INVASION | Filmkritik

20. Oktober 2007

Will man einem Remake an den Kragen, so hat man in der Regel leichtes Spiel, wenn man es an seinem Vorgänger misst. Die Chance, dass man dazu auch noch den Segen der Filmgeschichte bekommt, erhöht sich, je größer der zeitliche Abstand zur Produktion des Originals liegt. Vergreift sich das Remake gar an mehr oder weniger kanonisierten Stoffen, so kann man sich getrost mit den naheliegendsten Vorurteilen wappnen, ohne Gefahr zu laufen, diese nicht auch auf die eine oder andere Weise bestätigt zu sehen. Denkbar ungute Voraussetzungen also für einen Film wie „Invasion“, dem (bislang) gleich drei Vorgänger im Nacken sitzen.

Die Geschichte bedarf in all ihrer Einfachheit keiner umständlichen Nacherzählung: außerirdische Mikroben befallen menschliche Organismen und ersetzen sie durch seelenlose Kopien, deren Aufgabe es ist, die gesamte Menschheit zu infizieren. Eine Handvoll Unbetroffener begreift das Ungeheuerliche und befindet sich fortan auf der Flucht, beständig darum bemüht, inmitten der entmenschlichten Humanoiden nicht aufzufallen.

Das Konzept ist so simpel wir effektiv, generiert einen kontinuierlich wachsenden Spannungsbogen, bietet ein klares Feindbild und schafft eine bedrohliche Grundstimmung mit apokalyptischem Beigeschmack. In dramaturgischer, identifikationsbildendender und atmosphärischer Hinsicht bringt das Grundgerüst also bereits alles Wesentliche mit und entbindet über weite Strecken von allzu großer Eigenleistung. Zugleich bietet das Sujet genügend Raum für Variation im Detail und ist somit klassischer Remake-Stoff.

Die Filmgeschichtsschreibung tat ihr Übriges und fügte dem Thriller-Effekt eine zusätzliche, zumeist politische Dimension hinzu, die erfahrungsgemäß, wenn auch selten mit wirklicher Berechtigung, zu größerer Ernsthaftigkeit in der Bewertung führt. So wird das Original von 1956 bekanntlich vor allem als Parabel auf die antikommunistische Paranoia der McCarthy-Ära gelesen, Philip Kaufmans erstes Remake von 1978 entweder zum Abgesang auf die Hippie-Bewegung erklärt oder als Ausdruck eines nationalen Unwohlseins nach Watergate begriffen, und schließlich Abel Ferraras Version von 1993 wahlweise mit einer kritischen Haltung zur US-Army nach Desert Storm identifiziert oder als symptomatische Reaktion auf die Verbreitung von AIDS gewertet.

Will man hier also mithalten, empfiehlt es sich, der eigenen Version einen Subtext beizumengen, der diese Tradition fortführt. Und so finden sich in der Fassung von David Kajganich und Oliver Hirschbiegel erwartungsgemäß dann auch eine Reihe von Verweisen auf die Rolle der USA im Irak und den Genozid in Darfur – wenn auch ziemlich lose in Form realer CNN-Berichte eingestreut und mit wenig nachhaltigem Effekt. Das mag einer gewissen Plakativität nicht entbehren, erfüllt aber seinen Zweck.

Der Zeitgeist, der hier mitschwingt, bewegt sich in der Spanne von nivellierender Konfliktbewältigung und einer weltanschaulich bedingten Permanenzbedrohung. Das jedenfalls bietet sich als Lesart an. Darfur und Irak fungieren in dieser Deutung als symptomatische Belege für Ausläufer von politisch-diplomatischen Bankrotterklärungen. Ihnen setzt der Alien-Virus friedliche Gleichmacherei entgegen und lässt zur Untermauerung dieses Gedankens einen der Infizierten bei passender Gelegenheit ganz offen zu bedenken geben, dass eine Welt der völligen Nivellierung zwangsweise frei wäre von Krieg und Zerstörung. Freilich steht dafür erst einmal die Übernahme und Auslöschung der bisherigen konfliktbedingenden Humanstruktur an, aber da heiligt der Zweck die Mittel. Ludovico-Therapie anstelle von individueller Gewaltbereitschaft eben.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass von einer Alternative gar keine Rede sein kann. Ganz im Gegenteil verfährt auch das Lösungsschema extraterrestrischer Mikroben ganz und gar nach den Regeln von ethnischen Säuberungen und Weltanschauungskriegen und befindet sich so auf gleicher Ebene. Die Eroberung und Ausrottung des Andersdenkenden, -geborenen, -glaubenden zum Zweck von Konfliktminimierung unterliegt dem Prinzip uneingeschränkter Gleichmacherei. Darfur, Irak und Body Snatchers erscheinen so als geringfügige Variationen desselben Gedankens, die sich lediglich in ihrer Mittelverwendung voneinander unterscheiden.

Zweifellos hat eine (für Hollywood-Verhältnisse allerdings durchaus übliche) unschlüssige Produktions- und Postproduktionsgeschichte dem Film nicht unbedingt genützt. Ein unfertiges Drehbuch, eine nur bedingt anwesende Hauptdarstellerin, kostspielige Nachdrehs durch James McTeigue unter Federführung der Wachowski-Brüder, misslungene Testvorführungen, Re-Installation der ursprünglichen Schnittfassung, eine abgebrochene Werbekampagne (nach einer semi-provokativen Fotostrecke mit Nicole Kidman und Daniel Craig, dessen neuerworbener Bond-Status auf diesem Weg offenbar von seiner recht überschaubaren Nebenrolle ablenken sollte), eine ausgefallene Premiere ohne Hauptdarsteller, sowie eine wenig entgegenkommende Presseberichterstattung trugen nicht unbedingt zur besten Reputation bei, und die Ergebnisse an den Kinokassen ließen demgemäss zu wünschen übrig.

Dabei übersieht man leicht, dass der Film neben all seinen Schwächen durchaus kurzweilige Unterhaltung auf solidem handwerklichen Niveau bietet, weitestgehend spannend bleibt und einige interessante Variationen austestet. Zugleich bleibt ein Vergleich mit den drei Vorgängerversionen nur bedingt legitim, denn auch „Invasion“ ist in erster Linie immer noch eine Verfilmung des Romans von Jack Finney.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich übrigens, einen Blick auf das Ende der Vorlage zu werfen, bevor man mit allzu schweren Geschützen auf das Finale des Films schießt. Nicht weniger vergessen scheint auch die kritische Postproduktionsgeschichte von Don Siegels Version (hier mag vor allem der Vergleich zwischen der Fassung von 1956 und der späteren Wiederveröffentlichung von 1979 gegenüber „Invasion“ milder stimmen). Und schließlich sollte auch noch einmal daran erinnert werden, wie wenig willkommen Abel Ferraras Fassung 1993 entgegen genommen wurde – und das möglicherweise weiterhin zu Recht.

Nebenbei bemerkt lässt sich anhand von „Invasion“ mit einer gewissen Beruhigung wahrnehmen, dass der Psychiater im Umfeld der Body Snatchers anscheinend nicht zwangsweise zum Verbündeten werden muss (wie etwa bei Siegel und Kaufman). Als erklärter Naturalfeind der Scientologen ist er ja vielleicht sogar vielmehr und geradezu dafür prädestiniert, den nivellierenden Invasoren mit außerirdischem Ursprung tapfer entgegen zu stehen. [LZ]

OT: The Invasion (USA/AUS 2007) REGIE: Oliver Hirschbiegel, James McTeigue. BUCH: David Kajganich. MUSIK: John Ottman. KAMERA: Rainer Klausmann. DARSTELLER: Nicole Kidman, Daniel Craig, Jeremy Northam, Jackson Bond, Jeffrey Wright, Veronica Cartwright, Josef Sommer, Celia Weston, Malin Akerman . LAUFZEIT: 99 Min.

[Abbildungen: Warner Bros. Entertainment]

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