Interstellar | Filmkritik

29. Oktober 2014

Interstellar

Man mag von Christopher Nolan halten, was man will, seine Arbeit megaloman, aufgeblasen und prätentiös finden oder als faulen Budenzauber abtun, doch egal, wie man zu ihm steht: Dass er derzeit der einzige in ganz Hollywood ist, dessen Filme jedesmal mit echtem Ereignischarakter verbunden sind (und zwar nicht, weil die Marketingabteilung des betreffenden Studios es den Zuschauer glauben machen will), kann ihm niemand absprechen. In dieser Hinsicht hat er heute die Position eingenommen, die in den 80ern lange Zeit Steven Spielberg innehatte. „Interstellar“ bildet da keine Ausnahme. Ab einem bestimmten Punkt fragt man sich allerdings, ob hier nicht M. Night Shyamalan seine Finger im Spiel gehabt hat.

Doch keine Angst, das soll niemanden abschrecken, wohl aber dazu anregen, allzeit Augen und Ohren offen zu halten. Denn nichts, was in den epischen rund 170 Minuten dieses Films geschieht, geht lediglich als schmückendes Beiwerk durch. Wenn die Kamera zu Beginn eine Bücherwand entlangstreift, über die sich sanft der Titelschriftzug legt, dann ist das im Grunde die zu einer einzigen Einstellung komprimierte Kernidee, die sich fortan langsam und bedächtig in all ihre Verästelungen entfaltet. Freilich wird einem das erst bewusst, wenn man den Kinosaal drei Stunden später völlig erschöpft wieder verlässt – sofern man sich dann überhaupt noch an den Anfang erinnern kann.

Den Büchern (unter ihnen Stephen Kings Endzeitroman „The Stand“) folgt ein sattgrünes, schier endloses Maisfeld. Ihr Vater sei Farmer gewesen, so wie jeder damals, erzählt eine alte Dame (Ellen Burstyn) in einem Zwischenschnitt, wie er sonst nur in Dokumentarfilmen vorkommt (oder in Warren Beattys „Reds“, der sogar noch länger ist als „Interstellar“). Es dauert eine Weile, bis die Geschichte ihr wahres Szenario offenbart und man begreift, dass sie in einer nicht näher definierten Zukunft spielt, in der Armeen keinen Sinn mehr haben, Russland bankrott ist und nichts eine größere Bedeutung hat als Landwirtschaft.

Die Menschheit droht zu verhungern, denn gigantische Staubwolken bedrohen die Ernte und der Stickstoffanteil in der Luft nimmt beständig zu – auch wenn das die breite Bevölkerung nicht weiß. Was genau die Welt aus der Bahn geworfen hat, behält der Film für sich, und wer die üblichen zerstörten Landschaften und Städte erwartet, wird sich enttäuscht sehen. Möglicherweise ist dieses Morgen aber auch schon längst angebrochen, denn statt moderner Touchpads sind immer noch altmodische Laptops in Betrieb.

Interstellar

Aber zurück zum Vater, der ein Farmer war. Im Film sieht er aus wie Matthew McConaughey und ist eigentlich Ingenieur und Testpilot der NASA. Doch das sind in dieser Welt tote Berufe, erinnert ihn sein Schwiegervater (John Lithgow), denn nach den Sternen greift hier niemand mehr, sondern konzentriert sich stattdessen auf die Erde unter ihm, um die Ernte einzufahren. Ein Cowboy also, der sich als Farmer niedergelassen hat und dann auch noch auf den Namen Cooper hört – der klassische amerikanische Western hat gelehrt, dass das nicht lange miteinander harmonieren kann.

Es sind die (vermeintlichen?) Geister, die seine kleine Tochter in ihrem von einer Bücherwand dominierten Kinderzimmer zu sehen glaubt, durch die Cooper den entscheidenden Anstoß erhält. Ohne im Detail weiter auf das Wie und Warum einzugehen: Im zweiten Akt sehen wir ihn als Leiter einer Mission im All, deren Ziel es ist, jenseits eines Wurmlochs einen erdähnlichen Planeten auszumachen, auf den die zum Sterben verdammte Menschheit entfliehen soll. Dass er dazu recht kurzentschlossen seine beiden Kinder zurücklässt, ist für den Zuschauer vermutlich schwerer zu schlucken als all die Theorien aus dem Füllhorn der Quantenphysik, mit denen Nolan fortan recht freigiebig um sich wirft.

Fachliche Beratung hat er sich dazu von dem renommierten Physiker Kip Thorne geholt, dessen theoretische Untersuchungen über Zeitreisen, Gravitationsfelder und Relativität dem Film sein Koordinatensystem liefern und in Dialogform gepresst entweder völlig überfordern oder leidlich nerven (oder beides). Im zweiten Akt gibt es davon reichlich, ohne dass sich genau sagen ließe, wozu die Geschichte soviel Astrophysik braucht, denn nachvollziehen kann die Ausführungen der Figuren ohnehin kein Mensch, und den Film selber bremsen die Gespräche zwischen den Astronauten (darunter Anne Hathaway) merklich aus.

Hinzu kommt eine gewisse Vorhersehbarkeit der Ereignisse. Cooper und seine überschaubare Crew verfolgen die Spuren früherer Forschungsteams, die bereits Planeten entdeckt haben, zu denen der Funkkontakt aber abgebrochen ist. Also müssen sie nun einen Erdersatzkandidaten nach dem anderen aufsuchen, um festzustellen, welcher tatsächliche besiedelbar ist. Der erste, den sie ansteuern, wird es wohl nicht sein. Wetten? Wetten auch, dass irgendwann der Treibstoff zur Neige gehen wird? Und wetten – aber lassen wir das.

Interstellar

Auf der Handlungsebene hält sich die Spannung also eine ganze Weile in Grenzen, und so setzt der Film stattdessen auf audiovisuellen Overkill und eines von Nolans Lieblingsthemen: die Relativität der Zeit. Doch während sie bei „Inception“ primär als Spannungselement fungierte, das Ereignisse zwischen mehreren Traumebenen aufeinander einwirken lässt, schafft sie hier vor allem Tragik. Jeder Abstieg auf einen der möglichen Planeten kostet Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte Erdzeit, während für die Astronauten nur Stunden vergehen. Die Chance, dass Cooper seine Kinder lebend wiedersieht, schwindet so praktisch im Minutentakt.

In einer der emotionalsten Szenen des Films schaut er sich nach einem missglückten Außeneinsatz die zwischenzeitlich aufgelaufenen Videonachrichten von der Erde an und begreift mit einem Mal, wie viel kostbare Zeit er verloren hat und was unwiderbringlich an ihm vorbeigezogen ist. Hier verlässt der Film der Geschichte zuliebe klugerweise für einen kurzen Moment einmal den Pfad wissenschaftlicher Genauigkeit. Denn dass jenseits eines Wurmlochs noch Funkkontakt (zumindest einseitig) zur hinter sich gelassenen Galaxie möglich ist, würde Kip Thorne vermutlich eher nicht unterschreiben.

Trotz allem hängt der Film im Mittelteil merklich durch. Zu den Astronauten lässt sich nur schwerlich eine Bindung aufbauen, und so fällt ein Bauernopfer auch kaum ins Gewicht. Problematisch ist zudem die Besetzung Coopers mit Matthew McConaughey, der als Sympathieträger ohnehin nur bedingt taugt und hier eine Figur zum Leben erwecken muss, die von Haus aus schon eine Menge Klischees mit sich herumträgt. Eine tote Ehefrau als Standard aus dem Drehbuchseminar verbindet ihn dabei genauso mit DiCaprios Hauptcharakter aus „Inception“ wie die treibende Kraft, seine Kinder wiedersehen zu wollen (ob uns die Namensgleichheit – Cobb und Coop – etwas sagen soll, wissen vermutlich nur die Nolan-Brüder selber).

Dann allerdings folgt irgendwann der dritte Akt, und der drückt die Zuschauer tatsächlich in die Sitze. Wie so oft erzählt Nolan jetzt mehrere Handlungsstränge parallel, lässt sie miteinander in unterschiedliche Richtungen laufen, sich gegenseitig vorantreiben, ergänzen und erklären. Doch wer die Jahre mitgezählt hat, die Cooper im All abhanden gekommen sind, begreift bald, dass die miteinander verknüpften Erzählebenen überhaupt nicht gleichzeitig verlaufen, sondern weit auseinanderliegen. Dann jedoch gelingt ein verblüffender Kunstgriff aus dem Shyamalan-Universum, der alles zuvor Gezeigte in ein neues Licht rückt und nüchterne Quantenphysik in zerbrechliche Poesie überführt. Am Ende ist „Interstellar“ vielleicht gar so etwas wie das filmische Pendant zum gekrümmten Raum.

Vor allem aber ist der Film Ausdruck des unbedingten Willens seiner Macher, einen modernen Klassiker abzuliefern, der in einem Atemzug mit „2001“ (Nolans erklärtem Lieblingsfilm) genannt werden kann. Folgerichtig gibt es einiges, was bewusst an Kubricks Gamechanger erinnert, insgesamt aber nicht wirklich entscheiden lässt, wo Zitat oder Hommage aufhören und das Epigonentum beginnt. Zu groß ist der Schatten des Meisters, als dass es dem Film gelingen würde, sich wirklich freizuschwimmen.

Visuell geht „Interstellar“ hingegen keinerlei Kompromisse ein. „Gravity“ etwa wirkt im Vergleich zu dem, was hier aufgefahren wird, wie eine Fingerübung, und das letzte, was dabei notwendig gewesen wäre, ist 3D. Sensationelle Bilder von Hoyte van Hoytema („Let the Right one in“) lassen einem die Augen übergehen, und wenn nicht gerade hypnotische Stille vorherrscht, sorgt Hans Zimmers unüberhörbar von Philip Glass beeinflusste (und überraschend thematisch strukturierte) Musik dafür, dass sich niemand Nolans Überwältigungsstrategie entziehen kann. Wer sich diesen Film nicht im Kino anschaut, sondern lieber zur Raubkopie greift oder die spätere DVD abwartet, ist selber schuld. [LZ]

Interstellar

OT: Interstellar (USA/UK 2014) REGIE: Christopher Nolan. BUCH: Christopher Nolan, Jonathan Nolan. MUSIK: Hans Zimmer. KAMERA: Hoyte Van Hoytema. DARSTELLER: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, David Oyelowo, Michael Caine, Matt Damon, John Lithgow, Casey Affleck, Ellen Burstyn, Bill Irwin, Mackenzie Foy. LAUFZEIT: 169 Min.

Interstellar

[Abbildungen: © 2014 Warner Bros. Entertainment Inc. & Paramount Pictures]

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