Seth Rogen, Jan Böhmermann und die Freiheit der Kunst unter Druck

20. April 2016

The Interview | Jan Böhmermann (Fotomontage)

Unser Land kann aufatmen. Gerade als es so aussieht, als sei jede, aber auch wirklich jede erdenkliche Dummheit zum großen deutsch-türkischen Satirestreit herausposaunt, niedergeschrieben oder sonstwie in die Öffentlichkeit ejakuliert worden, meldet sich dank Bernd Lucke kurz vor Toreschluss doch noch die Stimme des größtmöglichen geistigen Vakuums in der hiesigen politischen Landschaft zu Wort und beschimpft Jan Böhmermann als „feige Drecksau“. Die Chancen stehen also gut, dass sich das Niveau der Diskussion von hier aus nicht mehr weiter unterschreiten lässt, und so kann vielleicht endlich Sachlichkeit in das Nachdenken über einen Beispielfall für den Umgang mit Kunstfreiheit einkehren, dem die Bundeskanzlerin vergangenen Freitag einen aus unserer Sicht ebenso bedenklichen wie empörenden (ersten?) Höhepunkt bescherte.

Nun wollen wir nicht noch einmal bei Null anfangen, um auch den hoffnungslos Unverständigen gegenüber klarzustellen, dass der Kölner Satiriker und Spaßmacher niemanden beleidigt hat; dass es für die vermeintlichen Schmähungen des türkischen Staatspräsidenten einen künstlerischen Überbau mit mehreren Meta-Ebenen gab; dass Satire – wie jede Kunstform – immer in den schützenden Rahmen des Konjunktivs eingebettet ist; und dass Böhmermann seit langem standardmäßig Sodomie-Scherze über das Sauerland reißt, derentwegen sich (soweit man weiß) bislang noch kein Sauerländer motiviert sah, die Staatsanwaltschaft Mainz zu bemühen. So und ähnlich könnten wir Absatz um Absatz weitermachen.

Doch darum geht es hier nicht. Unsere Themen entstammen ja bekanntlich in erster Linie dem Umfeld fiktionalen Erzählens in Film und Fernsehen, gelegentlich Literatur oder verwandten Randgebieten, und das soll sich auch in diesem Beitrag nicht ändern. Wer uns jedoch öfter im Blick hat, wird vermutlich zur Kenntnis genommen haben, dass wir uns über jegliche Formen themenbezogener Zensur (oder dessen, was juristisch zwar keine sein mag, da in Deutschland nicht erlaubt, wohl aber den Medienkonsum des mündigen Bürgers – sagen wir einmal vorsichtig – reguliert) in angemessener Weise allzeit schwarz ärgern. Der Fall Böhmermann (und können wir bei dieser Gelegenheit bitte damit aufhören, wie aufgeplusterte Jurastudenten im ersten Semester immer und überall von der „Causa Böhmermann“ zu schwadronieren?) handelt in vielerlei Hinsicht von Zensur der Kunstfreiheit (chronologisch an erster Stelle durch das ZDF), und so geht die Sache jeden an, der regelmäßig an die Decke gehen könnte vor Wut, wenn er sich die ungeschnittene Fassung eines Films wieder einmal im Ausland besorgen muss, da die deutsche Version unter dem Deckmantel des Jugendschutzes selbstredend nur in verstümmelter Form vertrieben wird und/oder werden darf.

Bis heute etwa steht Pasolinis „Saló oder die 120 Tage von Sodom“, ein von der internationalen Filmwissenschaft längst als bedeutende künstlerische Arbeit anerkannter und ausführlich diskutierter Beitrag des italienischen Kinos, in Deutschland immer noch auf dem Index und darf nur in einer bis zur Unkenntlichkeit katastrophal gekürzten Version frei verkauft werden (wohingegen De Sades mindestens genauso explizite Vorlage in jeder gut sortierten Buchhandlung problemlos erhältlich ist). Ähnliches gilt für Ken Russells kirchenkritische Huxley-Adaption „The Devils“, die seit mittlerweile 45 Jahren auf eine ungeschnittene Veröffentlichung wartet und vollständig nur im akademischen Zusammenhang gezeigt werden darf (was sie bis vor Kurzem skandalöserweise mit Hitlers „Mein Kampf“ auf einer Stufe stehen ließ).

Die Filmhistorie ist randvoll mit Beispielen, die sich hier zum Vergleich heranziehen ließen. Uns geht es an dieser Stelle jedoch nicht um eine Aufzählung von Kürzungen und Indizierungen, die einer dringenden Neubetrachtung bedürften, sondern vielmehr um den generellen Umgang mit Kunstfreiheit in diesem Land, wenn unangenehme Konsequenzen drohen; wenn sich Lobbygruppen oder relevante Einzelpersonen angegriffen fühlen; wenn Etat- oder Zuschusskürzungen auf dem Spiel stehen; wenn Posten zu verlieren oder Wahlen zu gewinnen sind; und so weiter und so weiter. Auf den Punkt gebracht: Wenn im Angesicht möglicher Sanktionen Mut für ein Bekenntnis zu unseren freiheitlich-demokratischen Werten gefordert wäre. Im aktuellen Fall schwingt bekanntlich der Verdacht mit, die Bundesregierung habe sich durch ein kontrovers diskutiertes Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei erpressbar gemacht. Die unmittelbare Reaktion der Kanzlerin auf Böhmermanns Beitrag und nun ihre – aufgrund eines Patts ausschließlich von ihr zu verantwortende – Entscheidung, die Ermächtigung für staatsanwaltliche Ermittlungen gemäß §103 StGb zu erteilen, werden von Seiten vieler Kritiker als deutliches Indiz für ein vermutetes Abhängigkeitsverhältnis gewertet.

The Interview | Randall Park, James Franco
Oben: Randall Park als Kim Jong-un und James Franco in „The Interview“

Es ist nun kaum zwei Jahre her, dass mit „The Interview“ ein in vielerlei Hinsicht ähnlicher Fall zum Prüfstein für den Umgang westlicher Demokratien mit der Freiheit der Kunst unter erschwerten Umständen wurde. In der von Seth Rogen konzipierten Politkomödie beauftragt der CIA einen amerikanischen Talkshowmoderator (James Franco) mit der Ermordung des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un, der ihm ein Interview gewährt. Doch der Plan scheitert und der gefürchtete Diktator erweist sich als sensible Heulsuse. Am Schluss wird er dann aber doch pulverisiert und das Land erstrahlt in demokratischem Glanz. Nichts davon konnte dem echten Kim gefallen.

Ein Sprecher des nordkoreanischen Außenministeriums hatte über die staatliche Nachrichtenagentur KCNA bereits im Vorhinein verlautbaren lassen, dass mit „gnadenlosen Gegenmaßnahmen“ zu rechnen sei, sofern die US-Regierung eine Veröffentlichung des Films nicht verhindern sollte. Ein Machwerk, dessen Plot auf die „Verletzung des obersten Führers“ abziele, sei „ein terroristischer und kriegerischer Akt“, der in keinster Weise toleriert werde. Für Seth Rogen zunächst einmal nur Anlass zu einem passenden Tweet: Todesdrohungen bekomme er sonst nur, wenn die Leute bereits 12 Dollar für einen seiner Filme ausgegeben hätten.

Eine verschärfte Note erhielt die Angelegenheit kurz darauf mit jeweils einem Protestschreiben Nordkoreas an UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und den US-Präsidenten mit dem Hinweis, „The Interview“ sei neben einem „kriegerischen Akt“ auch eine „Beleidigung“ des Machthabers (in Deutschland wären wir damit wieder bei §103). Man kann sich fragen, was da wohl schwerer wiegt. Ob die Adressaten in irgendeiner Weise reagiert oder die Post einfach abgeheftet haben, ist offiziell nicht bekannt.

Weniger auf die leichte Schulter nahm die Angelegenheit das produzierende Studio Columbia (delikaterweise mit Sony-Mutterkonzern in Japan) und verschob flugs den Premierentermin, um eine Reihe von Änderungen vornehmen zu können, die man im Anschluss an obige Verlautbarung vermutlich kritischer wertete als zuvor (Quellen des Hollywood Reporter zufolge wurde in der Hauptsache eine große Anzahl militärischer Auszeichnungen digital überarbeitet, deren öffentliche Zurschaustellung in Nordkorea als blasphemisch gilt).

Im November schließlich erfolgte der medienwirksame Sony-Hack der selbsternannten „Guardians of Peace“, von denen bis heute niemand weiß, ob sie tatsächlich irgendetwas mit Nordkorea zu tun haben oder nur aus Nerds in Trainingsanzügen bestehen, die sich über die offenbar unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen eines Weltkonzerns lustig machten und es nach Sichtung des Materials amüsant fanden, den gesamten Globus wissen zu lassen, wieviel absurder, rassistischer und sexistischer Mist sich in der digitalen Kommunikation von namhaften Produzenten und sonstigen Verantwortlichen finden lässt.

Unter dem Decknamen derselben Gruppe folgte kurz darauf via öffentlichem Posting auf einer populären Coding-Site die erneute Forderung, „the movie of terrorism“ zurückzuhalten. Andererseits müsse man mit mehr oder weniger diffus formulierten Formen der Rache rechnen. Wer eine Vorstellung des Films besuche, werde für sein Vergnügen am Terror ein bitteres Schicksal erleiden müssen. Die Welt werde in Angst leben und Sony dafür verdammen. Und so weiter. Wie abstrus so manches klingen mochte, es verfehlte seine Wirkung nicht. Die New Yorker Premiere wurde abgesagt (eine bereits fünf Tage zuvor erfolgte Vorabpremiere in L.A. hatten die Hacker offensichtlich übersehen), alle TV-Werbung zurückgezogen und die Kinoauswertung in den USA schließlich gänzlich gecancelt.

Für den ersten Mann im Staat eine gute Gelegenheit, sich nun doch öffentlich einzumischen. Zum Zeitpunkt des Postings hatte er gegenüber ABC bereits für Gelassenheit plädiert und ausdrücklich dazu geraten, beruhigt ins Kino zu gehen. Mit dem Abzug des Films aus den Theatern legte er noch einmal nach: Nie dürfe es dazu kommen, dass die USA von „irgendeinem Diktator irgendwo auf der Welt“ Zensurmaßnahmen vorgeschrieben bekomme. Sonys Entscheidung sei ein Fehler gewesen. „Lasst euch nicht erpressen“, hätte er den Verantwortlichen gesagt, wären sie vorab zu ihm gekommen. Nun ist das im Nachhinein leicht gesagt, zumal Obama im Anschluss an das schriftliche Begehren von Nordkorea die Gelegenheit gehabt hätte, sich deutlich zu äußern. Das hat er nachweislich nicht getan und umso verärgerter reagierte Sony (wir fügen hinzu: verständlicherweise). Am Ende erlebte „The Interview“ eine erfolgreiche VOD-Auswertung, ist heute regulär als DVD, Blu-ray oder Stream anzuschauen und flimmerte in einer Reihe von Ländern sogar über die Kinoleinwände – betontermaßen auch in Deutschland. Attentate hat es keine gegeben.

The Interview | Randall Park, James Franco
Oben: Randall Park als Kim Jong-un und James Franco in „The Interview“

Wenn wir den direkten Vergleich anstellen, sehen die Beteiligten im Fall Böhmermann noch schlechter aus als ohnehin schon, zumal die Rahmenbedingungen dort wesentlich entspannter waren bzw. sind, und zwar hinsichtlich 1. des Gegenstandes: Satirische Beleidigung eines Staatsoberhauptes auf der einen, seine politisch sanktionierte Ermordnung auf der anderen Seite (so mancher mag da an Christoph Schlingensiefs berüchtigten Tötungsaufruf gegen Helmut Kohl denken); 2. der Folgen: mögliche Nachverhandlungen eines bereits abgeschlossenen politischen Abkommens statt Todesdrohungen gegen unschuldige Bürger; und 3. der Maßnahmen: legitime, aber nicht erfolgte Ablehnung eines Antrags auf Strafverfolgung auf Grundlage eines überalterten Gesetzes versus Veröffentlichung eines Films, der bereits erheblichen Image-Schaden verursacht hatte (dem produzierenden Studio nämlich).

Nun ist die Meinungsfreiheit in den USA nicht nur ein demokratisches Grundprinzip, sondern vor allem so etwas wie eine heilige Kuh, deren Milch – um im Bild zu bleiben – auch mal ungenießbar sein kann und nicht immer zum Verzehr geeignet ist. Wer etwa faschistoiden Nonsens öffentlich von sich geben will, der kann das ungestraft tun. Nackte Brüste beim Superball hingegen sorgen bekanntlich für landesweites Entsetzen und eine Neudefinition des Prinzips von Live-Übertragungen. Das System ist im Grundsatz höchst zweispältig und schizophren. Was jedoch eine Majestätsbeleidigung im Rahmen eines künstlerischen Zusammenhangs sein soll, kann in Amerika schlichtweg niemand nachvollziehen.

Kein Wunder also, dass die Entscheidung der Bundeskanzlerin von der New York Times mit einer Lösegeldzahlung verglichen wurde: Das unmittelbare Problem sei zwar vom Tisch, zugleich werde aber ein Präzedenzfall geschaffen. Erpressbarkeit von außen – das ist für die USA ein Unding und die Konstellation ähnlich wie im obigen Fall (und so erging der Vorwurf nach Abzug des Films von so mancher Seite auch in Richtung Sony). Dass so etwas wie der §103 überhaupt existiert, widerspricht aus amerikanischer Sicht grundsätzlich dem Prinzip einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft: „Die Freiheit, sich über politische Führer lustig zu machen (…), ist eine der entscheidenen Unterschiede zwischen liberalen Demokratien und autoritären Staaten. Die Freiheit des Ausdrucks darf kein Verhandlungsgegenstand für Autokraten, Diktatoren oder Tyrannen sein.“

Hierzulande – so könnte man meinen – scheitert diese Freiheit neuerdings offenbar bereits an bislang unbekannten „Qualitätsansprüchen“ eines vom mündigen Bürger finanzierten öffentlich-rechtlichen Senders und dem mangelnden Mut der Bundesregierung, sich schützend vor diejenigen zu stellen, die sie repräsentieren. Das ist in jeder Hinsicht vollkommen #witzefrei. [LZ]

Quellen und weitere Details:

North Korea threatens war on US over Kim Jong-un movie (BBC News)
Sony altering Kim Jong-Un assassination film ‘The Interview’ (THR)
North Korea appeals to White House to halt release of US comedy film (The Telegraph)
Hackers told Sony to pull ‘The Interview’ (USA Today)
Hackers who targeted Sony invoke 9/11 attacks in warning to moviegoers (The Guardian)
President Obama says company made ‘Mistake’ in canceling ‘The Interview’ (ABC News)
Sony’s cancellation of The Interview surprises North Korea-watchers (The Guardian)
Sending the wrong signal to Turkey (The New York Times)

[Abbildungen: © ZDF / Ben Knabe (Motiv Jan Böhmermann) | Sony Pictures Home Entertainment (Motive „The Interview“) | Montage: screen/read (oder doch Photoshop Philipp?)]

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