil Garys problematische Familiensituation den Ex-Häftling irgendwann von einem gleichgültigen Beobachter in einen zupackenden Beschützer verwandelt.

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Bis es dazu kommt, nimmt sich Green allerdings ausreichend Zeit, um seine Protagonisten vorzustellen, ihr beschwerliches Leben näher zu beleuchten und auf diese Weise eine ebenso raue wie authentische Atmosphäre heraufzubeschwören, die den Betrachter schnell vergessen lässt, dass er einem Spielfilm beiwohnt. Kleine Begegnungen und Details führen zu einer zunehmend präziseren Charakterzeichnung. Und eine fast schon dokumentarische Glaubwürdigkeit entsteht durch den in der Originalfassung vorherrschenden breiten texanischen Akzent und die Besetzung vieler Rollen mit Laiendarstellern.

Am mitreißendsten ist dabei zweifellos die Darbietung des Obdachlosen Gary Poulter, der das Kunststück vollbringt, Wade nicht zu einer gänzlich monströsen Vaterfigur verkommen zu lassen. Auch wenn viele Handlungen des Taugenichts in höchstem Maße abstoßend sind, umgibt ihn doch die Aura eines tragischen Verlierers. Ein Eindruck, der sich leider über den Film hinaus verfestigt. Poulter verstarb nach der Rückkehr in sein altes Leben noch bevor „Joe“ auf Festivalreisen ging.

Beeindruckend ist auch das Auftreten des aufstrebenden Jungdarstellers Tye Sheridan, der gekonnt zwischen jugendlicher Unsicherheit und erwachsenem Durchsetzungswillen schwankt und damit die perfekte Anspielfläche für den eigentlichen Star des Films liefert. In den letzten Jahren arg gescholten, läuft Nicolas Cage – schon in „Frozen Ground“ wiedererstarkt – hier zu Höchstleistungen auf.

Ob in Momenten unbändiger Aggression oder in Szenen, die Joes feinfühlige Seite zeigen – nie wirkt seine Darstellung aufgesetzt oder gespielt. Vielmehr ist es äußerst bemerkenswert, wie Cage hinter seiner Rolle verschwindet (von albernen Manierismen keine Spur!) und dass er trotz seiner Bekanntheit das mit Laien gespickte Ensemble zu keinem Zeitpunkt unangenehm überstrahlt. Bleibt nur zu hoffen, dass er sich auch in Zukunft wieder häufiger derart komplexen Stoffen verschreibt. [Christopher Diekhaus]

Joe

OT: Joe (USA 2013) REGIE: David Gordon Green. BUCH: Gary Hawkins. MUSIK: Jeff McIlwain, David Wingo. KAMERA: Tim Orr. DARSTELLER: Nicolas Cage, Tye Sheridan, Gary Poulter, Ronnie Gene Blevins, Adriene Mishler, Brian Mays, Aj Wilson McPhaul, Sue Rock, Heather Kafka. LAUFZEIT: 113 Min (DVD), 117 Min (Blu-ray). VÖ: 23.10.2014.

Joe

[Abbildungen: Koch Media]

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