Jack Ketchum / Lucky McKee: I’m not Sam | Zwischen Kopf und Unterleib

24. April 2016

Offenbar fühlt sich der Autor, den Stephen King einmal recht werbewirksam zum „scariest guy in America“ erklärt hatte, bei der Zusammenarbeit mit Filmemacher Lucky McKee ziemlich wohl. „I’m not Sam“ ist nach „The Woman [dt. Beuterausch]” bereits der zweite gemeinsame Roman – obwohl man bei relativ schmalen 114 Seiten und der inhaltlichen Konzentration der Handlung vermutlich treffender von einer Novelle sprechen würde. Dem unangenehmen Entsetzen der ganzen Angelegenheit tut das freilich keinen Abbruch.

Jack Ketchum ist ein klassischer Vertreter des sogenannten „Urban Horror“ und so hat Übernatürliches und Extraterrestrisches in seinen Texten auch nichts verloren (Ausnahmen bestätigen die Regel). Seine menschlichen Figuren reichen als Monster völlig aus und die Grenzen zwischen Protagonisten und Antagonisten sind dabei nicht selten fließend. Im vorliegenden Fall dauert es eine ganze Weile, bis sie sich überhaupt entdecken lassen, denn der Prozess ist ein fließender und spielt sich vor allem im Kopf (und im Unterleib) der Hauptfigur ab.

Das Setting ist denkbar einfach und gerade deshalb so immens wirkungsvoll. Patrick und Sam, im achten Jahr glücklich verheiratet und sexuell immer noch hochgradig voneinander angezogen, sind das Zentrum dieses Zwei-Personen-Dramas, das auch auf der Bühne gut funktionieren dürfte. Völlig unvorbereitet findet Patrick seine Frau eines Morgens verängstigt zitternd in eine Ecke gekauert vor. Von ihrer bisherigen Existenz weiß sie nichts mehr. Stattdessen hält sie sich für ein fünfjähriges Mädchen.

Ärztliche Untersuchungen ergeben nichts Wesentliches, nach ein paar Tagen sollte der Spuk schon wieder vorbei sein, dann werde man mehr herausfinden können. Doch in der Zwischenzeit sieht sich Patrick mit einem Kind im Körper einer erwachsenen Frau konfrontiert, die am liebsten unbekleidet durch das gemeinsame Haus läuft und in aller naiven Unschuld keine körperliche Nähe scheut. Konfliktpotential also, bei dem einem ganz anders werden kann.

Erzählt aus der Perspektive der männlichen Hauptfigur, nimmt die Geschichte ihren unaufhaltsamen Lauf. Zeit und Sexualtrieb sind verlässliche Opponenten, um beim Leser für beständig zunehmendes Unwohlsein zu sorgen. Leicht verdaulich geht anders.

Obwohl die äußere Handlung überschaubar bleibt, haben Ketchum und McKee übrigens explizit mit einer möglichen Verfilmung im Hinterkopf geschrieben. Bislang liegen die Pläne jedoch auf Eis. [LZ]

Jack Ketchum / Lucky McKee: I’m not Sam
114 Seiten. Sinister Grin Press.

[Abbildungen: Cemetery Dance Publications / Dallas Mayr]

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