It Follows | Filmkritik: Der ultimative Horror heißt STD

11. Juli 2015

It Follows

[Vorab: Wer die verstörende Wirkung der ersten etwa halbe Stunde dieses Films gänzlich auskosten will, ist gut beraten, sich nach Möglichkeit jeglicher Vorkenntnis zu enthalten und alle, wirklich alle Reviews und Besprechungen tunlichst zu meiden. Das gilt selbstverständlich auch für die folgenden Zeilen. Wir empfehlen ausdrücklich: erst anschauen, dann lesen.]

Dass Beischlaf im Horrorkino gerne mit schmerzhafter Bestrafung einhergeht, ist eine echte Binsenweisheit. Nach den Ausschweifungen der sexuellen Revolution war das gewaltsame Abstechen rammelnder Babysitter, die ihren Job nicht so ganz ernst nahmen, willkommenes Wasser auf die Mühlen konservativer US-Moralapostel – so bekanntlich geschehen in John Carpenters „Halloween“ und seitdem ungezählte Male imitiert, zitiert und parodiert. David Robert Mitchell hat sich für sein Genre-Debüt vielleicht die bislang radikalste und cleverste Variation ausgedacht: Wer sich hier nämlich zum unbekümmerten Verkehr animieren lässt, sieht sich bald nicht nur mit permanenter Todesangst konfrontiert, sondern ist auch gleich noch zu lebenslanger Promiskuität verdammt.

Ein doppelter Fluch also, der sich durchaus als reaktionär lesen lässt. Wer sich nämlich erst nach genauer Prüfung seines Partners und langem, sehr langem Ausharren gemeinsam in die Federn begibt, hat eindeutig höhere Überlebenschancen und muss nicht den Rest seines Lebens in Angst und als gequälter One-Night-Stand verbringen. Dass „It Follows“ jedoch tatsächlich eine rückwartsgewandte Sexualmoral vertritt und durch die Hintertür für die Verheißungen des Keuschheitsgebots wirbt, kann man getrost bezweifeln. Wer im Grauen dieses Films hingegen jene Monströsitäten erkennen mag, die eine unterleibsfeindliche Erziehung mit sich bringt, hat fraglos eine fruchtbare Perspektive an der Hand.

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Natürlich sind es Teenager an der Schwelle zum Erwachsenwerden, denen das Furchtbare widerfährt. Und wie so oft im amerikanischen Horrorkino, wenn sich der unerwartete Schrecken in den behüteten Alltag einschleicht, ist das Setting die Vorstadt, wo sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus reiht, die Gärten gepflegt und die Straßen kaum befahren sind. Es könnte die Elm Street sein oder auch die Wisteria Lane, in der zu Beginn völlig unerwartet eine junge Frau entsetzt aus dem Haus ihrer Eltern stürzt (man beachte und mache sich seinen Reim drauf: Nummer 1492), wie angewurzelt stehenbleibt und nach Unbestimmten Ausschau hält – in Unterwäsche wohlgemerkt und mit roten High Heels an den Füßen.

Ob alles in Ordnung sei, fragt eine Nachbarin. Es ginge ihr gut, antwortet die junge Frau, was – entgegen aller sichtbaren Realität – offenbar ausreicht, um die besorgte Dame von Gegenüber zu beruhigen. Und um die Gleichgültigkeit der Vorstadtbewohner, die sich nichts Schlimmes in ihrem Leben vorstellen können (also wollen), zu untermauern, wiederholt sich kurz darauf derselbe Wortwechsel noch einmal, diesmal mit dem Vater und dem gleichen Ergebnis. Nein, auf Hilfe und Verständnis von Erwachsenen ist hier nicht zu zählen, und so spielen sie im Rest des Films auch keine entscheidende Rolle. Tauchen die Eltern der Hauptfiguren auf, dann höchstens auf Fotos oder als Chimären.

Dem Zuschauer jedoch bleibt wenig Raum, sich derartige Gedanken zu machen. Zu sehr nimmt ihn das Geschehen der ersten Minuten bereits in Anspruch. Denn selten ist einem Horrorfilm in den 2010er Jahren eine derart effektive Eröffnung gelungen, und wer hier auch nur minimal verspätet ins Kino stolpert, hat schon einen entscheidenden Höhepunkt verpasst. Danach gibt es kein Zurück mehr. Wo sich andere Beiträge nach dem Opening erst einmal ausruhen und ihr Publikum mit einer entspannten Exposition in Sicherheit wiegen (und dabei in aller Regel mit gähnender Langeweile Zeit schinden), wird hier auch das scheinbar belangloseste Geschehen von einem seltsam ungreifbaren Unwohlsein begleitet.

Wir sehen Jay, die hübsche Protagonistin (Maika Monroe aus „The Guest“), wie sie im Pool ihrer Eltern von den frechen Nachbarskindern beobachtet wird, und erwarten Ungutes, denn schließlich haben wir gerade zuvor eine furchtbar zugerichtete Frauenleiche nahe am Wasser gesehen. Doch im Moment hat Jay noch nichts zu befürchten, und dass sie später aus ganz anderen Gründen und voller Todesangst wieder in einen Pool steigen wird, weiß sie jetzt natürlich noch nicht. Überhaupt ist die Verbindung Tod/Wasser eine bloße Finte, auch wenn Strand und Meer wiederholt eine Rolle spielen. Das Grauen begegnet ihr erstmals an einem ganz anderen Ort – im Kino (wie könnte es bei einem Filmemacher, der seine Vorbilder wie Muttermilch konsumiert hat, auch anders sein?).

Dorthin nämlich geht sie mit ihrem aktuellen Date, dem gerade erst zugezogenen Greg, und die beiden wollen sich ausgerechnet „Charade“ anschauen, jenen leichtfüßigen Stanley-Donen-Klassiker, bei dem es um eine Heldin auf ständiger Flucht und das verwirrende Vorspielen wechselnder Identitäten geht. Noch am selben Abend zeigt sich auf erschreckende Weise, dass auch Greg nicht ist, wer er zu sein vorgibt, und eine Liebesnacht auf dem Rücksitz seines Wagens endet in der Entführung Jays, die sich kurz darauf in Fesseln wiederfindet.

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Torture Porn? Psychokiller? Auch das wieder nur eine Finte des Drehbuchs. Nein, Greg hat sie nur festgebunden, um ihr zu zeigen, was ihr von jetzt an blüht: ein Gestaltwandler, der sie langsamen Schrittes verfolgt, sie töten wird, wenn er sie zu fassen bekommt, und den sie nur loswerden kann, wenn sie ihn via Sex auf jemand anderen überträgt – ganz so, wie Greg es gerade mit ihr getan hat. Doch damit nicht genug, denn wird der letzte in der Reihe erwischt, so müssen auch alle früheren Opfer dran glauben (wobei man sich schon selber zusammenreimen muss, wie Greg gerade letzteres wissen kann – aber das ist ein eher harmloses Logikloch).

Mit diesem Regelkodex gerüstet, sehen sich Jay und der Zuschauer nun den Dingen ausgesetzt, die da kommen mögen. Doch während das Mädchen noch an seinem Verstand zweifelt und den eigenen Unterleib zögernd auf Zeichen einer möglichen Geschlechtskrankheit inspiziert, die möglicherweise Halluzinationen hervorruft, wissen wir längst, dass das Grauen real ist. Und so lässt das erste Heranschleichen der namenlosen Kreatur in Menschengestalt auch nicht lange auf sich warten und fällt dabei so intensiv aus, dass sich selbst hartgekochten Genrekennern die Nackenhaare sträuben.

Die Mittel, die Mitchell und sein Team (Kamera: Mike Gioulakis, “John dies at the End”) dabei einsetzen, sind erstaunlich simpel und unaufwändig. Langsame Zooms, 360°-Schwenks und gezielter Zeitlupeneinsatz reichen aus, um den Zuschauer am äußersten Rand seines Sitzes zu halten (oder ihn tief hineinzupressen). Besonders raffiniert ist die liberale Framingtechnik, die den Bildausschnitt so wählt, dass es dem Beobachter überlassen bleibt, mögliche Bedrohungen zu entdecken, ohne dass ausdrücklich auf sie hingewiesen wird – im Grunde also eine eigenwillig passive Form hitchcockscher Suspense.

Die betont synthetische Musik von Rich Vreeland (unter dem Namen „Disasterpeace“) hat seine Vorbilder ganz offensichtlich im zuletzt (seit „Amer“) wieder modern gewordenen Giallo und verschafft dem Film eine seltsam anachronistische Grundstimmung. Aber auch sonst setzt „It Follows“ in Look und Ausstattung auf ein angenehm zeitloses Ambiente. Auf die Allgegenwart von Smartphones und Tablets hat man bewusst verzichtet. Einziges Zeichen für eine Verankerung in der Gegenwart ist ein ebook-Reader in Muschelform (aus dem an einer Stelle ausgerechnet über Lazarus vorgelesen wird). Ansonsten werden alte Schwarzweißfilme allen Ernstes auf einem analogen Röhrenfernseher angeschaut.

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Das alles würde aber nichts taugen, wären die Figuren nicht echte Menschen. Hier kommt Mitchell sein eigentliches Talent zugute: glaubwürdige Charaktere zu kreieren. „The Myth of the American Sleepover“ hieß 2010 sein Langfilmdebüt (das skandalöserweise immer noch auf einen deutschen Verleih wartet) – ein Coming-of-Age-Drama, dessen Tugenden er auch hier treu bleibt. Denn die kleine Gruppe Jugendlicher von „It Follows“ ist nicht das übliche klischeelastige Kanonenfutter, wie es sich im Horrorkino der Gegenwart allzu inflationär umhertreibt. Hier lebt und atmet jeder einzelne der gerade einmal sechs zentralen Charaktere, und es braucht nur wenige Pinselstriche, um sie real und liebenswert genug zu gestalten, dass man sich ernsthaft um sie sorgt.

Da ist der leicht schüchterne Paul, der sich gerne alte Monsterfilme anschaut, und sich von den anderen necken lassen muss, weil er heimlich in Jay verliebt ist. Hugh, ihr Exfreund, der noch nicht so genau weiß, wie er den Anforderungen typisch männlichen Verhaltens gerecht werden soll. Kelly, ihre jüngere Schwester, die sie auffängt, auch wenn sie ihr zunächst nicht glauben kann. Yara, die auf erheiternde Weise immer ein bisschen abwesend wirkt, Dostojewski liest und gerne vor sich hinträumt. Und schließlich Greg, der unter seiner Entscheidung leidet, Jay, die er eigentlich mag, das Grauen übetragen zu haben. Als sie ihn vor dem Kino stehend einmal fragt, wer aus der Menschenmenge um sie herum er gerne wäre, entscheidet er sich für einen kleinen Jungen, der mit seinen Eltern einen schönen Nachmittag verbringt. „Er ist glücklich“, lautet seine einfache Erklärung.

Einem Sequel seines Films steht Mitchell eigener Aussage gemäß offen gegenüber. Man kann jedoch nur hoffen, dass es dazu nicht kommt (wird es aber). Denn „It Follows“ ist ein Ausnahmefall und im Horrorkino der Gegenwart vielleicht nur vergleichbar mit „Der Babadook“, mit dem er einiges gemein hat. Die streckenweise kaum erträgliche Intensität der ersten Hälfte kann der Film gegen Ende zwar nicht mehr einhalten – zu sehr bemüht er sich um ein Finale, das, gängigen Erzählmustern gemäß, auf eine wie auch immer geartete Lösung drängt, die sich so oder ähnlich auch bei Stephen King finden lassen würde (nicht nur titelbezogen ist der Einfluss von dessen „It“ nicht zu ignorieren). Aber das soll den insgesamt nachhaltig beunruhigenden Eindruck nicht schmälern. Denn in seinen besten Momenten verbreitet dieser Film vor allem eins: blankes Entsetzen. [LZ]

It Follows

OT: It follows (USA 2014) REGIE: David Robert Mitchell. BUCH: David Robert Mitchell. MUSIK: Rich Vreeland (Disasterpeace). KAMERA: Mike Gioulakis. DARSTELLER: Maika Monroe, Keir Gilchrist, Lili Sepe, Jake Weary, Daniel Zovatto, Olivia Luccardi, Debbie Williams, Ruby Harris, Leisa Pulido, Ele Bardha. LAUFZEIT: 100 Min.

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[Abbildungen: © 2014 It Will Follow, INC. / © Weltkino Filmverleih]

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