INCEPTION | Filmkritik

29. Juli 2010

Inception | Filmkritik

Über 60 Millionen Dollar spielte Christopher Nolans ambitioniertes Langzeitprojekt bereits am US-Startwochenende ein und verteidigte seine Top-Platzierung mühelos auch in der Folgewoche gegen starke Konkurrenz („Salt“). Nicht schlecht für einen Film, den mancher für zu komplex hielt, um den Bedürfnissen eines Blockbusters entsprechen zu können. „Inception“ ist im Umfeld der Sequels und Remakes in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, und wie sich jetzt zeigt, hat auch ein breites Publikum nichts dagegen, von originellen Stoffen überrascht zu werden. Dass Nolans Film zudem einen ausufernden Kritikerstreit auslösen würde, an dem sich Profis wie Laien gleichermaßen beteiligen, hat vermutlich niemand erwartet.

Filmkritik: INCEPTION

In den Tiefenschichten des Unterbewußtseins lauert eine Menge Ungutes. Auf der Zeitachse strahlt es in beständiger Linearität seine zwar latente, aber doch kaum sichtbare Gegenwart aus. Mit ihr hält es alles Denken, Empfinden und Handeln unbehelligt unter seinem Einfluß. Manchmal aber schlägt es auch ganz punktuell zu, schnellt an die Oberfläche und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Dann wirkt es am fatalsten und zeigt sich von seiner zerstörerischen Seite. Doch was, wenn eben dieses Ungute das schönste aller Gesichter trägt und in sich birgt, was man am meisten liebt?

So in etwa ließe sich, ohne allzu viel vorweg zu nehmen, von jenem Blockbuster reden, der sich schneller zum absoluten Must-See entwickelt hat, als man es sich beim produzierenden Studio selbst in den kühnsten Träumen erhoffen konnte – von „Inception“ also. Es ginge aber auch anders. Etwa so: Um Soldaten im Training eine Gefechtssituation vorgaukeln zu können, die völlig realistisches (aber folgenloses) Töten und Getötenwerden beinhaltet, hat die US-Army beizeiten damit begonnen, eine Technik zu entwickeln, mithilfe derer sich fremde Traumlandschaften betreten und deren Regeln manipulieren lassen. Einer der Virtuosen dieses Verfahrens, Dom Cobb (Leonardo DiCaprio), setzt seine Fähigkeiten allerdings zu ganz anderen Zwecken ein: Weil er in seiner Heimat (zu Unrecht?) verfolgt wird, bestreitet er seinen Lebensunterhalt im Ausland mit beauftragtem Gedankendiebstahl. Als gefragter Industriespion bewegt er sich dabei undercover durch die Träume anderer und spielt den Betreffenden real erscheinende Konstellationen vor, die sie dazu bewegen sollen, ihm ganz bestimmte Geheiminformationen zu offenbaren. Ein neuer Auftrag kehrt das Prinzip jedoch um. Cobb soll dem Sohn eines mächtigen Industriemagnaten im Interesse eines Konkurrenten keinen Gedanken stehlen, sondern vielmehr einen solchen implementieren. Lohn dieser ungewöhnlichen Aufgabe: Cobbs unbehelligte Rückkehr zu seinen Kindern in die USA. Doch in den Tiefenschichten seines Unterbewußtseins lauert eine Menge Ungutes (sic!) und macht den Auftrag zu einer tödlichen Angelegenheit.

Inception | Leonardo DiCaprio

Wenn man jedoch die inflationär anwachsenden Interpretationsversuche zur Kenntnis nimmt, die seit US-Kinostart praktisch im Sekundentakt das Netz fluten, kann man auch von einem Dutzend anderer Seiten aus an Christopher Nolans Traumfantasie herantreten. Der Absurdität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Der letzte Hollywoodfilm, der eine derartig ungebremste Form der Analysewut ausgelöst hatte, war bekanntlich „Matrix“, und so ist dies auch nicht von Ungefähr derjenige Titel, mit dem „Inception“ am verlässlichsten verglichen wird. Doch während damals einige schlichtere Gemüter zu dem Schluß kamen, man könne keine Gewissheit mehr über die Realität der eigenen Wahrnehmung haben, weil die Evolution längst von Supercomputern abgelöst worden sei (die alle Wirklichkeit lediglich als virtuelle Simulation in die Synapsen projizieren), so mag sich jetzt so mancher finden, der ernsthaft glaubt, nicht mehr zwischen Traum und Wachen unterscheiden zu können. Oder ist das alles doch nur eine Allegorie auf das Filmemachen selbst? Fragen über Fragen.

Das Hauptproblem einer derartigen, zum Teil mit arger Wichtigtuerei geführten Diskussion ist in erster Linie nicht das schier unüberschaubare Ausmaß an Nonsens, das hier produziert wird, sondern die Tatsache, dass sich dem Film selber nur noch schwerlich unvoreingenommen nähern lässt. Schon bevor „Inception“ zum ersten Mal für reguläre Kinogänger zu sehen war, ließen sich die Wogen kaum mehr glätten. Eine unerträgliche Parteienergreifung zog sich quer durchs Netz und bewegte sich schnell auf einem Niveau gegenseitiger Beschimpfung, das jeder Beschreibung spottet. Dabei hat Nolans Film weder politische noch irgendwelche sonstigen weltanschaulichen Ambitionen. „Inception“ erweist sich als reinstes Entertainment, dessen Virtuosität einem schlicht den Atem rauben kann. Aber ungeachtet dessen lässt sich nur schwerlich begreifen, mit welcher an Zwangsneurosen grenzender Akribie über diesen Film diskutiert wird – und ein Ende ist nicht in Sicht. Offenbar hat Nolan hier einen Nerv des Zeitgeistes so gezielt getroffen, dass jegliche Reaktion bereits auf einem Reflex beruht. Aber wieso eigentlich?

Inception | Ken Watanebe, Marion Cotillard

„Inception“ ist ein Heist-Movie, ein Spionage-Thriller, ein Trip ins menschliche Unterbewußtsein, eine tragische Liebesgeschichte, ein Fantasy-Film, ein Endzeit-Film, ein lebensumspannendes Epos, ein Schuld- und Sühne-Drama und nicht zuletzt ein komplexes Spiel mit Logik und Verstand – oder in der angenehm plakativen Sprache, die das Leben um so vieles leichter macht, ein echter Mindfuck. Für Nolan, der vor einem guten Jahrzehnt mit dem filmischen Erinnerungspuzzle „Memento“ bereits für jede Menge Kopfzerbrechen sorgte und so den Grundstein zu seiner heutigen Karriere legte, ist das Jonglieren mit Gedankenspielen ein beständiges Anliegen: Identitäten brechen, duplizieren und spiegeln sich bei ihm an allen Ecken und Enden (am offensichtlichsten in „The Prestige“), und so ist es nur zu konsequent, wenn ein langgehegtes Lieblingsprojekt das Unterbewusstsein seiner Figuren nicht nur bildlich erforscht, sondern direkt zur eigentlichen Handlungsebene erklärt – mit allen notwendigen Zugeständnissen, die ein solcher Schritt nach sich zieht.

Nolan ist nicht der erste und ganz sicher nicht der letzte, der die ungemeinen Möglichkeiten des Kinos ausnutzt, um Figuren in die Traumwelten anderer eintauchen zu lassen – aber er ist von allen seinen Vorgängern der konsequenteste. Bereits 1984 betrat Dennis Quaid mittels eines von der US-Regierung beauftragten Forschungsprojektes fremde Träume und verhinderte dort unter anderem die Ermordung des Präsidenten. In „The Cell“ klinkt sich Jennifer Lopez in das von Kindheitstraumata und perversen Allmachtsfantasien ausgestaltete Unterbewusstsein eines im Koma liegenden Serienkillers ein, um dort herauszufinden, wo dieser sein letztes Opfer gefangen hält. Kaum einen Monat vor „Memento“ kam Tarsem Singhs Langfilmdebüt damals in die Kinos, und das ist auch ungefähr der Zeitraum, den Nolan für seine ersten Ideen zu „Inception“ benennt.

Doch egal ob und wie sehr sein Film von diesen und anderen ähnlich gelagerten Vorgängern beeinflusst sein mag, radikaler als hier ist der Einstieg in fremde Träume (im Kino jedenfalls) nie zuende gedacht worden. Nolan baut ein ganzes Regelwerk auf, das den narrativen Rahmen bestimmt und ein Maß an komplexen Spannungsbögen ermöglicht, welches eigentlich für ein halbes Dutzend Filme ausreichen würde. Da gibt es zum Beispiel das Konzept des Totems, eines Gegenstandes, den sich jeder Traumreisende auswählt und mit einem nur ihm alleine bekannten Geheimnis ausstattet, um unterscheiden zu können, ob er schläft und manipuliert wird, oder ob er wach ist (ein besonders heiß diskutiertes Thema). Da gibt es die sogenannten Projektionen als Gesamtheit aller fantasierten Subjekte eines jeweiligen Traumes – sie bemerken, wenn Fremdkörper eindringen und Dinge ändern, die nicht dem Unterbewusstsein des Träumenden selber entsprechen. Und da ist das bemerkenswerte Gesetz der temporalen Ausdehnung in die Tiefe, dem gemäß das Zeitempfinden während des Träumens verlangsamt ist und von Traumebene zu Traumebene beständig zunimmt.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Regeln, doch diese drei bilden den Kern, aus dem sich die ungemeine Dichte des Films ergibt. Um nämlich den Auftrag zu erfüllen, einen Gedanken im Unterbewusstsein der Zielperson zu implementieren, sind (warum auch immer) ganze drei Traumebenen notwendig. Immer tiefer müssen Cobb und sein Team in unkontrollierte Gedankenwelten hinabsteigen, während Geschehnisse auf den oberen Ebenen die unteren grundlegend beeinflussen. Diese Regel haben aber nicht nur die Protagonisten zu akzeptieren – der Zuschauer muss es auch. Wer das nicht kann, bleibt lieber zuhause. Alle anderen werden sich der Sogkraft, die sich mithilfe dieser Parameter entwickelt, kaum entziehen können. Geradezu klaustrophobisch gerät der Abstieg, und der Film zieht die Schlinge noch ein entscheidendes Stück enger, indem er eine Regelabweichung einbaut, die den Figuren ein schreckliches Schicksal bereitet, sollten sie im Traum ihr (reales? irreales?) Leben einbüßen.

Doch damit nicht genug. Während in Nolans Fiktion eine Beeinflussung von oben nach unten stattfindet, kennt die Psychoanalyse bekanntlich eher den umgekehrten Weg, und auch dieser findet seinen Platz in der komplexen Wirklichkeit von „Inception“. Erinnerungen, Begehrlichkeiten und Ängste, die sich auf der untersten Ebene aller Wahrnehmung niedergelassen haben, bekommen in den Traumwelten der Figuren eine materialisierte Form, mit der sie nach oben streben und zur gefährlichen Bedrohung werden. Wer den Film unter dieser Voraussetzung als bebilderte Therapiesitzung lesen will, findet im Netz jedenfalls ganz sicher einige Anhänger seiner Theorie.

Inception | Joseph Gordon-Levitt

„Inception“ will als filmisches Labyrinth funktionieren, doch dabei ist alles weniger kompliziert als man meinen könnte. Viel zu gut hat Nolan sein Skript durchdacht, viel zu präzise geschliffen, um den Zuschauer auf der Strecke zu verlieren. Es wird viel erklärt, doch nicht alles davon muss man auch wirklich begreifen, um der Geschichte weiter folgen zu können. Eine Menge ist mehr oder weniger ästhetisches Schmückwerk, das zwar einiges hermacht, verstehen muss man es aber nicht. In erster Linie mag es dazu dienen, das Bedürfnis nach einem zweiten Kinobesuch zu befördern, und das ist ja nur im Sinne aller Beteiligten. Wer da im Vorhinein tatsächlich befürchtet hat, ein breites Publikum mit einer komplexen Geschichte wie dieser zu überfordern, wurde schnell eines Besseren belehrt. Immerhin gibt es bis heute niemanden, der „The Big Sleep“ wirklich verstanden hat, und bekanntlich soll selbst Chandler nicht mehr gewusst haben, wer denn nun eigentlich der Mörder ist. Derart offene Fragen gibt es bei Nolan nicht.

Wo jedoch tatsächlich Fragezeichen auftauchen, da sind sie auch bewusst provoziert. Spuren, denen man folgen kann wie einem Ariadnefaden, werden ausreichend gelegt. Sprechende Namen sind da nur die Spitze des Eisberges. Nichts davon fungiert aber wirklich als Schlüssel zu einem neuen Verständnis des Films, wohl aber verdichtet jedes Detail (oder besser: „Easter Egg“) den Eindruck und treibt zu weiterer Spekulation an. Was etwa hat es mit Cobbs Ehering auf sich, und woher stammen die brachialen Posaunenstöße in Hans Zimmers Leitmotiv tatsächlich? Der Interpretationswahn, den „Inception“ ausgelöst hat, mag also durchaus in gewissem Rahmen Teil des Konzepts sein.

Einiges gemein hat Nolans Film interessanter Weise aber auch mit einem anderen großen bis größenwahnsinnigen Blockbuster der jüngeren Vergangenheit, und das sagt einiges über seinen Zeitgeisteffekt aus. Wenn sich Sam Worthington in „Avatar“ nämlich vorübergehend von seiner menschlichen Dreidimensionalität verabschiedet, ist die Nähe zu Cobbs Abstieg in fremde Träume nicht zu übersehen. Beide dringen sie als virtuelle Alternativexistenzen in Welten ein, die ihnen unter normalen Bedingungen verborgen bleiben würden – und das jeweils zu dem einen Zweck, mit ihrer neuen Gestalt Informationen zu stehlen und Gedanken zu implementieren (in der weiteren Entwicklung dann allerdings bilden sie in gewisser Weise spiegelbildliche Gegenentwürfe zueinander).

Wie verblüffend derartige Parallelen auch sein mögen, entscheidend ist, dass beide Filme das Lebensgefühl einer besonderen Form von existenziellem Eskapismus widerspiegeln, der bekanntermaßen vor allem in Krisenzeiten regelmäßig einen inflationären Zugewinn erfährt. Doch auch in anderer Hinsicht findet sich fruchtbarer Boden. Eine Gesellschaft , für die eine virtuelle Zweitexistenz im Netz, sei es in Form sozialer Netzwerke oder einschlägiger Online-Games, längst zum Alltag gehört, findet sich hier spielend wieder und kann gemeinsam mit den Filmemachern die gegebenen Möglichkeiten ins Unermessliche weiterspinnen. Dass Nolan mit dem Betreten von Traumlandschaften zudem ein Thema behandelt, bei dem jeder, aber auch wirklich uneingeschränkt jeder auf lebenslange Erfahrungen zurückgreifen kann und sich in vielen Strukturen, die der Film vorspielt, wiederfinden muss, verdichtet den Grad der Identifikation ungemein – und begründet einen Großteil des bestehenden Diskussionsbedarfs.

Eines allerdings kommt in den Traumwelten von „Inception“ genauso wenig vor wie in anderen Arbeiten dieses Filmemachers, und da hilft auch kein Schulterzucken. Denn ein Abstieg in das Unterbewusstsein, ohne dass ein gewisses Maß an sexueller Obsession eine Rolle spielt, ist im Grunde ein Witz. Wer also über die Künstlichkeit von Nolans Konzept streiten will – hier ist der einzig sinnvolle Ansatzpunkt. [LZ]

OT: Inception (USA 2010). REGIE | BUCH: Christopher Nolan. MUSIK: Hans Zimmer. KAMERA: Wally Pfister. DARSTELLER: Leonardo DiCaprio, Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Marion Cotillard, Ken Watanebe, Tom Hardy, Cilian Murphy, Tom Berenger, Lukas Haas. LAUFZEIT: 148 Minuten.

Inception | Filmplakat

[Abbildungen © 2010 Warner Bros. Ent.]

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Eine Antwort zu “INCEPTION | Filmkritik”

  1. pewter sagt:

    genial geschriebene filmkritik!!!!!!!!

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