Isabelle Huppert auf der 23. Cologne Conference: Ein Erfahrungsbericht

08. November 2013

Isabelle Huppert

Wie jedes andere seiner Art schmückt sich auch das Internationale Kölner Film- und Fernsehfestival gerne mit prominenten Namen und Gesichtern. Um solche allerdings auf die eher überschaubare Regionalveranstaltung zu locken, bedarf es schon eines beliebten Tricks: Man verleiht Preise. Da der Kölner Filmpreis anscheinend nicht mehr ausreicht, wurde für dieses Jahr flugs noch eine weitere Auszeichnung hinzu erfunden. Erste Preisträgerin: Isabelle Huppert. Ihren Auftritt bei einem Werkstattgespräch am 4. Oktober beobachtete unsere Redakteurin Laila Oudray.

Die Grundstimmung hätte kaum entspannter sein können bei diesem Werkstattgespräch mit einer der wichtigsten europäischen Schauspielerinnen der Gegenwart. Der erhabene Stiftersaal des Kölner Wallraf-Richartz-Museums tauchte dank seiner hohen Fenster alle Teilnehmer in ein sanftes Licht und Isabelle Huppert war an den Rhein gekommen, um den International Actors Award entgegenzunehmen, der ihr im Rahmen der 23. Cologne Conference verliehen wurde. Dass sie ganz nebenbei für ihren aktuellen Film warb, versteht sich von selbst. Doch konventionell und Huppert gehören einfach nicht zusammen, und so blieb nicht alles so unkompliziert wie von manchem vielleicht erwartet.

Zunächst verläuft die Unterhaltung auf Französisch. Moderator Marcus Seibert und die Befragte tauchen rasch ins Gespräch ein. Doch genauso rasch macht sich auch eine allgemeine Unruhe breit. Im Publikum rumort es. Eine Rebellion? Teile der Anwesenden verlangen nach Übersetzung und haben auch keine Scheu, ihrer Forderung lautstark Ausdruck zu verleihen. Seibert ist sichtlich irritiert, doch Madame Huppert bleibt entspannt und fragt pragmatisch in die Runde: „Should I speak english?“

Die Menge ist gespalten: „Ja“, „Nein“, Please“, „Non, parlez francais.“ Zwischendurch Kopfschütteln oder euphorisches Nicken. Da man sich im Plenum nicht entscheiden kann, übernimmt La Huppert und wechselt jetzt ins Englische. Vereinzelter Applaus. Pech für den Moderator, denn der spricht fließend Deutsch und Französisch, aber leider nicht so berauschend Englisch. Doch was bleibt ihm übrig? Mit einiger Anstrengung und Mut zur Lücke geht es weiter.

Tip Top | Sandrine Kiberlain, Isabelle Huppert

Das Gespräch dreht sich im Wesentlichen um Hupperts aktuellen Film „Tip Top“ von Serge Bozon – eine schräge Komödie um zwei Polizistinnen mit unkonventionellen Ermittlungsmethoden und chaotischem Privatleben. Hupperts Figur lebt mit ihrem Mann in einer sadomasochistischen Beziehung, während ihre Partnerin zur Nymphomanie neigt – einflussreiche Komponenten für das Verhältnis der beiden untereinander.

Generell finden sich Komödien im Oeuvre der Französin eher selten. Der Spagat zwischen einem Film wie diesem und zuletzt etwa Michael Hanekes Festivalliebling „Amour“ ist also durchaus auffällig. Die Antwort auf die Frage, nach welchen Kriterien sie sich ihre Rollen aussuche, fällt allerdings denkbar pragmatisch aus: Vor allem müsse ihr der Regisseur gefallen. Ohnehin nehme sie sich als Schauspielerin nicht allzu wichtig. Am Ende sei es schließlich nicht ihr Film, sondern der des Regisseurs. Vom Ergebnis lasse sie sich gerne überraschen. Improvisation sei wichtiger als alles andere, betont sie und nimmt der Schauspielerei elegant allen Anflug von Überhöhung.

Das lässt den Moderator und auch die Fragensteller aus dem Publikum ratlos zurück. Ob sie sich denn nicht vorbereite? Ja, natürlich denke sie über die Rolle nach, aber eigentlich entstehe alles in Zusammenarbeit mit dem Regisseur. Erneute Ratlosigkeit macht sich breit und die Frage landet wiederholt auf dem Tisch. Irgendwann ist dann aber mal genug und Madame macht klar: „Die Antwort habe ich schon gegeben. Sie hätten zuhören müssen!“ Amüsement im Saal und die Fragesteller geraten ins Schwimmen. Das Thema ist jedenfalls durch.

Letztlich hat das seinen eigenen Charme, doch ein bisschen Divagehabe muss auch dabei sein. So wird die Bitte um Fotos während des Gesprächs mit Bestimmtheit abgewiesen. No pictures please – nicht, während sie redet! Der Hinweis wiederholt sich wie ein Mantra: Keine Fotos. Wer hofft, dass Madame vielleicht im Anschluss zu Aufnahmen bereit ist, während sie großzügig Autogramme verteilt, muss sich enttäuscht sehen: leider nein, leider gar nicht.

Es zeigt sich: La Huppert weiß offenbar, wie man eine solche Veranstaltung interessant gestaltet. Anstatt die ewig gleichen Antworten aus der PR-Abteilung zu geben, bietet sie erfrischend ehrliche Retourkutschen – nicht selten solche, bei denen man sich heimlich fragt: „Wurde ich hier gerade beleidigt?“ Man kann diese Art unerträglich arrogant oder einfach nur deutlich finden, muss aber in jedem Fall zugeben: Langweilig geht anders. [Laila Oudray]

Tip Top

[Abbildungen: Ricardo Vaz Palma / Rezofilms | Screencapture]

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Eine Antwort zu “Isabelle Huppert auf der 23. Cologne Conference: Ein Erfahrungsbericht”

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