IRON SKY | Filmkritik

06. April 2012

Iron Sky

Eigentlich ist Timo Vuorensola ein wirklich netter Kerl. Apple-Rechner nerven ihn, David Bowie hält er für den größten Musiker aller Zeiten, und in Interviews erzählt er erstaunlich wenig Unsinn. Also gönnt man ihm den jetzigen Verkaufserfolg von „Iron Sky“ an Verleiher in rund 70 Ländern gern. Als er allerdings während der Vorproduktionsphase einige Tage zusammen mit Uwe Boll umherreiste und sich von dem deutschen Allesfilmer stark begeistert zeigte, hätte man stutzig werden können. Sollte sich die finnische SciFi-Komödie, die im Netz so lange so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, am Ende in die Riege unansehnlicher Fondsgurken Wermelskirchener Machart einreihen? Die erleichternde Antwort ist zum Glück: Nein. Oder vielleicht genauer: Nicht ganz.

Die Grundidee – eine kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gegründete Nazi-Kolonie auf dem Mond bereitet sich auf die Invasion des Heimatplaneten Erde vor – ist ebenso Banane wie originell. Speziell seit „Inglourious Basterds“ und Rob Zombies „Grindhouse“-Trailer „Werewolf-Women of the SS“ tut sich auf dem Gebiet der Nazisploitation-Filme wieder eine Menge („Dead Snow“, „Ratline“, „The 4th Reich“), doch die braune Fraktion ausgerechnet dorthin zu verlagern, wo sich sonst nur Transformer oder endlose Varianten von Sam Rockwell aufhalten, darauf ist zuvor noch keiner gekommen (die in Deutschland lange ungezeigte „Star Trek“-Folge „Patterns of Force“ einmal außen vor gelassen).

Iron Sky

Der breiten Fanbase, die dem Projekt über Jahre hinweg die Treue gehalten hat, gefiel das Konzept und der rekordverdächtig oft angeklickte CGI-Trailer gut genug, um bei der Premiere auf der diesjährigen Berlinale für ausverkaufte Häuser zu sorgen. Die Kritik hingegen fiel wenig begeistert aus, doch wen interessiert das schon, wenn die Kassen klingeln? Vuorensola und seinen Autoren war es offenbar genug, einen leidlich gut aussehenden Fanfilm mit ungewöhnlich hohem Budget auf die Beine zu stellen, und das ist aller Ehren wert. Wem das genügt, der wird einigermaßen gut bedient. Alle anderen laufen Gefahr, auf halber Strecke einzuschlafen und die vielen verschenkten Möglichkeiten zu bedauern.

Das beginnt bei einem ziemlich unausgegorenen Drehbuch mit Dialogwechseln, die selten einen pointierten Abschluss finden. Woran das liegen mag, lässt sich nur spekulieren. Klug genug, mit Michael Kalesniko einen erfahrenen Autor (u.a. Howard Sterns „Private Parts“) ins Boot zu holen, war man jedenfalls. Mag sein, dass vor Ort aus Kostengründen immer mal wieder schnell am Skript gefeilt werden musste, mag auch sein, dass die Zusammenarbeit mit Vuorensola zu viele Kompromisse mit sich gebracht hat. Das Ergebnis ist jedenfalls ernüchternd.

Peta Sergeant

Umso mehr fallen die gelungeneren Passagen auf, von denen allerdings frustrierend wenige zu finden sind. Wenn sich etwa die US-Präsidentin, ein Sarah-Palin-Lookalike (und ein Witz, der längst von der Realität überholt ist), beim Kampf gegen die Mond-Nazis in die Tradition von Theodore (oder historisch korrekt doch eher Franklin D.?) Roosevelt zu stellen (inklusive ausgestopftem Bären im Oval Office) und ihre PR-Strategin aus Mangel an besseren Kandidaten zur Stabschefin ernennt, herrscht ziemliche Ratlosigkeit über die Frage, ob letztere jetzt die Rolle von MacArthur oder Patton einnimmt.

In solchen Momenten würde man sich mehr von dieser Preisklasse wünschen, doch über weite Strecken bleibt der Humor arg flach. Wahnwitzige Ideen wie das „Arisieren“ eines farbigen US-Astronauten, der mit seiner weißen Hautfarbe keinen Anschluss mehr bei seiner Hood findet, wollen vermutlich kontrovers sein, erinnern aber eher an die besseren Folgen der „Scary Movie“-Reihe. Eine Identifikation mit den cartoonartigen Figuren bleibt weitestgehend aus, und auch der an sich sympathisch gezeichneten weiblichen Hauptfigur lässt sich angesichts ihres hohen Naivitäts(oder schlicht: Dummheits)faktors nicht allzu viel abgewinnen. Gegen Ende lässt der Film dann noch ein bisschen die CGI-Muskeln spielen und zeigt minutenlange Weltraumschlachten, was zur arg ermüdenden Pflichtnummer gerät.

Udo Kier

Wer sich von der Besetzung mit Udo Kier einiges erhofft hat, erlebt möglicherweise eine der größten Enttäuschungen des gesamten Films. Sonst auch für schwache Rollen oftmals ein Gewinn im Rahmen seiner Möglichkeiten, wirkt seine Darstellung hier erschreckend fahrig und desinteressiert. Doch die Figur gibt ohnehin wenig her und tendiert streckenweise gar zur bloßen Staffage. Dieter Laser, der seit seiner Hauptrolle in dem niederländischen Horrorfilm „The Human Centipede“ in Genre-Kreisen echten Kultstatus genießt, hatte die Darstellung der Figur auf Anfrage abgelehnt. Dem deutschen Schauspieler gefiel weder Drehbuch noch Rolle (noch der Name Kortzfleisch), und so signalisierte er kein Interesse – angesichts dessen, was für Kier schließlich übrig geblieben ist, eine weise Entscheidung.

Andere Figuren zeigen Potential, gehen aber im allgemeinen Spektakel zu schnell unter. Vielversprechend wirkt etwa Tilo Prückner in der Rolle des Nazi-Chefingenieurs Richter. Doch von einer mehrschichtigen Ausarbeitung des Charakters bleibt nur der Topos des Mad Scientist übrig, und so muss sich Prückners Spiel zwangsweise auf leidlich skurriles Verhalten beschränken. Einzig die Neuseeländerin Stephanie Paul als Palin-Ersatz und die Australierin Peta Sergeant in der Rolle der skrupellosen Präsidenten-Beraterin können wirklich überzeugen und ihren Figuren wichtige Nuancen hinzufügen, so dass sich insgesamt ein schlüssiges Bild ergibt und manche Pointe gut gelingt.

Zum Schluss: Viel wird über die Fanbeteiligung an diesem Film geredet, und das meiste ist uninformierte Faselei. Tatsächlich wurden rund zehn Prozent des Budgets per Crowdfunding eingefahren, doch weder handelte es sich dabei um das Startkapital (im Gegensatz zu anderen Projekten, die mit dieser Finanzierungsform arbeiten), noch ist es sonderlich wahrscheinlich, dass die Produktion ohne diesen Schritt gescheitert wäre. Im Wesentlichen haben Hessen Invest, der DFFF, sowie europäische und australische Förderprogramme das Geld zusammengetragen. Die Fans zusätzlich anzusprechen war möglicherweise vor allem eine clevere Marketingmaßnahme und exzellente Kundenbindung. [LZ]

Iron Sky

OT: Iron Sky (FI/DE/AU). REGIE: Timo Vuorensola. BUCH: Michael Kalesniko, Johanna Sinisalo, Jarmo Puskala. KAMERA: Mika Orasmaa. MUSIK: Laibach. DARSTELLER: Julia Dietze, Götz Otto, Christopher Kirby, Stephanie Paul, Peta Sergeant, Tilo Prückner, Udo Kier, Kym Jackson. LAUFZEIT: 93 Minuten.

Iron Sky | Artwork

[Abbildungen © 2012 polyband Medien GmbH / Mika Orasmaa / Tarja Jakunaho. All rights reserved.]

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