Jersey Boys | Filmkritik

03. August 2014

Jersey Boys

Eine jüngere Generation Kinogänger wird von einer Band namens „The Four Seasons“ mit großer Wahrscheinlichkeit noch nie im Leben etwas gehört haben. Kein Wunder also, dass der große Kassenerfolg für Clint Eastwoods Adaption des langlebigen Jukebox-Musicals ausblieb. Wer die Besucherzahlen an Broadway, West End und zahlreichen Bühnen innerhalb und außerhalb der USA von 2005 bis heute dagegen hält und nicht begreift, wieso die Diskrepanz so groß ausfällt, überschätzt die Schnittmenge zwischen den jeweiligen Publikumstypen massiv. Über die im besten Sinne altmodischen Qualitäten der Leinwandversion sagt das jedoch rein gar nichts aus.

„Sherry“, „Big Girls don’t cry“ oder „Walk like a Man“ heißen einige der bekanntesten Hits der Jungs aus Jersey, und schon nach den ersten Takten dürfte selbst dem ignorantesten Hipster ein Licht aufgehen. Denn im kollektiven Bewußtsein der Popkultur haben die von Bob Gaudio komponierten Songs ihre Spuren hinterlassen. 1990 erhielten die Four Seasons ihren berechtigten Platz in der Rock and Roll Hall of Fame. 10 Jahre später veröffentlicht der französische Rapper Yannick mit dem Titel „Ces soirées-là“ ein Cover des Gaudio-Songs „Oh, what a Night“ – für die Bühnenversion der „Jersey Boys“ ein idealer Ausgangspunkt.

Der Film hingegen wählt einen ganz anderen Weg. Wo das Musical naturgemäß bei der Musik ansetzt, konzentriert sich Eastwood nachdrücklich auf die Figuren. Bis es zur ersten Performance kommt, vergeht eine ganze Weile, und überhaupt spielt die Musik eine eher untergeordnete Rolle. Wer erwartet, dass urplötzlich in die Kamera gesungen wird, muss sich enttäuscht sehen. Onscreen kommen einzelne Songs ausschließlcih dann zum Einsatz, wenn es die Geschichte erfordert – im Studio, auf der Bühne, bei einer TV-Aufzeichnung (immer mit faszinierend überhöhten Boygroup-Moves). Und auch das eher selten.

Jersey Boys

Das Interesse des Films gilt den einzelnen Charakteren und ihren Konflikten, ihrem Umfeld, ihrer Herkunft und was aus ihnen wird, wenn sie aufsteigen und abstürzen. Die klare, aus vier Akten bestehende Struktur der Bühnenvorlage weicht einer flüssigeren Erzählform, behält aber die Grundidee, dass jedes der einzelnen Bandmitglieder einen Teil der Geschichte federführend begleitet und seine Sicht der Dinge direkt mit dem Publikum teilt. Dass der Film dabei aber ausgerechnet Frankie Valli außen vor lässt, ist eine interessante Abweichung vom Original.

Denn Frankie erweist sich rasch als die eigentliche Hauptfigur und überlebt künstlerisch später auch die Auflösung der Band. Das spannendste Mitglied ist er deshalb allerdings nicht. Überhaupt verblassen sie alle gegen den widersprüchlichen, zunehmend von seinen inneren Dämonen getriebenen Tommy DeVito, einem typischen Kleinkriminellen mit aufgeblasenem Ego, überschaubarem Talent, aber überlebensnotwendigen Verbindungen zur Mafia. Als Manager, Booker und Geldbeschaffer trägt er zwar entscheidend zum Aufstieg der Band bei, entwächst auf fatale Weise jedoch nie so ganz seinen Jersey-Wurzeln.

Auch schauspielerisch hebt sich die Figur von den anderen drei Mitgliedern der Four Seasons ab, die allesamt mit ehemaligen „Jersey Boys“-Darstellern besetzt wurden. Dass John Lloyd Young (Frankie Vitti in der ersten Broadway-Aufführung), Michael Lomenda und Erich Bergen zwar ihre alten Rollen wieder aufgreifen, jedoch nie zuvor im selben Ensemble gespielt haben, macht es umso interessanter zu beobachten, wie sie miteinander harmonieren. Einzig Vinzent Piazza (Lucky Luciano aus „Boardwalk Empire“) stieß als Rookie hinzu – ein kluger Schachzug, denn seine fehlende Bühnenerfahrung findet ihren Niederschlag in einer merklich filmischeren Herangehensweise und erlaubt es dem Zuschauer, ihn im Rahmen der Band auf eigenartige (wenn auch gänzlich unbewusste) Weise als Fremdkörper wahrzunehmen.

Jersey Boys

Für Clint Eastwood ist „Jersey Boys“ eine Rückkehr zu fast verloren geglaubter Form. So schwerfällig und unbalanciert seine Arbeit nach „Gran Torino“ gewesen sein mag, so leichtfüßig und in Teilen gar beschwingt gelingt ihm das Erzählen hier. Zugleich dürfen die Figuren den Zuschauer berühren, ohne an Überhöhung zugrunde zu gehen („Invictus“) oder hinter einem Übermaß an Maske zu verschwinden („J. Edgar“). Es macht Spaß, dem Geschehen vor dem Hintergrund eines unangestrengt rekonstruierten Zeitkolorits zuzuschauen und hier und da auch eine Dosis Insider-Ironie zu entdecken – etwa wenn Gaudio ein professionelles Schäferstundchen der TV-Ausstrahlung von Eastwoods „Rawhide“ vorzieht, oder eine Ohrfeige, die Kirk Douglas Jan Sterling in Billy Wilders „Reporter des Satans“ verpasst, als Inspirationsquelle für „Big Girls don’t Cry“ herhalten muss.

Dass kein Geringerer als Joe Pesci beim Aufstieg der Four Seasons eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat, dürfte vermutlich zu den amüsantesten Episoden des Films gehören. Mit viel Liebe zum Detail verkörpert Newcomer Joseph Russo den aus Newark stammenden Oscar-Gewinner vom 16. Lebensjahr an und erinnert dabei augenzwinkernd an einige von Pescis bekannteste Rollen. Dass Tommy DeVito lange nach Auflösung der Band für den Schauspieler zu arbeiten begann, schließt den Kreis. Jersey Boys forever. [LZ]

OT: Jersey Boys (USA 2014) REGIE: Clint Eastwood. BUCH: Marshall Brickman, Rick Elice. KAMERA: Tom Stern. DARSTELLER: John Lloyd Young, Vincent Piazza, Erich Bergen, Michael Lomenda, Christopher Walken, Renée Marino, Mike Doyle, Joseph Russo. LAUFZEIT: 134 Min.

Jersey Boys

[Abbildungen: Warner Bros. Entertainment]

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