The Movie Orgies of Joe Dante: Trailer, Mumien und THE HOLE | Interview (deutsche Fassung)

22. Juni 2011

Joe Dante

Es passiert nicht alle Tage, dass man die Gelegenheit zum Gespräch mit einem Helden der eigenen Kindheit bekommt. Für Filmfans, die in den 80er aufgewachsen sind, ist Joe Dante definitiv einer davon. Der Mann, der sein Handwerk bei Roger Corman erlernt hat und seinen eigenen Markennamen mit unkonventionellen Genre-Klassikern wie „The Howling (Das Tier)“, ,„Piranhas“ und „Gremlins“ begründete, steht für einen Stil, der heute nur noch selten zu finden ist. Seinen bislang letzten Film „The Hole“ nahm er in 3D auf, lange bevor die neue Welle tiefenerweiterter Blockbuster den Markt überrannte – und doch blieb eine Kinoauswertung in den USA bislang aus. Anlässlich der deutschen Veröffentlichung auf DVD und Blu-ray sprachen wir mit dem allzeit gut gelaunten Regisseur über den Film selber, vergangene und zukünftige Projekte, den Status der Industrie, seine Zusammenarbeit mit Jerry Goldsmith, „The Movie Orgy“ und wie aus seiner eigenen Sammlung von Trailern eine Online-Filmschule wurde.

screen/read: Lass uns mit Deinem aktuellen Film „The Hole“ beginnen, der gerade hier in Deutschland herausgekommen ist, wenn auch auf DVD leider nur in zweidimensionaler Form.

Joe Dante: Ich weiß. Traurige Sache. Aber ich bin mir ohnehin nicht sicher, wie gut 3D auf DVD ist. Es ist aber alleine schon deshalb schade, weil wir diesen Film wirklich in 3D geplant hatten und er darauf ausgerichtet ist. Wir hoffen aber, dass er auch in zweidimensionaler Form noch gut funktioniert.

screen/read: War 3D von Anfang an die zugrundeliegende Idee?

Joe Dante: Nein, nicht wirklich. Nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte und noch nicht als Regisseur verpflichtet war, hatte ich den Vorschlag gemacht, einmal über 3D nachzudenken. Es war eine so kleine Geschichte mit so wenigen Figuren und Locations, und der Großteil spielte im Keller – würde man die Sache allerdings mit etwas Tiefenwirkung angehen, dann könnte man dem Seherlebnis einiges hinzufügen. Im fertigen Film ist es jetzt weniger so, dass andauernd etwas aus der Leinwand herausragt, sondern vielmehr geht es darum, in das Umfeld des Films eingesogen zu werden. Ich denke, 3D funktioniert dann, wenn es einen in die Geschichte hineinzieht. Den bloßen Effekt zu erzeugen, ist zwar in Ordnung, aber das kann jeder, und das ist seit langem nichts Ungewöhnliches mehr. Aber als Mittel des Geschichtenerzählens kann 3D eine immense Wirkung entfalten. Ich verweise da immer gerne auf „Dial M for Murder (Bei Anruf Mord)“, meinen Lieblingsfilm in 3D. Er nutzt den Raum und das Verhältnis zwischen Figuren und Objekten in dramaturgischer Hinsicht ausgesprochen klug. Leider kam der Film damals so spät erst ins Kino, dass ihn nur wenige Leute auch wirklich in 3D gesehen haben.

The Hole

screen/read: Vor dem Hintergrund der vielen eher mittelmäßig post-konvertierten 3D-Produktionen der letzten zwei Jahre ist es umso verwunderlicher, dass „The Hole“ als ein Film, der tatsächlich dreidimensional aufgenommen wurde, bislang nur eine sehr vereinzelte Kinoauswertung erfahren hat.

Joe Dante: Ich denke, dass die Inflation von Pseudo-3D da nicht wirklich geholfen hat. Das ist einer der Gründe, warum unser Film in nicht allzu vielen Theatern gespielt wurde. Denn als wir mit unserem Projekt anfingen, waren diese ganzen Filme noch gar nicht in Planung. Doch dann wurden dem Publikum urplötzlich all diese großen Actionproduktionen in minderwertigem 3D vorgesetzt, und die Folge war, dass für einen kleinen Film ohne Stars keine Leinwände mehr übrig blieben.

screen/read: Sehr enttäuschend. Zumal „The Hole“ einer jener sogenannten familienfreundlichen Horrorfilme im Stil von „Gremlins“ und „Goonies“ ist, wie es ihn seit den 80ern kaum mehr gegeben hat.

Joe Dante: Vielleicht war das ja gar keine allzu gute Idee [lacht].

screen/read: Aber war das eine Sache, die Dir am Drehbuch gefallen hat?

Joe Dante: Ich denke schon. Es war allerdings weniger so, dass ich unbedingt einen 80er-Jahre-Retro-Film machen wollte, als vielmehr die Tatsache, dass dieses Drehbuch zu den besseren gehörte, die ich zu lesen bekam. Ich kriege eine Menge dieser Art zu sehen, mir werden eine Menge Horrorfilme angeboten. In den meisten Fällen sprechen mich die Figuren einfach nicht an, aber in diesem Fall konnte ich sie mir direkt vorstellen, ich konnte ihre Stimmen hören, und sie klangen für mich nach echten Menschen. Und dann war der Plot auch so angelegt, dass er nicht unbedingt auf dasjenige hinausläuft, was man erwarten würde. Es kommen halt keine Monster aus dem Loch oder etwas ähnliches in dieser Art. Mehr ist es eine psychologische Angelegenheit.

screen/read: Ironischerweise versucht der deutsche Verleih eher das Gegenteil und vermarktet gerade die Vorstellung, dass im Loch etwas Böses lauert. Offensichtlich hat man da Angst, den Film als das zu verkaufen, was er ist, und gibt stattdessen lieber vor, er sei etwas anderes.

Joe Dante: Das stimmt schon, aber ich denke, vielfach wussten die Leute im Grundsatz nicht, wie sie den Film vermarkten sollten. Man setzt sich halt immer zwischen zwei Stühle, wenn man etwas macht, das für Familien funktioniert, aber zugleich auch unheimlich ist. Man riskiert, dass die Eltern denken, es sei für ihre Kinder zu beängstigend, und auf der anderen Seite glauben Teenager, es sei zu kindisch.

screen/read: Im Fall dieses Films lässt sich die Geschichte allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und wird damit für Kinder wie Erwachsene gleichermaßen interessant.

Joe Dante: Ja, ich denke, für Erwachsene ist der Film etwas dunkler als er Kindern erscheinen mag, denn es wird ja nicht wirklich klar, welches Ausmaß der Kindesmissbrauch tatsächlich hat, der in der Geschichte vorkommt. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, welche Nische es für diesen Film gibt, denn er lässt sich nur schwer klassifizieren. Wenn ich allerdings an die meisten meiner Filme zurückdenke, war das bei einer ganzen Reihe von ihnen schon immer schwierig. Eine Komödie? Ein Horrorfilm? Was soll man genau empfinden? Das ist zwar eine Sache, die ich an meinen Filmen mag, die es aber zugleich auch schwierig macht, sie am Markt zu positionieren.

Das Tier

screen/read: In den sechs Jahren seit Deinem letzten Kinofilm „Looney Toons: Back in Action” hast Du eine ganze Reihe von Dingen im Fernsehen gemacht, darunter zwei Episoden für die „Masters of Horror”-Serie. Würdest Du sagen, dass in diesem Medium zukünftig mehr Platz ist für diese Art des Filmemachens?

Joe Dante: Ich denke schon. „Masters of Horror” jedenfalls hätte als Kinoproduktion niemals funktioniert. Zumindest nicht die Episoden, die ich gemacht habe. Eine davon hatte einen politischen Hintergrund [„The Homecoming”], und die andere war einfach ausgesprochen depressiv [lacht]. Diese Geschichte hatte ich allerdings schon immer machen wollen. Seit den 70ern schwebte mir die Idee einer Filmversion von „The Screwfly Solution” vor, und als dann eine Episode für die Show daraus geworden war, konnte ich kaum glauben, wie irre das eigentlich von mir war. Die Geschichte ist einfach so niederschmetternd, dass niemals jemand Eintritt dafür zahlen würde.

screen/read: Unabhängig davon hast Du auch eine Webserie namens „Splatter“ für Roger Corman gedreht. Wie kam es dazu?

Joe Dante: Richtig. Das war so eine Art Spielerei, die ich vor allem deshalb gemacht habe, weil während der Postproduktion von „The Hole“ noch ein bisschen Zeit übrig war. Netflix begann damit, Dinge zu streamen und wollte seinen Abonnenten zeigen, dass man in der Lage war, Inhalte via Internet auszustrahlen. Vor diesem Hintergrund planten sie eine interaktive Serie, bei der die Zuschauer entscheiden konnten, welche Figur in der jeweils nächsten Episode stirbt. Corman interessierte dabei der Ablauf, also erst eine Episode zu drehen, sie dann zu streamen, Feedback von den Zuschauern zu bekommen, und daraufhin direkt die nächste Episode fertig zu stellen. Die sollte es dann in der nächsten Woche zu sehen geben, und danach würde wieder eine neue gedreht werden und so weiter. Ich habe allerdings gesagt, „Roger, das funktioniert niemals. Eine Woche ist nicht genug Zeit, um den Film zu schreiben, zu drehen und zu schneiden. Stattdessen sollten wir alle Möglichkeiten der unterschiedlichen Figuren in Betracht ziehen und, abhängig davon, wer gerade stirbt, direkt jede denkbare Konstellation filmen.” Das war dann eine ziemliche Herausforderung, denn mit all diesen Optionen und Varianten zu operieren, wurde doch sehr kompliziert. Zudem musste alles sehr, sehr schnell abgedreht werden, und wir hatten Glück, einen Drehort zu finden, der für alle Episoden funktionierte, ohne dass wir umziehen mussten. Wir hätten das sonst niemals in sechs, sieben Tagen geschafft, denn umziehen kostet viel zuviel Zeit. Am Ende hatten wir also zehn Folgen für eine Serie fertig, die eigentlich nur aus drei Folgen bestand. Im Moment versuche ich gerade, eine vollständige DVD-Fassung durchzusetzen, mit der sich alle Varianten durchspielen ließen. Man könnte dann sehen, was jeweils passiert, wenn eine bestimmte Figur stirbt und eine andere überlebt bzw. anders herum.

screen/read: Ist Filmemachen im Internet grundsätzlich etwas, das Du in Zukunft vermehrt ausprobieren willst?

Joe Dante: Aus meiner Sicht haben Produktionen im Netz immer einen gewissen Spielecharakter, und das ist nicht wirklich meins. Ich habe vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren ein bisschen mit der Spieleindustrie geflirtet, aber es stellte sich heraus, dass das nicht die Art und Weise ist, wie ich Geschichten erzählen will.

screen/read: Nun hast Du Deine Karriere bei Roger Corman begonnen …

Joe Dante: … und ich habe sie auch bei ihm beendet [lacht].

screen/read: [lacht] Hoffentlich nicht!

Joe Dante: Das muss man auf dichterische Weise betrachten.

screen/read: Würdest Du sagen, dass sich seine Art der Arbeit an diesem Netz-Projekt mit dem vergleichen lässt, was Ihr in den Anfangsjahren gemacht habt?

Joe Dante: Es war sehr ähnlich, ganz so, als wären wir wieder im Jahr 1978. Man weiß ja, wie das ist, wenn man seine Eltern besuchen geht und es sich anfühlt, als sei man wieder elf Jahre alt. So in der Art war das hier auch. Nichts hat sich an der Art, Filme zu machen geändert, es war immer noch so wie in den 70ern.

Joe Dante

screen/read: Neben dem Regieführen betreibst Du mit „Trailers from Hell“ auch eine der interessantesten Websites für Filmfans. Die unterschiedlichsten Leute aus der Industrie kommentieren dort vor allem ältere Trailer. Woher stammt die Idee dazu?

Joe Dante: Ich besitze eine umfangreiche Sammlung von Trailern auf 35mm. Früher habe ich selber Trailer gemacht und das Format immer geliebt. Irgendwann saß ich also da und dachte darüber nach, dass niemand all diese Trailer aus meiner Sammlung jemals zu sehen bekommt. Also hatte ich die Idee, sie doch einfach ins Internet zu stellen, wo sie für jeden zugreifbar wären. Weil mir das aber ein bisschen wenig erschien, überlegte ich mir, was ich da anders machen könnte als andere und beschloss, Kommentare für etwa sechs der Trailer aufzunehmen und beides dann online zu stellen. Eine Zeitlang passierte praktisch nichts, bis irgendwann ein paar meiner Freunde darauf stießen und mir sagten, dass sie das auch gerne machen würden: Kannst Du mir diesen Trailer besorgen, kannst Du mir jenen Trailer besorgen? Und so wurde eine Art Schneeballeffekt daraus, und mittlerweile ist das Ganze so etwas wie eine kleine Filmschule geworden. Wir haben rund 600 Trailer. Wir haben etwa 40 Leute, die sie kommentieren und allesamt auf die eine oder andere Weise hinter der Kamera arbeiten. Und es ist uns gelungen, den Fokus auf einige Filme zu lenken, die man heute kaum mehr kennt, oder die zumindest seit langem nicht mehr angeschaut werden. Immerhin wächst da eine ganze Generation heran, die von vielen Filmen, Schauspielern und Regisseuren noch nie etwas gehört hat. Und dabei lässt sich heute auf eine Menge zugreifen, und umso mehr ist jemand notwenig, der auf bestimmte Titel hinweist, denn sonst verliert man einfach den Überblick. Wenn man sich ansieht, was Netflix alles im Programm hat, dann sagt einem das erstmal rein gar nichts, solange nicht jemand da ist, der Vorschläge macht und auf Regisseure oder Schauspieler hinweist. Und dazu beizutragen, macht einfach Spaß. Ausgezahlt hat sich das bislang allerdings nicht wirklich [lacht].

screen/read: Tja, es ist schwer vorzustellen, wie sich damit Geld machen lässt, und umso mehr sieht es doch eher aus wie eine reine Herzensangelegenheit.

Joe Dante: Es ist im Allgemeinen wirklich schwierig, im Internet Geld zu verdienen. Das hat mittlerweile jeder herausgefunden. Aber wir betreiben immerhin Syndizierung, wir haben einige der Trailer an DVD-Firmen verkauft, und ein paar europäische Sender zeigen sie als kurze Programmunterbrecher, also hoffen wir, dass wir zumindest einen Break-Even hinbekommen.

screen/read: Wie sieht es mit den Rechten für die Trailer aus? Müsst Ihr Euch die vorher besorgen?

Joe Dante: Mit den Rechten ist es eine interessante Sache. Trailer sind Werbematerialien und werden in der Regel vor dem Film veröffentlicht. In Amerika sind alle Trailer aus der Zeit vor 1978 Public Domain. Danach gibt es unterschiedliche Varianten. In jedem Fall bewirbt man jedoch einen Film. Und deshalb gibt es immer einen Link zu Seiten, wo man die DVD oder das jeweilige Poster zum Film kaufen kann. Es geht uns ja nicht nur darum, dass sich die Leute unser eigenes Material ansehen, sondern uns liegt auch daran, diese Filme wieder in Umlauf zu bringen.

John Landis

screen/read: Es sind einige sehr interessante Leuten dabei, die für die Kommentare zuständig sind. Wie kommt das Programm an sich zustande? Machst Du Vorschläge oder gibst Du Themen vor?

Joe Dante: Im Normalfall lasse ich die Leute das machen, was sie gerade wollen, solange wir einen Trailer dazu haben.

screen/read: Und dann gibt es da auch einige Beispiele für Trailer, die von mehreren Leuten kommentiert werden. War das gewollt, oder ist das einfach so passiert?

Joe Dante: Es gab ab und an Fälle, da kamen zwei Leute, die denselben Trailer machen wollten, und wir haben sie für den Kommentar einfach zusammen vor die Kamera gesetzt. Ich selber habe das mal mit Allan Arkush für „Grand Theft Auto (Highway 101)“ gemacht, und dann hatten wir noch ein anderes Beispiel, das war, glaube ich, für „Charley Varrick (Der große Coup)”. Es passiert aber auch schon mal, dass jemand ankommt, der einen bestimmten Trailer machen will und weiß, dass es bereits eine Fassung davon gibt, die sich aber inhaltlich von dem unterscheidet, was der andere erzählen will. Und so stellen wir schon einmal denselben Trailer mit einem anderen Kommentar online.

screen/read: Jetzt habt Ihr vor Kurzem zusätzlich noch einen Blog begonnen, der sicher weitere Arbeit darstellt.

Joe Dante: Vor drei Wochen etwa, ja. Wir hatten beschlossen, einen Blog zu machen und abzuwarten, was passiert. Es gibt da eine Menge Dinge, über die wir sprechen, und auf die wir die Leute hinweisen wollen, ohne dass ein direkter Bezug zu den jeweiligen Trailern besteht. Wir haben außerdem seit einer Weile eine Facebook-Seite und dann jetzt diesen Blog, der sich als interessante Sache herausstellt. Das kostet eben alles nur ein bisschen Zeit.

screen/read: In einem der ersten Blogeinträge geht es um „The Movie Orgy“, ein weiteres spannendes Projekt von Dir, das allerdings schon etwas älter ist. Ich glaube, das letzte Mal, dass es in einem größeren Rahmen gezeigt wurde, war beim Filmfestival in Venedig 2009. Worum geht es da?

Joe Dante: Das ist ein Film, den Jon Davison, der Produzent von „Robocop“ und „Airplane! (Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug)“, und ich in den 60ern, bevor wir im Business tätig waren, aus den unterschiedlichsten Schnittmaterialieb zusammengeschnitten haben. Wir waren Filmsammler, und wir kannten andere Sammler, und dann gab es da Bibliotheken, die aufgelöst wurden, deren Reste und Filmschnipsel wir uns besorgten. Die montierten wir aneinander, und am Ende kam ein siebenstündiges Programm dabei heraus, das aus mehreren Filmen bestand, die von Werbeclips und TV-Serien unterbrochen wurden, von Industriefilmen und was auch immer wir in die Finger bekommen hatten. Ein bisschen Anti-Kriegs- und Anti-Bürgerlichkeits-Haltung war immer mit dabei, denn schließlich befanden wir uns in den 60ern. Der Film machte die Runde, und weil wir ihn aus all diesen 16mm-Schnipseln montiert hatten, konnten wir nur diese eine Kopie mit uns auf Tour nehmen. Wir zeigten ihn an der Columbia University, an der NYU, an der University of Notre Dame und anderswo, einfach um unser Einkommen ein bisschen zu verbessern. Irgendwann bekamen wir sogar einen Artikel im „New Yorker“. Da kam nach einer Vorführung dieser Reporter an und sagte uns, er wolle über den Film schreiben, und wir bekamen sofort die totale Panik, denn wir besaßen keinerlei Rechte an irgendwas. Zum Teil wussten wir nicht mal, was das eigentlich genau für Material war! Wir hatten also echte Sorge, dass wir Ärger bekommen würden, konnten ihn aber zum Glück davon überzeugen, spezifische Details außen vor zu lassen.

screen/read: Die Fassung, die Du in Venedig gezeigt hast, lief etwa fünf Stunden, während das Original aus den 60ern ja viel länger war. Was war zwischenzeitlich passiert?

Joe Dante: Eine Weile lief es so ab, dass wir uns den Film, den wir zeigen wollten, ausliehen. Der lief dann eine Weile auf einem von zwei Projektoren, und wenn die Sache langweilig wurde, schnitten wir rüber auf den anderen Projektor zu unserem vorbereiteten Material. Und das lief dann, bis wir zum nächsten Teil des Films übergingen. Später begriffen wir, dass es besser war, eine Kopie zu kaufen und zu zerschneiden, anstatt sie zu leihen. Und so gab es über die Jahre hinweg unterschiedliche Versionen von unterschiedlicher Länge, bis wir das Projekt irgendwann zur Seite legten und uns wieder um unser Leben und unsere Karriere kümmerten. Vor etwa fünf Jahren habe ich die Kopie dann nochmal hervorgeholt und ein Video davon gemacht. Die Fassung, die dem Original am nächsten kam, war fünf Stunden. Zwei Stunden waren zwischenzeitlich irgendwie verloren gegangen. Wir zeigten das Ganze also hier in Hollywood im New Beverly Theatre, und ich war gespannt, wie die Reaktionen ausfallen würden. Das war alles so alt und überholt, und ich ging davon aus, dass niemand verstehen würde, was das sein sollte. Aber dann wurde tatsächlich ein sensationeller Hit daraus. Es war nicht nur so, dass die Leute nicht irgendwann aufstanden und gingen, sondern sie blieben tatsächlich bis zum bitteren Ende sitzen! Dabei war die Sache eher darauf angelegt, dass man zwischendurch rausging, in Ruhe eine Pizza aß, dann zurückkam und nicht wirklich etwas verpasst hatte. Die rekonstruierte Fassung war also sehr beliebt und lief ein paar Mal. Wir nahmen sie dann mit nach Venedig, wo man ihr für die gesamten fünf Stunden italienische Untertitel verpasste, was eine ziemliche Arbeit gewesen sein muss. Und dann zeigten wir sie auch als Teil des Cine-Excess Festivals in London und bei ein paar anderen Gelegenheiten. Und jedes Mal wurde irgendwie [lacht] ein echter Hit draus. Wir werden den Film diesen Sommer vermutlich noch einmal in einem anderen Kino hier in Hollywood zeigen. Der Haken dabei ist nur, dass wir keinen Eintritt verlangen dürfen. Denn da wir für nichts die Rechte haben, ist das die einzige Möglichkeit einer öffentlichen Aufführung.

screen/read: Von dem ausgehend, was Du da beschreibst, und was es in dem kurzen Auszug zu sehen gibt, ist das alles doch ziemlich nah an dem, was heute vielfach im Netz gemacht wird in Form von Mash-Ups und Zusammenschnitten von Inhalten, die eigentlich gar nichts gemein haben etc.

Joe Dante: Genau das ist es, mit dem Unterschied allerdings, dass die Sache wesentlich schwieriger wird, wenn man nur einen Viewer und eine Klebepresse zur Verfügung hat [lacht]. Wir haben den Film ja physisch zusammenmontiert. Und da gibt es dann immer eine Überlagerung der Tonspur, weil der Ton nicht genau an derselben Stelle ist wie das Bild, was manchmal ganz nützlich und lustig sein kann, allerdings auch sehr unausgegoren wirkt. Es ist einfach eine Montage mit Narben. Nichtsdestotrotz scheinen das die Leute unmittelbar zu akzeptieren.

screen/read: Irgendeine Chance, dass es den Film einmal auf DVD zu sehen geben wird?

Joe Dante: Nein, es wird ihn niemals auf DVD geben. Das wäre nicht dasselbe Erlebnis. Auf dem Bildschirm wäre es einfach nur eine Ansammlung von Material, das man sich ansehen, zwischendurch stoppen und beliebig lang weiterlaufen lassen kann. Aber wenn man sich das über einen Zeitraum von fünf Stunden zusammen mit anderen Leuten ansieht, kommt es zu einer Art Massenhysterie [lacht]. Der Film übernimmt einfach komplett die Kontrolle, und das macht ihn zu einer ziemlich einzigartigen Erfahrung. Die einzige Chance, dass Du ihn zu sehen bekommst, ist vermutlich die, dass wir mal von irgendeinem Festival in Deutschland eingeladen werden, das ihn zeigen will.


screen/read: Zweifellos etwas sehr Unkonventionelles. Einige der Projekte, an denen Du gerade arbeitest, haben da in der Relation schon einen etwas gängigeren Charakter, zum Beispiel eine Anthologie mit dem Titel „Paris, I’ll kill you“, die allerdings bereits vor einer ganzen Weile angekündigt wurde. Ist das noch akut?

Joe Dante: Soweit ich weiß, bin ich da noch beteiligt. Jedenfalls hatte ich das Drehbuch eingereicht und gedacht, wir würden Ende letzten Jahres mit den Aufnahmen beginnen. Möglicherweise gab es logistische oder finanzielle Probleme. Ich glaube also, noch dabei zu sein, aber gehört habe ich schon länger nichts mehr. Ich könnte mir vorstellen, dass man da nach Cannes gereist ist, um noch ein bisschen mehr Geld aufzutreiben. Das ist jedoch nur eine Vermutung, aber es wäre sehr typisch und spricht auch gar nicht gegen dieses spezielle Projekt. Es ist im Grundsatz nicht einfach, das nötige Geld überhaupt erstmal zusammen zu kriegen, und es dann zu behalten und nicht vielmehr wieder zu verlieren. Wir arbeiten auch immer noch an der Finanzierung für „Monster Love“, ein weiteres Projekt, und für „The Man with Kaleidoscope Eyes“ über Roger Corman bei den Dreharbeiten von „The Trip“. Aber da kannst Du fragen, wen Du willst, jeder Filmemacher wird Dir sagen, dass er gerade daran arbeitet, die Finanzierung hinzubekommen. „Dreht Ihr gerade?“ – „Nein, wie arbeiten an der Finanzierung“ [lacht]. Ich kenne eine Menge Leute, die mit Projekten gescheitert sind, von denen sie glaubten, die Finanzierung sei gesichert, und an denen sie deshalb weiter gearbeitet haben, bis dann plötzlich einer oder mehrere Geldgeber abgesprungen sind. Wo steht man dann? Bestenfalls nicht auf einer Insel irgendwo im Pazifik in der Hoffnung, noch einen Flug zurück nach Hause zu erwischen.

screen/read: Nicht wirklich zufriedenstellend. Das war aber nicht immer so, oder?

Joe Dante: Oh, es ist viel schlimmer geworden. Es werden weniger Filme gemacht, und die sind entweder ausgesprochen billig oder extrem teuer. Und alles dazwischen, das Feld also, auf dem sich die meisten von uns ihr Leben lang bewegt haben, findet eher selten statt.

screen/read: Unabhängig davon, wie schwierig es ohnehin ist, seinen eigenen Film an den Mann zu bringen, schreibst Du Deine Drehbücher fast nie selber. Warum ist das so?

Joe Dante: So ziemlich jeder kann besser schreiben als ich [lacht]. Aber ich kann mit einem Drehbuch arbeiten. Im Fall von „Gremlins 2“ etwa haben wir den Film praktisch ohne jegliche Vorlage gemacht, und so ist man dann eben auch beteiligt. Aber im Fall eines Films wie „The Hole“, wo das Drehbuch ausgesprochen gut ist, ergibt sich nur eine Frage, nämlich: Was können wir mit der Vorlage tun, um sie in der Zeit, die wir haben, umzusetzen? Und sobald entschieden war, dass die Dreharbeiten in Vancouver stattfinden sollten, ging es darum, die jeweiligen Locations zu finden. Da gibt es zum Beispiel eine Szene auf einer Achterbahn, die ursprünglich für einen Wasserturm geschrieben worden war. Es gab aber keine Wassertürme in Vancouver. Und deshalb musste das noch einmal überdacht werden. Wir fanden dann diese Achterbahn, die zuvor bereits in einigen anderen Filmen vorgekommen war, und da schien sich eine interessante, sehr visuelle Möglichkeit zu bieten, die Szene umzusetzen. Man leistet also seinen persönlichen Beitrag, ganz egal, ob man die Vorlage selber geschrieben hat oder nicht, aber in jedem Fall gibt es keine Alternative dazu, sich die besten Autoren zu holen, die man kriegen kann, denn das Drehbuch ist der Film.

The Hole

screen/read: Mit einem Film wie „The Hole“ musstest Du vermutlich mit einer Reihe von finanziellen Einschränkungen zurecht kommen, was vieles ja nicht gerade einfacher macht. Würdest Du sagen, dass die Erfahrung der Arbeit für Roger Corman von entscheidendem Vorteil war, um mit weniger Geld optimal umgehen zu können?

Joe Dante: Man lernt jede Menge Tricks und Möglichkeiten, Dinge umzusetzen, wenn man für Roger gearbeitet und sehr billige Filme gedreht hat, aber man nutzt auch diejenigen Dinge, die man bei der Arbeit an größeren Filmen mitbekommen hat. Und zwar nicht nur, um Geld zu sparen, sondern um das Beste aus dem zu machen, was man gerade hat. Das einzige, was in einem Film zählt, ist das, was passiert, nachdem Du „Action“ und bevor Du „Cut“ gerufen hast. Der ganze Rest ist Unsinn, weil nur das zählt, was am Ende auf der Leinwand zu sehe ist. Mit einem großen Budget hat man eine Menge Zeit, um das vorzubereiten, was es später zu sehen gibt, aber die Zeit, um seine Aufnahmen zu machen, ist im Regelfall dieselbe. Filmemachen ist also generell keine Freizeitaktivität.

screen/read: Zwischendurch hast Du auch bei einer Folge von „CSI: New York“ Regie geführt, einem Format also, bei dem Du sozusagen von außen dazugestoßen bist. Wie sieht die Arbeit in einem solchen Rahmen aus, der doch eher eng gestrickt ist?

Joe Dante: Na ja, der Unterschied liegt darin, dass es einfach nicht das eigene Projekt ist. Geht es um etwas, das man selber entwickelt und dahin gebracht hat, wo es jetzt steht, dann hat man eine Menge Einfluss darauf, wie es umgesetzt wird. Wenn man aber an der TV-Serie eines anderen arbeitet, speziell wenn es eine so komplizierte Angelegenheit ist wie „CSI: New York“, wo fortlaufende Handlungslinien für die Figuren vorliegen, die es bereits gab, bevor man selber dazugestoßen ist, und die weiterlaufen, wenn man wieder weg ist, dann muss man den Stil und die Art, wie die Schauspieler geführt werden, schon sehr genau übernehmen. Da bestehen gewisse Vorgaben, zum Beispiel muss die Kamera immer in Bewegung sein, und der Montagestil ist sehr spezifisch. Bevor man seine eigene Episode dreht, muss man sich einiges davon zueigen machen. Man will zwar soviel Persönliches einbringen wie möglich, aber zugleich soll die eigene Folge im Rahmen der Serie auch nicht wie ein Fremdkörper wirken. Das bekommt man am besten mit der Besetzung der Gaststars hin. Und da konnte ich dann eben Leute wie Bruce Dern und Robert Picardo unterbringen, mit denen ich bereits öfter gearbeitet habe. Außerdem wollte ich schon immer einmal etwas mit Julie Adams aus „The Creature from the Black Lagoon (Der Schrecken vom Amazonas)“ machen und habe sie deshalb hier besetzt. So bekommt man das hin, aber was die regulären Darsteller betrifft, kann man da als Regisseur nicht wirklich viel machen, denn die wissen eben ganz genau, wen sie da spielen, und wohin es für sie geht.

screen/read: Wenn Du gerade Leute ansprichst, mit denen Du öfter zusammen gearbeitet hast, fällt einem vor allem Jerry Goldsmith ein, der lange Jahre zu Deinem ganz engen Team gehört hat.

Joe Dante: Oh ja. Das betraf jeden Film, den ich von „The Twilight Zone (Unheimliche Schattenlichter)“ bis „Looney Toons“ gemacht habe. Jerry war einer der wenigen Genies, die ich persönlich kennengelernt habe. Ich habe quasi bei ihm angedockt, weil er schon vor mir für „The Twilight Zone“ engagiert war. Wie verstanden uns auf Anhieb sehr gut, und dann machte ich mich an die Arbeit für „Gremlins“, und von da an war es einfach eine großartige Zusammenarbeit. Zu wissen, dass alles, was auch immer ich machen würde, viel besser wirken würde als es tatsächlich war, weil es seine Musik gab, war ein sehr angenehmes Gefühl. Vor allem aber wurden wir Freunde, und es gab da dieses spezielle Band, dass ich wusste, was er dachte, und er wusste, was ich dachte. Ich bin nicht sonderlich musikalisch, ich komponiere keine Musik, und ich kann auch keine Noten lesen, aber ich verstehe, was Musik leisten kann, denn ich habe eine Menge Scores von ihm, aber auch anderen Leuten gehört. Musik anderer Leute habe ich für die Temp-Tracks genutzt. Das war so eine Art Code. Es gab bestimmte Stücke, die ich einsetzte, und da wusste er genau, was für eine Art Musik ich wollte. Seine eigene habe ich aber nie dafür verwendet. Denn zum einen mochte er das nicht, und zum anderen denke ich, einem Komponisten zu sagen, er solle etwas imitiere, was er selber bereits einmal geschrieben hat, ist nicht wirklich eine gute Form der Zusammenarbeit [lacht].

screen/read: Er hat für einige Deiner Filme echte Klassiker geschrieben. „The Gremlin Rag“ etwa kennt jeder, und das ist vielleicht auch insgesamt eine der ungewöhnlichsten Kompositionen, die es in der Filmmusik überhaupt gibt.

Joe Dante: Sehr ungewöhnlich. Als ich es das Thema zum ersten Mal hörte, war ich mir überhaupt nicht sicher, was das überhaupt ist. Ich habe es nicht wirklich verstanden, denn damals lief alles noch ohne Synthesizer ab. Jerry spielte es mir einfach auf dem Klavier vor. Als ich also diese seltsame Kirmesmusik hörte, dachte ich so bei mir, meine Güte, worauf will er hinaus? Ist das wirklich das Richtige für diesen Film? Aber er war Jerry Goldsmith, also sagte ich mir, ich sollte ihm besser vertrauen. Und selbstverständlich wusste er genau, war er da tat, und es war ein riesiger Gewinn für den Film.

screen/read: Ich stelle mir vor, dass es sich anfühlt, als verliere man als Filmemacher seine musikalische Stimme, wenn ein Komponist, mit dem man so lange und eng zusammen gearbeitet hat, irgendwann nicht mehr da ist. Empfindest Du da immer noch eine Lücke, was die Musik betrifft, wenn Du heute einen Film machst?

Joe Dante: Ich hatte mit Jerry bereits bei meinen TV-Projekten nicht mehr zusammen gearbeitet, weil er offen gesagt für das meiste, was ich da machte, einfach nicht erschwinglich war. Es gab da also andere Leute, die ich auf seine Empfehlung hin nutzte. Hummie Mann war jemand, der öfter zum Einsatz kam, er war ziemlich gut. Und jetzt bei „The Hole“ nutzte ich Javier Navarette von „Pans Labyrinth“, den Guillermo del Toro mir empfohlen hatte. Er war großartig und wir kamen sehr gut miteinander klar, er hat einen guten Score komponiert. Aber natürlich war das nicht dasselbe wie mit Jerry. Man muss sich einfach selber eingestehen, dass es nicht mehr so wird, wie es einmal war, und dann mit dem klarkommen, was man hat, und das Beste daraus machen. Bei Schauspielern, die über viele Jahre mit bestimmten Regisseuren gearbeitet haben und dann sterben, ist es dasselbe. Der Regisseur arbeitet weiter, aber sein festes Ensemble ist verkleinert, denn die Schauspieler, die er am liebsten engagiert hat, sind einfach nicht mehr da.

The Hole

screen/read: Kommen wir noch einmal auf das Thema Trailer zurück. Es ist ziemlich offensichtlich, dass Trailer heute nicht mehr so gemacht werden, wie es noch vor Jahren der Fall war.

Joe Dante: Das Problem mit Trailern heute ist, dass es die Formel „ein Mann, ein Trailer“ nicht mehr gibt. Es gilt nicht einmal „eine Agentur, ein Trailer“. Es sind mehrere Agenturen beteiligt, und dann sucht sich das Studio unterschiedliche Ideen zusammen und montiert sie zu einem Trailer zusammen. So etwas wie Autorschaft gibt es da nicht mehr. Jedenfalls nicht in der Art, wie es früher der Fall war. Die Trailer, die man heute zu sehen bekommt, sind in der Regel Mash-Ups verschiedener Ansätze aus unterschiedlichen Agenturen.

screen/read: Würdest Du sagen, das ist eine Form von Kulturverlust, was das Filmemachen angeht?

Joe Dante: Ich denke, die Industrie hat sich auf so vielerlei Weise verändert, dass man es nicht auf Trailer reduzieren kann. Die Art und Weise, wie das Geschäft heute betrieben wird, und auch wie die Märkte selber aussehen, die bedient werden müssen, das hat sich alles grundsätzlich verändert seit der Zeit, als ich eingestiegen bin. Es gibt da keinerlei Wiedererkennungswert.

screen/read: Bekommen die Leute, die heute in der Industrie arbeiten, mehr Druck ab? Hat sich das verschlechtert?

Joe Dante: Es ist nicht so, dass es schlechter wäre, es ist einfach nur anders. Vielfach wird Dein Film nicht mal mehr gezeigt. Und weil Filme immer mehr Geld kosten, ist auch mehr Überwachung da, mehr Köche werkeln in der Küche herum als früher. Und wenn sich Regisseure heute für einen Film bewerben, dann wird von ihnen erwartet, dass sie kleine Abhandlungen geschrieben, Testmaterial gedreht und möglicherweise auch ein paar Miniatur-Sets gebaut haben. Einen Job als Regisseur zu bekommen, ist heute wie ein Schulprojekt. Es hat nichts damit zu tun, was man bisher gemacht hat, sondern es geht darum, was man jetzt gerade vorweisen kann. Das ist also kein einfacher Markt. Ich bin jedenfalls froh, dass ich in diesen speziellen Bereich der Industrie nicht einsteigen muss, denn das wäre ziemlich hart.

screen/read: Siehst Du aufstrebende Talente, von denen Du glaubst, dass sie länger durchhalten und den Druck aushalten können?

Joe Dante: Das ist schwer zu sagen, denn es hängt immer davon ab, wie gut sich ein jeweiliger Film verkauft. Hat man etwa erst einen großen Erfolg und danach einen Riesenflop, dann kommt man, wie wir es nennen, ins Filmgefängnis. Du bist dann kalt, und man will jemand anderen, der A. jünger ist, B. billiger, und dem man C. sagen kann, was er machen soll. Diejenigen Regisseure, die diesem Muster entwachsen können, sind die mit einer eigenen Stimme. Leute wie Duncan Jones. Leute, die ihre eigenen Filme machen, so dass man beim Anschauen die Person dahinter ernekennen kann, speziell im Gegensatz zur jeweils letzten Superhelden-Reihe, die mehr eine Kombination unterschiedlicher Filme ist, an denen eine ganze Reihe von Regisseuren gearbeitet hat. Es gibt keinen Mangel an guten Talenten da draußen. Aber es gibt einen Mangel an Qualität. Jeder würde gerne Filme machen, die keine Kopien anderer Filme sind. Oder Fortsetzungen. Oder Tentpoles. Aber ein Film ist eben ein Produkt, und eigentlich sogar mehr Produkt als Film. Wenn man am vierten oder fünften Teil einer großen Erfolgsreihe arbeitet, ist es ziemlich schwierig, eine Begründung dafür zu finden, warum man dieselbe Geschichte so oft variiert. Es sei denn, man hat es mit einer Reihe wie „Harry Potter“ zu tun, wo die Story schon vorgegeben ist. Aber wenn man einfach nur Teil fünf, sechs, sieben von „Actionfilm X“ macht, wie kann das dann nicht dasselbe sein wie Teil eins und zwei? Der einzige Grund, warum diese Filme gemacht werden, und das weiß jeder, ist, dass Leute ins Kino gehen und sich dieselbe Geschichte noch einmal ansehen.

screen/read: Wünscht man sich da nicht die Zeiten des Studio-Systems zurück?

Joe Dante: Tja, das Studio-System war völlig anders. Da gab es einen Bedarf, da war ein Markt, da gab es Filme, die gemacht werden mussten, weil in den Kinos zweimal pro Woche ein Programmwechsel stattfand. Es gab die Doppelaufführungen, es gab kleinere Filme, die bestimmten Anforderungen entsprechen mussten, und es gab eine Menge Möglichkeiten, im Genre die Leiter raufzuklettern. Erst machte man wie Richard Fleischer zum Beispiel ohne jegliches Geld „Armored Car Robbery“ für RKO, und dann bekam man plötzlich die Chance, „20.000 Meilen unter dem Meer” zu drehen und stieg zur A-Riege auf. Diese Form des Aufstiegs gibt es nicht mehr. Jetzt sucht man sich seine Regisseure bei Werbeclips und Rockvideos und anderen Dingen dieser Art. Das sind heute die Übungsfelder. Und dann werden diese Leute an einem Filmset abgeladen, bekommen von einem Dutzend Leuten gesagt, was sie tun sollen, und sehen sich mit einem unüberschaubaren Ausmaß an Überwachung konfrontiert. Das kann schon sehr frustrierend sein.

screen/read: Trotzdem gibt es einige wenige Ausnahmen, die immer wieder auf hohem Level unabhängig arbeiten. Quentin Tarantino wird da ja gerne als Vorzeigebeispiel genannt. Wo siehst Du die Gründe für ein derartig langes Überleben am Markt?

Joe Dante: Quentin hat seine Sponsoren, da ist er wie Kubrick. Er hat die Weinsteins. Die passen auf ihn auf, und er passt auf sie auf, das ist ein symbiotisches Verhältnis. Aber das ist eben ein Schutzschirm. Etwas anderes ist es, sich mit siebzehn Managern eines großen Studios herumzuschlagen, die alle unterschiedliche Ideen davon haben, wie Dein Film aussehen soll. Quentin und Woody Allen und Leute dieser Art sind hingegen einfach in der glücklichen Lage, ihre Filme so zu machen, wie sie es wollen.

screen/read: Wenn Du zwanzig, dreißig Jahre zurückblickst und an Projekte denkst, die Du geplant hast, oder an denen Du beteiligt warst, die für Dich aber nie wirklich zustande gekommen sind, gibt es da welche, die Du immer noch gerne machen würdest, wenn sich die Gelegenheit ergäbe?

Joe Dante: In den meisten Fällen sind das Dinge, die in der Zwischenzeit bereits von jemand anderem gemacht wurden. Ich hatte zum Beispiel eine Version von „Die Mumie“ bei Universal in den frühen 80ern mit einem richtig guten Drehbuch von John Sayles. Man hat sich aber dagegen entschieden, weil der Chef des Studios einen historischen Film daraus machen wollte, so wie es das Original war, das im Jahr 1933 spielte und in Wirklichkeit überhaupt kein historisches Setting hatte [lacht]. Aber dann zogen sie von dannen und gaben eine Menge Geld für Autoren aus, bis sie auf die „Indiana Jones“-Formel stießen, die ihnen einen großen Blockbuster mit Fortsetzungen und Spin-Offs verschaffte. Ich bin mir also sicher, das Studio war froh, meine Version nicht gemacht zu haben. Nichts desto trotz denke ich, die wäre besser gewesen [lacht].

screen/read: Darauf würde ich wetten.

[Vielen Dank an Joe Dante für seine Zeit und Geduld. Es war ein großes Vergnügen. Die englische Originalfassung dieses Interviews gibt es hier zu lesen.]

Joe Dante

The Hole

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment (The Hole) | Kinowelt Home Entertainment (Das Tier) | Trailers from Hell (Screencaptures & Cartoon) | Cinenasty (Screencapture Gremlins)]

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