The Day the Clown cried | Eric Friedler entlockt Jerry Lewis ein Interview und zeigt Rohmaterial des Originalfilms

09. Februar 2016

Der Clown | The Day the Clown cried | Jerry Lewis

Filmhistorisch hat das, was die ARD da am 3. Februar im späten Abendprogramm versteckt hat, durchaus Sensationscharakter. Vor der Kamera von Dokumentarfilmer Eric Friedler („Das Schweigen der Quandts“) äußert sich der mittlerweile 89-jährige Jerry Lewis erstmals ausführlich zum größten Tiefpunkt seiner Karriere, jenem Sonderfall cineastischen Schaffens, den trotz (weitestgehender) Fertigstellung bis heute praktisch niemand je zu sehen bekommen hat. „The Day the Clown cried“ gehört zu den großen Mythen des Nachkriegskinos und Friedlers knapp 2-stündige Spurensuche bemüht sich nach Kräften darum, neben der Aufarbeitung zahlreicher längst bekannter Hintergründe auch einen groben Eindruck des unveröffentlichten Werks zu ermöglichen.

Im Zentrum stehen dabei Fragmente des Rohmaterials, die aus den Archiven der schwedischen Europa-Studios stammen und dort eigentlich hätten vernichtet werden sollen. Ob hier aber ein Akt der Errettung wichtigen Kulturguts oder schlichter Diebstahl zugrunde liegt, kann man so oder auch anders sehen. Dass die bewegten Bilder nun ganz offiziell einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, lässt in jedem Fall ein ganz erhebliches urheberrechtliches Problem vermuten. Zudem darf man sich berechtigterweise fragen, ob Lewis gewusst hat, dass Originalsequenzen ein Teil der finalen Dokumentation sein werden, bevor er sich vor Friedlers Kamera setzte. Denn – so hat er immer betont und wiederholt es auch hier wieder – sehen lassen will er den Film niemanden.

In jeglicher Beziehung habe er versagt, als Drehbuchautor, als Regisseur, Schauspieler und Produzent. Und als wolle er sich dafür bestrafen, schlägt er sich für jede Funktion einmal mit der Faust auf den Brustkorb. Dabei ist er längst gestraft genug. Kein Tag vergehe, an dem er nicht mindestens einmal an den Film denkt, und das werde sich auch bis an sein Lebensende nicht ändern. Was er immer schon gesagt hat, wenn er auf das Monument seines Scheiterns angesprochen wurde (zuletzt prominent 2013 in Cannes), wiederholt er auch jetzt wieder und kann es nicht deutlich genug betonen: Er habe sich zutiefst geschämt. Die Arbeit, die er abgeliefert hat, sei durchweg schlecht, dem Thema nicht angemessen. Schlecht, schlecht und nochmal schlecht. Warum er ausgerechnet jetzt und ausgerechnet im deutschen Fernsehen darüber rede? Nun, warum nicht?

1971 hatte ihn der belgische Produzent Nat Wachsberger mit einem kühnen Angebot konfrontiert: Lewis solle Regie und Hauptrolle bei einer Holocaust-Komödie übernehmen – aus heutiger Sicht keine allzu große Angelegenheit, doch gerade einmal ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende ein immenses Risiko. Für den als Joseph Levitch geborenen Nachkommen russischer Juden muss die Idee enorm verlockend geklungen haben, hatte er seinen Zenit als grimassenschneidender Faxenmacher doch bereits überschritten und mit der Weltkriegskomödie „Which Way to the Front?“ den ersten echten Flop erleben müssen. Ein anspruchsvoller Stoff wie dieser, den die Academy angesichts des schwergewichtigen Themas kaum würde übersehen können, kam da vielleicht gerade recht.

Der Clown | The Day the Clown cried | Jerry Lewis

„The Day the Clown cried“ erzählt die Geschichte eines deutschen Zirkusclowns auf dem absteigenden Ast zur Zeit des NS-Regimes, den eine kritische Bemerkung über Hitler direkt ins KZ führt. Dort bespaßt er zum Unbehagen der Lagerleiter die jüdischen Kinder auf der anderen Seite des Zauns, wird dafür zunächst mit drastischen Strafmaßnahmen belegt, schließlich aber im Austausch gegen sein Leben zu einer Art Rattenfänger, der die Kinder mit seinen Späßen in die Gaskammer lockt. Als sich die Tür der Todesmaschinerie zu schließen droht, entscheidet er sich, sein Leben zu opfern und die Kleinen nicht alleine sterben zu lassen.

Hochmotiviert soll sich Lewis an die Arbeit gemacht und tief in das Projekt hineingekniet haben. Ein ganzes Jahr Vorbereitung flossen in die Revision des Drehbuchs, die Recherche des historischen Looks und die historisch adäquate Wiedergabe des Alltags im Konzentrationslager. Dass er dafür gar einen ehemaligen SS-Schergen als Berater engagierte, der eigenen Angaben zufolge täglich hunderte Menschen persönlich in den Tod geführt hatte, ist zwar schwer zu glauben, doch Lewis – so seine Darstellung – hat offenbar eine eigenwillige Vorstellung von der Schuld der Helfer und Helfershelfer. Der Mann habe schließlich nur Befehle ausgeführt. Und nein, das sind nicht die Worte des Betroffenen selber. Lewis habe das zu ihm gesagt. Das muss man erstmal sacken lassen.

Doch bei genauerem Hinsehen – und darauf weisen auch einige der interviewten Zeitzeugen nachdrücklich hin – erscheint diese Haltung Teil der Herangehensweise an das Projekt und seine Prämissen gewesen zu sein. Denn dass ein Deutscher Anfang der 70er in einem amerikanischen Film über den Holocaust zum stillen Helden werden kann, muss rückblickend in etwa so unvostellbar erscheinen wie ein kritischer Gedanke zum Vietnamkrieg in John Waynes „The Green Berets“. Es ging Lewis offensichtlich um etwas anderes als um Schwarzweiß-Malerei – nur um was? Glaubt man seinen eigenen Ausführungen, so sei er daran gescheitert, die Komik in der Tragödie nicht gefunden zu haben. „Was ist lustig daran, 65 Kinder in die Gaskammer zu führen?“, fragt er sich selbst und ersetzt das Fragezeichen hörbar durch ein Ausrufungszeichen.

Aber kann das wirklich das Problem sein? Hatte „The Day the Clown cried“ überhaupt eine Tragikomödie werden sollen? Keiner der Ausschnitte, die Friedler präsentiert, weisen auch nur im Geringsten darauf hin. Was es zu sehen gibt, ist tieftraurig, sentimental und von einer gewissen hilflosen Menschlichkeit getragen. Warum also wirft Lewis das Scheitern an der Komödie als Totschlagargument in den Ring? Angesprochen auf Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ kann er seinen Ärger nur knapp unterdrücken. Gestohlen haben er die Idee. Aber Benigni sei eben auch ein wirklich guter Komödiant. Ist dem Italiener also das gelungen, wozu Lewis nicht in der Lage war?

Keiner seiner damaligen Mitstreiter – darunter Jean-Jacques Beineix, der als zweiter Regieassistent beteiligt war (was für eine kuriose Entdeckung!) – möchte das unterschreiben. Und wie um zu beweisen, dass die These der gescheiterten Komödie Nonsens ist, hat Friedler einige der Darsteller zusammengetragen und sie den Film in Form einer szenischen Lesung noch einmal durchspielen lassen. Auf der technischen Seite wird so in Dialog und Gegenschnitt mit dem aufgetriebenen Rohmaterial eine grobe Rekonstruktion möglich, doch echtes Leben erhält diese dem Dokudrama abgerungene Strategie erst durch das Zusammentreffen der Schauspieler, allesamt zwischen 70 und 80 Jahre alt, die in der Zeit zurückreisen, um noch einmal einen Funken der außergewöhnlichsten Arbeit ihres Lebens nachzuempfinden.

Der Clown | The Day the Clown cried | Jerry Lewis

Vielleicht ist das Scheitern von „The Day the Clown cried“ aber auch von ganz banaler, wenngleich kaum weniger zermürbender Natur gewesen. Im Hintergrund muss die (nach Schweden ausgelagerte) Produktion ständig von finanziellen Problemen geplagt worden sein, bis Wachsberger schließlich verschwand und Lewis sein eigenes Geld in die Hand nehmen musste, um den Film zuende zu bringen. X-fach sei er während der Dreharbeiten zusammengebrochen, schließlich habe er sich mit den Filmrollen nach Los Angeles abgesetzt, damit sie niemand zu sehen bekam. Das mag so sein, kann aber auch andere Gründe haben, denn ab einem bestimmten Punkt wird unklar gewesen sein, wem das Material überhaupt gehört, und so müsste es möglicherweise vor Fremdzugriff außer Landes geschafft werden. Lewis’ Ausführungen greifen nur bedingt, denn auch nach seiner Rückkehr in die USA kündigt er die Premiere des Films noch an, geht sogar mit einer Einladung nach Cannes hausieren. Einzelne Szenen, so heißt es, habe er nachdrehen wollen, doch das Projekt erhielt den endgültigen Todesstoß, als sich herausstellte, dass Wachsberger seine Rechte am Originaldrehbuch bereits vor der ersten Klappe nicht mehr erneuert hatte.

„Der Clown“, wie Friedler seine vom NDR produzierte Detektivarbeit etwas arg nüchtern betitelt hat, ist ein unerwartetes Geschenk für jeden Cineasten, selbst wenn man die meisten Umstände des vom eigenen Macher gekidnappten Films bereits kennt. Die Dramaturgie baut wunderbare Spannungsbögen und wartet an allen Ecken und Enden mit neuen Wendungen und Highlights auf. Es mag nicht das erste Mal sein, dass Ausschnitte aus „The Day the Clown cried“ an die Öffentlichkeit gelangen (eine Suche bei Youtube reicht völlig aus). Nie zuvor jedoch wurde Originalmaterial in einem derart dicht komponierten Umfeld präsentiert. Dass Vergleichbares in Deutschland weiterhin nur öffentlich-rechtlich möglich ist, gehört zu den echten Luxusangeboten unseres Rundfunksystems. [LZ]

[Abbildungen: NDR / Rune Hjelm]

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