Bücher haben keine Moral: Jack Ketchum über THE WOMAN und Gewalt in der Kunst | Interview (deutsche Fassung)

26. Januar 2012

Jemandem ein Kompliment machen zu wollen, indem man ihn zum furchterregendsten Mann Amerikas erklärt, mag auf Verwunderung stoßen, doch Stephen King wählte seine Worte mit Bedacht, als er sich vor dem Autor moderner Genre-Klassiker wie „Beutezeit (Off Season)“ oder „Evil (The Girl next Door)“ verbeugte. Jack Ketchum schreibt nicht unbedingt die Art von Büchern, die man seinen Kindern vor dem Zubettgehen vorlesen würde, und selbst für abgebrühte Leser hat der vierfache Preisträger des Bram-Stoker-Awards immer noch einige nervenaufreibende Überraschungen in der Hinterhand. Wie gut seine Geschichten über Barbarei und den moralischen Untergang der bürgerlichen Ordnung auch auf der großen Leinwand funktionieren, bewies gerade erst ein Film, den der Autor zusammen mit Lucky McKee („May”) entwickelt hatte. „The Woman“ traf weltweit auf ein begeistertes Genre-Publikum und ist bereits auf dem besten Weg, nachhaltigen Kultstatus zu erlangen. Selbst die ansonsten eher konservative Academy of Motion Picture Arts & Sciences konnte nicht wegschauen und erwarb kürzlich eine Kopie des Drehbuchs für die hauseigene Sammlung. Jack Ketchum war so freundlich, sich die Zeit für ein Interview zu nehmen und sprach mit uns über den Film und dessen Begleitroman (dt. „Beuterausch“), Zensur, Torture Porn, sein Selbstverständnis als Schriftsteller, zukünftige Adaptionen und einen Trip zu den Galapagos-Inseln.

screen/read: „The Woman“ ist in gewisser Hinsicht eine Fortsetzung Deines Romans „Offspring (dt. Beutegier)“ und seiner Verfilmung. Die ursprüngliche Idee, der zentralen Figur einen eigenen Film zu geben, stammt jedoch von Lucky McKee – eine ziemlich interessante Konstellation. Wie kam es dazu, wie hat er Dir das Konzept vorgestellt, und wie hast Du reagiert?

Jack Ketchum: Eigentlich stammt die Idee von Andrew Van den Houten, dem Produzenten und Regisseur von „Offspring“. In Drehbuch und Roman hatte ich die Figur sterben lassen, aber als Andrew sah, wie gut Pollyanna [McIntosh] in der Rolle war, dachte er sofort an ein Franchise und hielt sie am Leben. Dann sah ich sie und stimmte ihm uneingeschränkt zu, und etwas später sah Lucky den Film und empfand genauso.

screen/read: Du hast nicht nur dem Film zugestimmt, sondern Dich auch entschlossen, das zugehörige Buch zu schreiben. Das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Ansatz, denn das Ergebnis ist weder die Romanfassung eines bereits bestehenden Films, noch etwas, das bereits da war, bevor es adaptiert werden konnte. Was war Deine Motivation für diesen Schritt?

Jack Ketchum: Zum einen waren wir uns einig, dass Polly ihren eigenen Film haben sollte, und zum anderen wollte Lucky sich an Prosa versuchen, und so beschlossen wir, nachdem wir einmal die Grundidee gefunden hatten, Buch und Film parallel anzugehen.

screen/read: Ihr habt den Roman dann zusammen geschrieben. Wie kann man sich den Ablauf vorstellen?

Jack Ketchum: Wir entwickelten das Drehbuch und den Roman zur gleichen Zeit, überlegten zunächst per Email und am Telefon, hatten aber dann das Gefühl, dass wir ein detailliertes Protokoll darüber haben sollten, wohin sich das alles bewegte. Also unterhielten wir uns täglich mindestens eine Stunde per Messenger und speicherten die Aufzeichnungen. Auf diese Weise hatten wir für beides jeweils eine Art Bibel.

The Woman

screen/read: Nur sehr wenige Elemente im Roman unterscheiden sich vom Film, aber wir bekommen die Gelegenheit, Gedanken und Gefühle der Figuren näher kennen zu lernen, insbesondere, was die Frau selber betrifft. Darüber hinaus hast Du Dich mit der Geschichte nach der Geschichte auseinandergesetzt und einen längeren Epilog geschrieben. Wir kam es dazu? Und fändest Du es einen reizvollen Gedanken, in einem weiteren Roman noch einmal zu den Figuren zurückzukehren?

Jack Ketchum: Die Motivation, um „Das Vieh“ zu schreiben, wo die Geschichte ein Jahr später noch einmal aufgegriffen wird, war in erster Linie, das verdammte Ding überhaupt veröffentlicht zu bekommen. Leisure [der Verlag] hatte die Rechte gekauft, war aber der Auffassung, das Buch, das wir eingereicht hatten, sei zu kurz – wir sahen das anders und fanden es perfekt – sie hingegen meinten, sie bräuchten mehr. Mir ist das schon früher begegnet. Quantität-über-Qualität-Mist. Ich machte ihnen ein paar Vorschläge, die ihnen aus dem einen oder anderen Grund nicht gefielen, und hatte dann die Idee für „Das Vieh“. – Und würden wir die Figuren gerne weiter verfolgen? Wir haben drüber gesprochen. Wir beschlossen allerdings, dass uns dazu eine Geschichte einfallen müsste, die so kraftvoll und ungewöhnlich wäre wie „The Woman“. Kein Freddy Krueger, nein danke.

screen/read: Unabhängig von der Tatsache, dass dies ein spezieller Fall von Adaption ist, wie stehst Du im Grundsatz zu Verfilmungen Deiner Bücher? Ist es einfach für Dich loszulassen und jemand anderen auf seine Weise eine Geschichte zu erzählen, mit der Du bereits eine ganze Weile gelebt hast?

Jack Ketchum: Ich habe wirklich Glück gehabt, denn in jedem einzelnen Fall wollten die Filmemacher so nah wie möglich an den Vorlagen bleiben. In jedem der Fälle wurde ich um Rat gefragt, was Überarbeitungen betraf, und gab die Drehbücher frei. Das ist ziemlich selten. Ich konnte sogar zur Besetzung beitragen. Und ich war bei allen am Set, bei „The Girl next Door (dt. Evil)“ und „The Woman“ sogar eine ganze Weile während des eigentlichen Drehs. Wenn sie es gut hinkriegen, ist es eine aufregende Sache, dass so viele kreative Köpfe ihre eigenen Varianten von etwas erarbeiten, das man sich ursprünglich selber ausgedacht hat.

screen/read: Du hast das Drehbuch zu „Offspring“ geschrieben und arbeitest derzeit an einem weiteren Skript. Gibt es da für Dich einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Verfassen von Romanen und Drehbüchern, und würdest Du von letzteren in Zukunft gerne mehr schreiben? Und gibt es vielleicht sogar die Versuchung, es einigen Deiner Kollegen gleichzutun und irgendwann einmal selber auf dem Regiestuhl zu sitzen?

Jack Ketchum: Ich bin mir nicht sicher, was den Regiestuhl betrifft. Ich würde es nicht ausschließen. Aber erstmal müsste ich noch eine ganze Menge lernen, bei einer Menge Drehs dabei sein. Was das Drehbuchschreiben betrifft, brauche ich dafür normalerweise etwa ein Viertel der Zeit, die ich für einen Roman aufbringen muss. Es sind einfach zwei verschiedene Paar Schuhe. Bei einem Drehbuch beschäftigt man nur zwei Sinne, Augen und Ohren. Bei einem Roman braucht man alle. Drehbücher sind viel einfacher. Und klar, ich werde weiterhin welche schreiben.

The Woman

screen/read: Im Grunde bedeutet „The Woman“ die Rückkehr an einen Ort, den Du vor mittlerweile drei Jahrzehnten mit Deinem Debütroman „Off Season (dt. Beutezeit)“ zum ersten Mal besucht hast. Damals hattest Du eine Menge Schwierigkeiten, das Buch in seiner Ursprungsfassung veröffentlicht zu bekommen und musstest einige Zugeständnisse machen. Interessanterweise ging es dabei nicht nur um die Darstellung von Gewalt, sondern vor allem um die Forderung nach einem Happy End. Hattest Du seitdem jemals wieder vergleichbaren Ärger, und wie sehr haben sich die Zeiten aus Deiner Sicht mittlerweile geändert?

Jack Ketchum: Tja, heute bittet mich niemand mehr darum, das Ende eines Romans zu ändern. Passiert das, gehe ich halt woanders hin. Ich denke, es gibt heute ein gewisses Verständnis, was die verantwortungsvolle Darstellung von Gewalt in Büchern und Filmen betrifft. Natürlich lässt sich auch eine Menge verantwortungsloser Gewaltdarstellung finden. Schmierfinken wird es immer geben. Aber insgesamt ist das Klima besser.

screen/read: Obwohl viele Deiner Bücher manchmal recht exzessive Gewalt beinhalten, wäre es falsch, von Exploitation zu sprechen – auch wenn das natürlich immer ein schmaler Grad ist. Was denkst Du über den zunehmenden Erfolg des sogenannten „Torture Porn“ und seiner Wirkung auf den Mainstream? Macht es diese Entwicklung schwieriger, über Gewalt auf eine ernstzunehmende Weise zu schreiben?

Jack Ketchum: Ich hasse den Begriff „Torture Porn“. Wer Torture Porn sehen will, bekommt das im Netz, aber nicht im Kino. Es gibt eine Menge dort, und vieles davon ist real. All diese „Saw“-mäßigen Filme haben ihre Vorläufer im Subgenre des Slashers der 70er und 80er. Der einzige echte Unterschied ist, dass der Todesschmerz heute über einen längeren Zeitraum hinweg ausgedehnt und im Detail dargestellt wird. Aber den Fokus auf die Opferzahl und einfallsreiche Tötungsformen gibt es immer noch. Auch das Final Girl gibt es meistens weiterhin. Als einziges Bewertungskriterium zählt für mich, ob der Film gut ist oder nicht. Ob er mich interessiert.

screen/read: Verglichen mit einigen anderen Horrorfilmen der letzten Jahre, rief „The Woman“ bislang zwar eine Reihe kontroverser Reaktionen hervor, musste sich aber noch nicht mit Zensurmaßnahmen auseinandersetzen. Wie ist Deine Haltung zu diesem Thema, ist Zensur von Kunst und Entertainment eine Sache, die keinen Platz in einer freien und liberalen Gesellschaft hat, oder gibt es Fälle, wo sie berechtigt sein kann?

Jack Ketchum: Oscar Wilde hat einmal gesagt, dass es so etwas wie ein moralisches oder unmoralisches Buch nicht gibt. Zensur hat niemals ihre Berechtigung, weder bei Büchern noch bei Filmen. Ich würde mir wünschen, dass es manche Bücher nie gegeben hätte – die Bibel zum Beispiel – aber ich würde niemals ein Buch verbrennen oder jemandem verbieten, es zu lesen. Wer zur Hölle bin ich? Wer zur Hölle bist Du?

screen/read: Deine Bücher betrachten oftmals eine Form von verborgener Barbarei, Verrohtheit und Amoralität hinter der Fassade des Bürgertums, manchmal vor dem Hintergrund realer Ereignisse wie im Fall von „The Girl next Door (dt. Evil)“. Denkst Du, dass es sich dabei um ein Phänomen der modernen westlichen Zivilisation handelt, die nicht in der Lage ist, ihren Ansprüchen gerecht zu werden? Oder ist es vielleicht ein speziell amerikanisches Problem? Und wie würdest Du vor diesem Hintergrund Deine Rolle und Aufgabe als Künstler definieren?

Jack Ketchum: Ich denke nicht, dass es speziell ein amerikanisches Problem ist. So ziemlich überall treibt die Barbarei ihr Unwesen, und ich glaube, dass eine Menge Menschen das erkennen – andernfalls würde es meine Bücher vermutlich nicht in sechzehn oder siebzehn Sprachen geben. Ich denke, mein Ziel als Schriftsteller ist es zu reflektieren, was aus meiner Sicht von Bedeutung ist, und in meinem Fall wäre das die Empfindsamkeit und Kostbarkeit des Lebens – allen Lebens – und der Liebe. Meine Hauptaufgabe hingegen ist es zu unterhalten. Man muss zuerst unterhalten, erst dann kann man mit den Leuten sprechen.

screen/read: Bis heute sind fünf Deiner Bücher verfilmt worden. Eine Version von „Ladies’ Night“, an der sich Stuart Gordon versucht hat, ist leider nicht zustande gekommen. Gibt es noch andere Adaptionen, die in der Planungsphase stecken geblieben sind, und welche Deiner Bücher würdest Du gerne verfilmt sehen wollen?

Jack Ketchum: Ich würde sie verdammt nochmal gerne alle auf der großen Leinwand sehen. Ich bin ein Kinofan! Von einem halben Dutzend meiner Bücher gibt es Adaptionen, die herumgereicht werden oder brach liegen, eine davon, „The Passenger“, stammt von mir. Und weil ich dafür dann zweimal bezahlt würde, für Roman und Drehbuch, steht diese natürlich an der Spitze meiner Wunschliste. Da wäre dann die Reise auf die Galapagos-Inseln drin, die ich schon immer machen wollte.

screen/read: Wird es in Zukunft weitere Projekte mit Lucky McKee geben? Und denkst Du, dass wir jemals eine Filmversion von „Off Season“ zu sehen bekommen, mit der dann die Kannibalentrilogie vollständig wäre?

Jack Ketchum: Ich habe die Rechte für „Off Season“ schon vor einigen Jahren verkauft, aber der Käufer hat es nie geschafft, den Film zu finanzieren. Vor kurzem erst gab es eine Anfrage von einem sehr guten Regisseur, dessen Name Dir wahrscheinlich etwas sagen würde – aber ich kann derzeit nicht verraten, wer es ist. Ich fände es großartig, wenn er den Film machen würde, und ich glaube auch, die Finanzierung steht. – Und nochmal mit Lucky arbeiten? Darauf kannst Du wetten.

[Die englische Originalfassung unseres Interviews findet sich hier.]

Jack Ketchum

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