Quotendruck und Rundfunkstaatsvertrag: Wohin treibt der deutsche Serienmarkt? | Interview mit Barbara Thielen (Ziegler Film)

02. März 2015

Weissensee

Neue Horizonte: Im April 2014 wechselte die bisherige RTL-Fictionchefin Barbara Thielen nach über 8 Jahren nahtlos in die Geschäftsführung von Ziegler Film München. Für die traditionsreiche Produktionsforma mit Hauptsitz Berlin betreut sie seitdem unter anderem den Ausbau des Serienbereichs. Laila Oudray traf die Diplom-Biologin in Köln und plauderte mit ihr über den Wandel des Formats angesichts aktueller Erfolge aus den USA und die Chancen für den deutschen TV-Markt.

screen/read: Frau Thielen, Sie sind ja noch nicht sehr lange bei Ziegler Film. Wie fühlen Sie in ihrer neuen Position?

Barbara Thielen: Es ist insoweit nichts Neues, als dass ich vor meiner Tätigkeit als Fictionchefin bei RTL schon produziert habe. Da hat sich nicht viel geändert, auch wenn es schon acht Jahre her ist. Ich fühle mich super wohl bei Ziegler und hab auch schon direkt zwei 90-Minüter gedreht. Ich bin eigentlich direkt reingesprungen.

screen/read: Was hat Sie am Angebot von Ziegler Film gereizt?

Barbara Thielen: Erstmal hat mich das Unternehmen gereizt. Ich hege eine große Bewunderung für Regina und Tanja Ziegler. Ich komme auch menschlich mit beiden sehr gut aus. Außerdem bietet die Firma als Background, als Renommee sehr, sehr viel. Ich fand einfach, dass es ein tolles Angebot war. Außerdem merkt man nach so einer langen Pause vom Produzieren, dass es schön ist, neue Probleme und neue Baustellen zu haben, um die man sich kümmern muss.

screen/read: Eine der Baustellen sollen neue Serien sein, und da kommen wir auch schon zum Thema. Es ist ja seit einer Weile der Trend zu beobachten, dass gerade US-Serien eine Aufwertung erfahren und teilweise wie Kinofilme gehandelt. Was glauben Sie, woran das liegt?

Barbara Thielen: Serien hatten in den USA generell schon immer einen anderen Stellenwert als hier. In dem Maße, in dem  HBO, Showtime oder auch Netflix dazu kamen, wurde mehr Geld für Serien ausgegeben, aber eben auch ein anderes Klientel bedient. Anders als bei ABC und der BBC. Das sind große internationale Sender, wo dann eben auch eher klassischere Serien laufen. Dieser Aufwand für Serien, die neue Herangehensweisen und die Erzählstruktur kam erst mit der Etablierung der Pay-TVs. Wer sich HBO holt, der erwartet auch eine Hochglanzserie und lässt sich anders auf horizontales Erzählen ein. Wenn ich eine kleinere Zielgruppe habe, kann ich viel spezifischer erzählen. Die normalen Networks haben ein viel breiteres Publikum. Wenn man da eine weniger klassische Serie senden würde, wäre sie ein Misserfolg. Theoretisch hätte auch NBC „House of Cards“ senden können. Das wäre für den Sender aber ein Flop gewesen.

House of Cards

screen/read: Trotz der speziellen Zielgruppe sind die Serien ja auch international ein Erfolg. Oder meinen Sie, das ist nur gehypt?

Barbara Thielen: Ein bisschen von beidem. Das ist in den USA wie auch in Deutschland ähnlich. Wenn man mit TNT spricht, also mit Turner oder mit Sky, die brauchen diese Serien natürlich ganz stark auch, um mit dem Image nach vorne zu kommen. Der Stellenwert der Serie ist aber schon länger ein anderer. Viele Schauspieler arbeiten heute parallel. Das Stigma existiert nicht mehr und aus Serien sind mittlerweile sogar Stars hervorgegangen. Auch in Deutschland. Der Hype hat sich aber auf jeden Fall verstärkt.

screen/read: Wie würden Sie die aktuelle Serienlandschaft in Deutschland beschreiben?

Barbara Thielen: (denkt nach) Ich finde die deutsche Serienlandschaft grundsätzlich sehr vielfältig. Es ist aber schade, dass die Privaten so wenig machen. Wenn man ein paar Jahre zurückschaut, war das Angebot vielfältiger, weil die Sender unterschiedlich aufgestellt waren. Das ist so ein bisschen eingebrochen, weil sowohl Sat1 als auch RTL nur noch sehr wenig machen. Die stärksten Auftraggeber sind die Öffentlich-Rechtlichen. Ganz spannend finde ich, dass jetzt TNT mit einzelnen Serien dazu kommt. Sky dockt sich an der ARD an und gerade kam die Meldung, dass FOX zwei Serien für Deutschland macht. Disney hat kürzlich eine Kinderserie mit der UFA produziert. Also da tut sich was und das macht es noch spannender.

screen/read: Fehlt den großen Sendern hier nicht immer noch der Mut, da mehr zu wagen?

Barbara Thielen: Ich mache den großen Sendern keinen Vorwurf. Die haben teilweise ein Publikum von 8 bis 80 und da muss man den größten gemeinsamen Nenner finden, damit eine Serie sich irgendwie halten kann. Das bringt mit sich, dass der Inhalt und die Strukturen eher mainstreamiger und nicht so spannend werden.

screen/read: Die deutsche Serienlandschaft hat generell ja einen ziemlich schlechten Ruf.

Barbara Thielen: Den machen wir uns auch selber, wie wir uns alles madig reden. Es gab immer gute Serien. Jetzt ist es einfach schick, zu den Amerikanern aufzuschauen.

screen/read: Nun gibt es ja im deutschen Fernsehen häufig den Fall, dass eine Sendung recht schnell abgeschrieben ist, wenn sie nicht von Anfang an gut läuft. Dabei gibt es so viele Serien, die jetzt Klassiker sind, deren erste Staffel eine Qual war. Kann man das ändern?

Barbara Thielen: Gerade bei den privaten Sendern ist das ganz klar Wirtschaftsdruck. Alle erwarten mehr Einnahmen. Die bekommt der Sender nur über Werbekunden und die buchen natürlich nur, was erfolgreich ist. Da hilft es nicht, wenn der Sender sagt: „Wartet mal, in 5 Jahren ist das ein Hit“. Die privaten Sender sind einfach viel größere Wirtschaftsunternehmen als noch vor ein paar Jahren. Die Öffentlich-Rechtlichen hingegen müssten zwar viel mutiger sein, denn da gibt es Gebühren und keinen Quotendruck. Aber dann gibt es da den Rundfunkstaatsvertrag, der besagt, dass die Öffentlich-Rechtlichen auch massenkompatibel sein sollen. Wenn sie sich also hinsetzen und sagen würden: „Wir machen jetzt ein ganz spezielles Spartenprogramm“, dürften sie streng genommen auch keine Gebühren mehr bekommen. Ich will das aber gar nicht schönreden. Natürlich wünscht man sich mehr Mut. Es wird meiner Meinung nach viel zu früh abgesetzt. Und es wird vor allem viel zu wenig darüber nachgedacht, woran es liegen könnte, wenn etwas nicht funktioniert. Man versucht gar nicht mehr, das Vorhandene zu verbessern. Man denkt viel zu schnell: „Funktioniert nicht, wir machen jetzt was komplett Anderes.“

Breaking Bad

screen/read: „Breaking Bad“ wird ja meist als Musterbeispiel für komplexes horizontales Erzählen vorgeführt. Ich muss zugeben, ich fand die erste Staffel unkonsumierbar.

Barbara Thielen: Ich auch. Ich hab recht spät angefangen zu gucken und dachte erst einmal, „Was ist denn das?“, vor allem weil ich nicht wusste, wohin die wollten. Da merkt man, dass nachjustiert wurde und inwieweit das den ganzen Serienfluss verbessert. Aber das funktioniert auch nicht immer. Wenn ich mir das Serienportfolio der Amerikaner ansehe, dann gibt es da die wirklich brillanten Serien und es gibt sehr viel Mittelmäßiges, das hier nie ankommt und keine Rolle spielt. Es gab auch dort Zeiten, in denen keine Serie funktioniert hat, und das lag nicht am Publikum, sondern daran, dass die Serien schlecht erzählt waren.

screen/read: Gehen wir mal auf eine Utopie-Reise. Welche Art von Serie würden sie gerne produzieren, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Barbara Thielen: Das kann ich so pauschal gar nicht sagen, weil ich glaube, dass Geld allein keine gute Serie macht. Ein guter Stoff lässt sich auch mit wenig Geld verwirklichen.

screen/read: Dann anders formuliert: Wie würden sie arbeiten, wenn Erfolg irrelevant wäre?

Barbara Thielen: Ich würde verstärkt durchgehend erzählen, also weg vom Episodenhaften. Nicht weil das ein momentaner Trend ist, sondern weil es mir die Möglichkeiten gibt, die Figuren und die Story weiterzuentwickeln, sie in neue Situationen zu bringen, neue Richtungen auszuprobieren. Und wenn ich dann noch das Geld hätte, könnte ich es halt richtig gut aussehen lassen und müsste nicht die ganze Zeit überlegen, wie ich das Budget einteile. Aber wie gesagt, Geld allein macht die Erzählweise nicht aus.

screen/read: Aber wie Nietzsche so schön sagt: Geld ist das Brecheisen der Macht.

Barbara Thielen: Klar, das stimmt schon. Es gibt ja immer wieder die Frage, warum die USA solche Serienschmuckstücke wie „Breaking Bad“, „House of Cards“ oder „Game of Thrones“ machen kann, und warum es das bei uns nicht gibt. Der Grund ist ganz einfach: Weil der Markt dafür nicht existiert. Jeder Autor, jeder Produzent hätte sich hinsetzen können und sagen: „Komm wir machen das jetzt.“ Dann hätte man die Serie geplant, wäre irgendwo damit hingegangen und wäre abgeblitzt. Man muss sich schon den Marktgegebenheiten anpassen. Aber da findet gerade einen Umbruch statt, der Markt ändert sich.

screen/read: Der Markt ändert sich? Wie sieht das denn aus?

Barbara Thielen: Deutschland ist für Pay-TV ein extrem schwieriges Land, weil wir so hohe Gebühren haben und der Zuschauer dann zurecht kein Interesse daran hat, noch mehr zu zahlen. Das ändert sich aktuell mit Anbietern wie Netflix oder Watchever. Diversifikation ist das Schlagwort, das den großen Sendern Konkurrenz macht. Und das beobachten wir gerade.

screen/read: In der deutschen Film- und Fernsehlandschaft herrscht zurzeit nicht nur Umbruchstimmung, sondern auch teilweise Panik, weil NRW die Förderungen zusammenstreicht. Was sind ihrer Meinung nach die Folgen dieses Wegfalls?

Barbara Thielen: Es wird weniger produziert. Das betrifft aber vor allem das Kino und weniger den Serienmarkt. Wenn da die öffentliche Förderung wegfällt, wird weniger produziert, weil man aus der eigenen Tasche zahlen muss und es weniger Absatzmärkte außerhalb von Deutschland gibt. Das kann nicht aufgefangen werden.

screen/read: Jetzt zur letzten Frage: Sie sind ja Serienliebhaber, welche Serien schauen sie?

Barbara Thielen: Ich bin tatsächlich kein „Breaking Bad“-Fan. Ich liebe „House of Cards“, „Game of Thrones“, „Lillehammer“. Mit meinen Kindern gucke ich auch „Doktor Who“, weil die Serie wirklich witzig ist. Sie zeigt ganz gut, wie man mit wenig Geld viel machen kann. Ich gucke aber auch gerne deutsche Serien. Ich mochte „Weissensee“, „Doktor’s Diary“ und „Berlin, Berlin“.

[Das Gespräch führte Laila Oudray. Abbildungen: KNM Home Entertainment (Weissensee) | Sony Pictures Home Entertainment (House of Cards, Breaking Bad)]

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