Irvine Welsh: Ein ordentlicher Ritt (A Decent Ride) | Review: Sex und Taxameter

10. November 2016

Irvine Welsh: Ein ordentlicher Ritt (A decent ride)

Auch ein Vierteljahrhundert später hat die Edinburgh-Gang um Mark Renton, „Spud“ Murphy und „Sick Boy“ ihren Autor noch gut im Griff. In London ist gerade erst die umjubelte Premiere einer „Trainspotting“-Live-Version über die Bühne gegangen, in wenigen Wochen läuft Danny Boyles langersehntes Sequel in den Kinos an („T2“) und in seinem aktuellen Roman „The Blade Artist“ lässt Irvine Welsh den unberechenbaren „Franco“ Begbie erneut sein Unwesen treiben. Und auch im Vorgänger von 2015 sind Spuren und Figuren des Punk-und-Heroin-Klassikers enthalten. Für Allergiker also ungeeignet.

Überhaupt, Edinburgh ist Welshs Castle Rock, ein imaginärer Mikrokosmos, in dem die Themen wiederkehren und sich das Personal beständig wiederholt. Ray Lennox etwa, eine Nebenfigur aus „Filth [dt. Drecksau]“ steht im Zentrum von „Crime“, und der vom Schicksal arg gebeutelte Satyriasist Terry „Juice“ Lawson aus „A Decent Ride [dt. Ein ordentlicher Ritt]“ könnte Welsh-Lesern bereits aus „Glue [dt. Klebstoff]“ bekannt sein. Eine Fortsetzung ist der gerade erst auf Deutsch erschienene Roman allerdings nicht. Und auch sonst sind keine Vorkenntnisse nötig für diese literarische Achterbahnfahrt aus Golf, Sperma, Inzest und explodierenden Müttern (wörtlich zu nehmen).

Also Terry. Rastlos treibt es ihn am Steuer seines Taxis durch die Stadt, immer auf der Suche nach der nächsten Beischlafgelegenheit. Und er bekommt eine Menge Gelegenheiten. Kein Wunder, denn Terry nimmt praktisch alles, was er kriegen kann, auch wenn er das nicht nötig hätte. Seine wilde Lockenpracht lockt das andere Geschlecht meist als erstes, letzte Zweifel räumt dann seine Maximalausstattung unterhalb der Gürtellinie aus dem Weg. Terry kann immer, will immer, muss immer. Spielt ab und zu auch mal in den Rammelfilmen seines Kumpels Simon mit (ein Strang aus „Porno“). Ein Therapietreffen für Sexsüchtige besucht er nur, weil er weiß, dass er dort erst recht findet, was er sucht. Ganz schön clever.

Das ist eine Weile lang ziemlich lustig, wenn man Welshs kompromisslos rücksichtslosen Humor mag. Man fragt sich allerdings, wie lange Terrys Eskapaden funktionieren können, ohne ins gänzlich Episodische abzustürzen. Doch dann, rechtzeitig bevor sich die Angelegenheit totläuft, kippt die Geschichte auf fatale Weise und entlarvt alles bis dahin Erzählte als bloße Vorbereitung auf einen ganz anderen, fast tragischen, in jedem Fall aber zunehmend am Rand des Wahnsinn entlangbalancierenden Terry. Wenig überraschend, dass wie aus dem Nichts auch schon mal typographische Experimente auftauchen, wie sie in „Filth“ zum Erzählprinzip gehören. Das muss man erstmal schlucken.

Zum selben Zeitpunkt eskaliert auch der zentrale Nebenstrang um Terrys zurückgebliebenen, aber nicht weniger gut ausgestatteten Halbbruder Jonty (beider Vater hat es zu seinen besten Zeiten ordentlich krachen lassen und auf möglichst breitflächige Spermaverteilung gesetzt) und dessen Freundin Jinty (ja genau, Jonty und Jinty), die heimlich in jenem Bordell arbeitet, wo Terry im Auftrag eines ungeliebten Schulkameraden (gedanklich bis heute „die Schwuchtel“) ab und zu nach dem Rechten sieht.

Jonty ist in gewissem Sinn eine Variante von Mark Rentons jüngerem, genital ebenfalls übermäßig entwickeltem Bruder Davie (aus „Skagboys“) und Terry übernimmt in der zweiten Hälfte des Romans die Rolle, die Renton nie ausfüllen konnte (Davie stirbt jung). Dass der Irrsinn damit abnehmen würde, lässt sich allerdings nicht behaupten. Das Gegenteil ist der Fall, wobei Jonty zunehmend die relevantere Figur wird, deren Innenleben detailliert und bis zur Schmerzgrenze ausgelotet erscheint.

Welsh wechselt beständig zwischen den Figuren, den Perspektiven und Erzählweisen (eine gängige Technik des Autors), ohne dass der eigentliche Plot mehr wäre als bloßer McGuffin. Wer dem in Teilen geradezu frei erfundenen Klappentext folgt, rechnet jedenfalls mit einem anderen Buch und ist der überforderten Marketingabteilung des Verlags gehörig auf den Leim gegangen.

„A Decent Ride“ ist nach einem nicht gänzlich überzeugenden Ausflug in die Abgründe des Schönheitswahns US-amerikanischer Prägung („Das Sexleben siamesischer Zwillinge“) Welshs triumphale Rückkehr in die literarische und soziale Heimat, mit viel Mühe aus dem schottischen Englisch (nicht selten Slang) übersetzt von Stephan Glietsch. Ein echter Ritt. [LZ]

Irvine Welsh: Ein ordentlicher Ritt (A Decent Ride)
Aus dem Englischen von Stephan Glietsch
Paperback, Klappenbroschur, 448 Seiten
ISBN: 978-3-453-27067-1
Heyne Hardcore

[Abbildung: Heyne Hardcore]

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