James Horner (1953 – 2015)

26. Juni 2015

James Horner

Als sich 1998 erstmals das Rampenlicht einer Öffentlichkeit auf ihn richtete, die bis dato zwar nichts über, wohl aber (in der Regel ohne ihr Wissen) schon eine Menge von ihm gehört hatte, war James Horner für das Hollywoodkino längst einer der gefragtesten und in gewissem Sinne auch wichtigsten Filmkomponisten seiner Generation. Und wie so oft kam die Academy mit ihrer Ehrung viel zu spät, denn der Platz, den sich Horner in den beiden vorangegangene Jahrzehnten erarbeitet hatte, sollte schon bald von anderen übernommen werden. „Titanic“ wurde sein größter Triumph, doch die Filme, für die man sich an ihn erinnern wird, lagen zu diesem Zeitpunkt im Wesentlichen bereits hinter ihm.

Angefangen hatte alles – wie bei so vielen anderen vor ihm – in der Talentschmiede von Roger Corman. Unter dem Label von American International erschienen dort Anfang der 80er Titel wie „Humanoids from the Deep“ und „Battle beyond the Stars“, Rip-Offs erfolgreicher Kassenhits, kostengünstig produziert und für den schnellen Verzehr auf den Markt geworfen. Dem jungen Komponisten dienten derartige Voraussetzungen als gute Schule, denn für die Musik war der Budgetanteil noch geringer bemessen als für alles andere. Doch wo sich die meisten seiner Kollegen notdürftig mit Synthesizern behalfen, setzte Horner auf kleine Ensembles, die er mit viel Geschick größer klingen ließ als sie waren.

Dieses Talent und die Tatsache, dass seine frühen Arbeiten verdächtig nach Jerry Goldsmith klangen, verschafften ihm schon im Jahr Zwei nach Corman einen Auftrag, der seine Karriere katapultartig vorantreiben sollte. „Star Trek II“ war der nicht risikolose Versuch, der Enterprise-Crew trotz gescheitertem Vorgänger ein Fortleben auf der Kinoleinwand zu sichern. Dass man dabei finanziell zusammenstrich, was möglich war, kam Horner zugute, denn die A-Liga war nicht drin. Der Orchestersound des ersten Teils sollte trotz gedrückter Kosten allerdings bleiben – für den Nachwuchskomponisten eine leichte Übung.

Der Rest ist Filmmusikgeschichte. Bis heute gilt „The Wrath of Khan“ vielen als eine von Horners besten Arbeiten. Im selben Jahr folgte mit „48 Hrs.“ eine von rhythmischer Dynamik aus Schlagwerk, Marimbas und Bässen getriebene Partitur, die mit der ausschweifenden Weltraum-Symphonik der Enterprise-Abenteuer kaum weniger gemein haben könnte (einschlägiges Beispiel: „Subway Station“ – ein Track, der nicht einmal im gleichen Universum vorzukommen scheint). Hier ließ sich nicht mehr weghören. James Horner war nicht nur der erste Vertreter einer neuen Generation von Filmkomponisten, er spielte auch in einer eigenen Liga.

Das Experimentieren mit Sounds und (nicht selten ethnischen) Instrumenten, die dem jeweiligen Film seine ganz eigene Klangfarbe verleihen, sollte eines von Horners großen Markenzeichen werden. „48 Hrs.“, „Commando“ oder „Where the river runs black“ gehören in dieser Hinsicht zu den bemerkenswertesten Arbeiten der frühen Jahre. Dass er aber auch die klassische großorchestrale Palette in Verbindung mit ausgedehntem Choreinsatz beherrschte (ein Ansatz, den er im Verlauf seines Schaffens immer wieder bedienen musste), zeigte er 1983 auf eindrucksvolle Weise erstmals mit Douglas Trumbulls heute kaum mehr bekanntem Wunderwerk „Brainstorm“.

Drei Jahre und über ein Dutzend Filme später (darunter noch einmal „Star Trek“ und „Cocoon“, die erste Zusammenarbeit mit Ron Howard, einem seiner treuesten Partner) tritt Horner erneut in die direkten Fußstapfen von Jerry Goldsmith. James Cameron, trunken vom „Terminator“-Erfolg und ehemaliger Corman-Weggefährte, wagt sich an ein Sequel von Ridley Scotts bahnbrechendem Scifi-Horror „Alien“ und übertrifft damit alle Erwartungen – auch die seines Komponisten. Horner berichtet später von enormem Zeitdruck und Ansprüchen, die im Grunde nicht zu erfüllen waren. Es sollte nicht umsonst ein Jahrzehnt dauern, bis die beiden erneut zusammenfanden.

Titanic Live

In seinem Nachruf rückt Cameron die bitteren Vorwürfe gegen ihn, die Horner damals öffentlich äußerte, zu seinen Gunsten zurecht: Der Komponist sei terminlich völlig überlastet gewesen und hätte sich nach dem Einspielen der Aufnahmen aus dem Projekt zurückgezogen. Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Im Resultat jedoch spielt keine der beiden Varianten eine Rolle, denn für Horner wie Cameron war „Aliens“ der bislang erste echte Blockbuster ihrer jeweiligen Karrieren und ein immenser Kassenerfolg. Die Musik verschaffte Horner zudem seine erste Oscar-Nominierung.

Eine zweite Beinahe-Auszeichnung der Academy gab es im selben Jahr für den Song „Somewhere out there“ aus dem Animationsfilm „An American Tail“. Acht weitere Nominierungen sollten folgen, drei vor und drei nach „Titanic“. Zu diesem Zeitpunkt konnte er bereits auf ein umfangreiches Oeuvre verweisen: Zwischen 1987 und 1997 komponierte er für rund 50 Filme, darunter hochbudgetierte Produktionen wie „Willow“, „Rocketeer“, „Braveheart“ und „Apollo 13“, die er in der Regel mit großsymphonischen Partituren bedachte. Dass ihm die kleineren, die leiseren Geschichten lieber waren, gilt als offenes Geheimnis. „Field of Dreams“ ist hierfür eines der bekanntesten Beispiel.

Man mag darüber diskutieren, ob der Oscar für die beste Musik im Fall von „Titanic“ nicht der typische Academy-Fall eines Mitnahmepreises war, weil die stimmberechtigten Mitglieder Partitur und Song als Einheit missverstanden – zumal in den meisten Köpfen wohl eher die arg aufgeblasene Radioversion herumspukte und nicht etwa die wesentlich zurückhaltendere Fassung, die es bis heute über die End Credits hinweg zu hören gibt. In jedem Fall beruhte der große öffentliche Triumph auf etwas, das Horner genau nicht war: ein Songschreiber.

Versuche, den immensen Erfolg zu wiederholen, scheiterten deshalb kläglich. Der erneut zusammen mit Will Jennings geschriebene und von Céline Dion interpretierte Titel „Then you look at me“ für „Bicentennial Man“ aus dem Jahr 1999 ging völlig unter und der spätere, vor allem von Cameron öffentlich verteidigte Versuch, mit einer Songversion des „Avatar“-Themas den Charterfolg von 1997 zu wiederholen, qualifiziert sich maximal zur Fußnote des ansonsten alle Rekorde brechenden Weltraumabenteuers.

Es war Horners großes melodisches Potential, das letztlich den Durchbruch von „My Heart will go on“ mitbestimmt hatte, doch zugleich mag ihn auch genau das im Verlauf der 2000er Jahre zunehmend aus der Mode gebracht zu haben. Thematische, leitmotivisch strukturierte Filmmusik, wie Horner sie schrieb, hatte schon bald vor allem im Blockbusterkino nichts mehr verloren. Umso mehr fand seine Herangehensweise ihren Platz in Charakterdramen wie „A beautiful mind“, „Iris“ oder „House of Sand and Fog“.

Bei den Kritikern hatte Horner nie einen guten Stand. Plagiarismusvorwürfe bestimmten die Rezeption seiner Arbeiten seit den frühen 90ern, wenn auch ohne rechtliche Folgen. Später war es vor allem der eigene Kanon, aus dem sich Horner immer wieder bediente, Themen und Muster wiederverwendete, variierte oder weiterentwickelte. Man hatte sich auf ihn eingeschossen, auch wenn sein Ansatz völlig legitim war. Wie sehr ihn das traf, ist nicht auszumachen. Einem Ennio Morricone jedenfalls, der von jeher nicht anders verfuhr, hätte nie jemand gewagt, einen ähnlichen Vorwurf zu machen.

In den letzten Jahren war es stiller geworden um Horner. 2013 und 2014 vertonte er keinen einzigen Langfilm und wandte sich stattdessen verstärkt der Konzertmusik zu. „The Amazing Spider-Man“, dessen Fortsetzung er sich verweigerte, sollte die letzte Großproduktion werden, an der er beteiligt war. Kurzfilme und Dokumentationen fanden ihren Weg in seine Filmografie. In zwei Fällen ging es dabei ums Fliegen, seine große Leidenschaft neben der Musik.

Es muss eine große Liebe gewesen sein, die ihn, den Hobbypiloten, sein Leben lang begleitete und tragischerweise auch beendete. Überall in seinen Partituren kann man ihr Echo finden, denn Horner verlieh dem großen Gefühl des Losgelöstseins von den Dingen einen eigenen Ausdruck. Er wusste, wie sich das anfühlte und er konnte es in Noten übersetzen, in Klangfarben und Harmonien. Man muss nur hinhören, bei „Casper“, bei „Willow“, bei „The Land before Time“ oder wo immer Horner für einen Moment ganz bei sich war. Immer dann, wenn die Musik den Boden unter den Füßen verlor, entrückt abhob und alles Irdische irdisch sein ließ, getragen von ätherischen Chören, die keine Worte brauchen, ganz leicht und schwerelos – immer dann schwebte seine Musik weit über der Erde und nahm auch uns ein Stück weit mit.

Danke, Jim, für jeden Flug.

[LZ]

James Horner

[Abbildungen: Hollywood in Vienna 2013]

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