Iron Man | Filmkritik: Herzensangelegenheit

01. Oktober 2008

Iron Man

So hatte Tony Stark sich das nicht vorgestellt. Anstatt verlässlich die Freiheit zu sichern, sorgen die Waffensysteme aus seinen hauseigenen Produktionshallen vor allem für jede Menge Leid, Tränen und Kollateralschäden. Dabei hatte es sich als Kopf eines milliardenschweren Rüstungskonzerns in zweiter Generation und fernab von den Einsatzgebieten seiner patentierten Kriegsspielzeuge bisher eigentlich gut und sorgenfrei leben lassen. Doch ausgerechnet bei der Präsentation eines neuen Tötungswunderwerkes für die US-Army am Hindukusch fällt der Mann, der lieber im Casino ein kleines Vermögen verprasst als bei eitlen Empfängen lästige Auszeichnungen entgegen zu nehmen, und der übereifrige Enthüllungsjournalistinnen schon mal ganz gerne dazu motiviert, selber die Hüllen fallen lassen, unangenehmer Weise in die Hände bewaffneter Miliz. Und die hat nichts Gutes im Sinn. Sein neuestes Produkt soll er für sie bauen, und sie so unbesiegbar machen – denn wer mit den Waffen von Stark Industries kämpft, der gewinnt auch den Krieg.

Solchermaßen mit den Früchten seiner eigenen Arbeit konfrontiert und der Welt von Cocktailpartys und Nadelstreifenanzügen entrückt, wird es Zeit, die eigenen Ziele im Leben noch einmal zu überdenken. Tony Stark kommt dabei zugute, dass ihn dieser Antrieb von nun an nie wieder verlassen wird. Denn nur ein notdürftig in seinen Brustkorb eingebauter Elektronmagnet kann noch verhindern, dass sein Herz von Granatsplittern buchstäblich zerrissen wird. Keine rosigen Aussichten also und eine erstklassige Gelegenheit, mit der leidigen Waffenschieberei aufzuhören.

Iron Man

Dass Superhelden nicht geboren, sondern gemacht würden (mit Ausrufungszeichen), lässt sich zwar problemlos auf großformatige Poster drucken und als werbewirksame Propaganda nutzen, so ganz richtig wird diese These dadurch aber noch nicht. Auf den archetypischsten (und konsensfähig ersten) aller Vertreter seiner Spezies trifft sie jedenfalls nicht zu. Eher das Gegenteil ist der Fall. Um sich nämlich überhaupt in der zivilisierten Solidargemeinschaft aufhalten zu können, muss das Findelkind aus Smallville seine angeborene Natur zeit seines Lebens hinter der menschlichen Fassade eines bürgerlichen Langeweilers wie Clark Kent verbergen – was seinem Liebesleben bekanntermaßen nicht wirklich gut tut.

Nun könnte man Tarantinos absurdem Superhelden-Monolog aus „Kill Bill Vol.2“ folgen, demgemäss der Mann vom Planeten Krypton lediglich die Ausnahme zur Regel darstellt, und wäre fein raus. Dabei hätte man aber ein ganzes Nest von Superhelden qua Geburt übersehen, das seit 2006 unter dem schlichten Titel „Heroes“ äußerst erfolgreich die Welt rettet und seinem Erfinder Tim Kring bis heute ein gutgefülltest Bankkonto beschert. Die These ist also schlichter Humbug.

Superhelden werden durchaus als solche geboren, und bei Tony Stark ist das im Grunde ähnlich. Als einziger Popstar unter den Waffenhändlern dieser Welt ziert er die Cover der einschlägigen Hochglanzmagazine und rettet, wie es sich für Superhelden eben gehört, die zivilisierte Welt (also die USA) beständig vor den bösen Jungs (also denen mit Turban). Die Superkraft, die ihm das ermöglicht, ist seine genialische Hochbegabung als Ingenieur, mittels derer er spielend leicht die wirksamsten Kriegsgerätschaften auf dem Globus entwickelt. Soweit ist also eigentlich alles im Lot.

Was er allerdings bisher ziemlich leichtsinnig betrieben hat, seine Kräfte nämlich anderen zum Spielen zu geben, ist für echte Superhelden ein absolutes No-Go. Und so muss er dann von seinen eigenen Granaten erst einmal fast in die Luft gesprengt werden, um hautnah erleben zu können, wie wenig superheldenhaft seine Arbeit doch eigentlich ist (Amerikaner als Opfer amerikanischer Waffen? Undenkbar). Die Konsequenzen zieht er unmittelbar: Statt den bösen Jungs nämlich die gewünschten Waffensysteme zu bauen, entwickelt er unbemerkt einen stählernen Kampfanzug, der ihm schon bald eine ziemlich eindrucksvolle Flucht ermöglicht – auch wenn er seine Erfindung dabei am Ende buchstäblich in den Sand setzt. Zurück auf heimatlichem Boden erklärt er öffentlich, die Produktion von Kriegsgerätschaften zu beenden und beginnt heimlich an einer optimierten Version seiner stählernen (oder eben eisernen) Rüstung zu basteln, die ihn wenig später bereits befähigt, sich als echter Superheld und frei von (zumindest menschlichen) Kollateralschäden zu beweisen.

Der „Iron Man“, so wird die Presse Tony Stark später betiteln, gehört zu den Bewohnern des Marvel-Universums, in dem jede Menge Figuren zuhause sind, die sich durch Eigenschaften definieren, von denen der Normalsterbliche nur träumen kann. Superheldentum gehörte hier schon immer zum guten Ton, und nachdem eine Überdosis extraterrestrischer Strahlung 1961 aus ganz gewöhnlichen Menschen die Fantastic Four gemacht hatte, war das Zeitalter der realen Welt auch im Kosmos der Kryptoniten angebrochen. Stan Lee und Jack Kirby hatten die bedauernswerten Helden entwickelt, denen ihre Superkräfte so gar nicht gefielen, und deren menschliche Alltagssorgen oft mehr Kopfzerbrechen bereiteten als ihre superbösen Erzfeinde. Ein Jahr später bereits erfand Lee zusammen mit Steve Ditko den nächsten problembelasteten Superhelden, welcher genau wie das ungleiche Quartett zu seinen Kräften kam wie die Jungfrau zum Kind und durch einen harmlosen Spinnenbiss zum Amazing Spiderman mutierte.

Anders im Jahr darauf: Lees neuer Superheld durfte es weniger leicht haben, denn statt herbeitransformierter Kräfte und einem Deus ex Machina als Auslöser sollte der Playboy und Waffenhändler Tony Stark vielmehr durch Selbsterkenntnis und harte Arbeit seinen Platz unter den Marvel-Kollegen finden. Das Herz der Wandlung zum geläuterten Helden (damals Kommunistenjäger) war zugleich auch das Herz der Figur selber. In Gefangenschaft geraten, rettet ihm sein Zellengenosse das Leben, indem er ihm mit improvisierten Mitteln ein magnetisches Schutzschild implantiert, das fortan leuchtet und für Stark wie ein permanentes Damoklesschwert als Warnung dient, sein Leben nicht weiter zu verschwenden.

Iron Man

Fast ein halbes Jahrhundert später bleibt dieser durchweg brillante dramaturgische Griff auch auf der Leinwand nicht nur erhalten, sondern Starks ganz eigener Herzschrittmacher wird gar zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte selbst, die aus dem Motiv auch tatsächlich eine Menge herausholen kann. Jedenfalls gehört schon einiges dazu, die eiserne Wunde im Brustkorb der Hauptfigur (eine Art Gegenstück zu den berüchtigten Cronenbergschen Körperöffnungen) bei Gelegenheit für den gleichermaßen intimsten wie absurdesten Moment zwischen Stark und seiner Assistentin Pepper zu nutzen, und damit die irrste Parodie auf dasjenige zu liefern, was die beiden in all ihrer beiderseitigen uneingestandenen Zuneigung verbindet, aber eben weder zu Körperlichkeiten führt noch zu echten Herzensdingen (tja, oder eben doch, nur ganz anders).

Derartige Spielereien im Hinterkopf steht und fällt dieser erste von Marvel eigenständig finanzierte Film dann auch folgerichtig vor allem mit seinen durchweg gutgelaunten Darstellern. Jeff Bridges als diabolischer Gegenspieler, der für sein abgrundtief gemeines Potential fast nicht oft genug zu sehen ist, und Gwyneth Paltrow als leicht zugeknöpftes Mädchen für alles (in mehrfacher Hinsicht eine Variante ihrer Figur aus „Sky Captain and the world of tomorrow“) sind klug platziert. Robert Downey Jr. gewinnt seiner Rolle eine angemessene, wenn auch nicht unbedingt vorlagenkonforme Note Selbstironie ab – wobei es natürlich ebenso blanker Unsinn wie reines, aber offensichtlich gern entgegengenommenes PR-Futter ist, dass seine private Historie dem fiktiven Charakter ernsthaft etwas hinzufügt (abgesehen vom symbolisch-plakativen Cheeseburgeressen selbstverständlich, mit dem Downey angeblich seine Drogenkarriere beendet haben soll, und welches er als heißhungriger Tony Stark auffällig lustlos durchexerziert).

Überhaupt haben sich Regisseur Jon Favreau und seine Autoren vor allem auf die Entwicklung der Hauptfigur konzentriert und die klassische Konfrontation mit einem monströsen Gegenspieler merklich an den Rand gedrängt – eine Entscheidung, die dem ganzen Unterfangen ausnahmslos gut tut und von vergleichbaren Produktionen angenehm abhebt. Bei genauerem Hinsehen wirken die randvollen 126 Minuten, die der Film dauert, in all ihrer angenehmen Kurzweiligkeit aber vor allem wie der Prolog zu einem von großen Plänen begleiteten Franchise. Für „Iron Man“-Kenner jedenfalls bieten sich jede Menge Versprechungen auf Zukünftiges, und selbst für Neuankömmlinge im Leben von Tony Stark gibt es mindestens einen ziemlich verheißungsvollen Appetithappen. Für den muss man allerdings die gesamten End Credits durchhalten – inklusive Black Sabbath mit, na was wohl – „Iron Man“. [LZ]

OT: Iron Man (USA 2008) REGIE: Jon Favreau. BUCH: Mark Fergus, Hawk Ostby, Art Marcum, Matt Holloway. KAMERA: Matthew Libatique. MUSIK: Ramin Djawadi. DARSTELLER: Robert Downey jr., Gwyneth Paltrow, Jeff Bridges, Terrence Howard, Leslie Bibb, Shaun Toub. LAUFZEIT: 126 Min.

Iron Man

[Abbildungen © Concorde Home Entertainment]

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