In Fear | Filmkritik

15. September 2014

In Fear

Einige Ängste sind universell. Etwa die Furcht, in einem dunklen, schier endlosen Wald verloren zu gehen. Im Horrorfilm bilden Finsternis und unwegsames Gelände seit jeher ein beliebtes Gespann, um den Zuschauer mit seinen eigenen Angstvorstellungen zu konfrontieren. Nicht anders verhält es sich im düsteren Kinodebüt des Briten Jeremy Lovering, der bislang vor allem für die Regie von TV-Serien und -Dokumentationen verantwortlich zeichnete.

Lucy (Alice Englert) und Tom (Iain De Caestecker) sind auf dem Weg zu einem Festival in Irland, machen allerdings nach einem abrupt beendeten Pub-Besuch erst einmal einen Abstecher in die Pampa, wo der junge Mann heimlich ein versteckt liegendes Hotel gebucht hat. Während das Navi urplötzlich Störsignale empfängt, folgen die beiden den Wegweisern zur Unterkunft, müssen aber schon bald feststellen, dass die Schilder sie nicht ans Ziel führen, sondern immer nur im Kreis. Als Lucy auch noch eine mysteriöse Gestalt gesehen haben will, nimmt die Anspannung schlagartig zu. Die aufkommende Dunkelheit verhindert jeglichen Durchblick und eine Gefahr scheint sich im Schutz der Bäume langsam anzuschleichen.

Was auf dem Papier nach x-beliebigem Backwood-Horror klingen mag (und gewisse Erinnerungen an den Ray-Wise-Grusler „Dead End“ weckt), verwandelt Lovering in einen recht eigenständigen Alptraum, der zwar immer wieder Genre-Muster bedient, sie gleichzeitig aber auch einer interessanten Abwandlung unterzieht. Die Variation beginnt schon damit, dass wir über die Protagonisten fast nichts erfahren – was durchaus Sinn ergibt, da sich die beiden selbst erst vor kurzem kennengelernt haben.

Dementsprechend unsicher gehen Lucy und Tom miteinander um. Ihre Gespräche wirken stets etwas unbeholfen. Ebenso ihre Reaktionen auf die ersten seltsamen Ereignisse. Wirkliches Vertrauen will sich zwischen ihnen nur schleppend einstellen, zumal Tom ohne das Wissen seiner Begleiterin einen Zwischenstopp einplant und nur ungern über den Grund für ihren überhasteten Aufbruch aus dem Pub reden will. Irgendetwas könnte dort vorgefallen sein, was das junge Pärchen nun einzuholen droht.

In Fear

Fast zwangsläufig übertragen sich die Irritationen der Figuren auf den Zuschauer, der sich bestens in die unheilvolle Lage – eine Irrfahrt mitten im Nirgendwo, noch dazu mit einem flüchtig bekannten Beifahrer – hineinversetzen kann. Entscheidend für die eindringliche Wirkung des Geschehens ist nicht zuletzt die minimalistische Agenda, die Lovering recht konsequent verfolgt. Abgesehen von einigen kurzen (nicht immer nachvollziehbaren) Ausflügen ins Freie spielt sich die Handlung bis zum letzten Akt ausschließlich im Inneren des Wagens ab, mit dem Lucy und Tom in ihr Verderben fahren.

Während die Außenwelt im allumfassenden Nichts verschwindet, bleibt die Kamera stets nah an den Protagonisten und seziert dabei unerbittlich ihre wachsende Panik. Äußerst beklemmend sind beispielsweise die wiederholt eingesetzten extremen Nahaufnahmen der angstgeweiteten Augen, die jedes noch so kleine Muskelzucken offenlegen. Weiter verstärkt wird das Unbehagen durch die dissonanten Klänge auf der Tonspur, die mit Bedacht Verwendung finden, sowie einige effektiv platzierte Schockmomente.

Mit einfachsten Mitteln gelingt es Lovering, den Betrachter ganz und gar in den Film hineinzuziehen und ihn gleichzeitig auf das Schlimmste vorzubereiten. Dass die Handlung bei Licht betrachtet allerhand logische Brüche aufweist, ist letztlich nicht allzu tragisch, da man sich dank der umsichtigen Inszenierung und der glaubwürdigen Darstellerleistungen allen Ungereimtheiten zum Trotz bereitwillig auf das Spiel mit der Angst einlässt.

Angesichts dieser schmackhaften Kostprobe seines handwerklichen Könnens muss es nicht verwundern, dass der Regisseur im Anschluss den Zuschlag für die Auftaktfolge zur neuen „Sherlock“-Staffel erhielt – eine Rückkehr zum Fernsehen, die allerdings durchaus als Schritt nach vorne zu werten ist. Denn immerhin zählt die Reihe rund um den berühmten Londoner Privatdetektiv in zeitgemäßer Aktualisierung derzeit zu den prestigeträchtigsten TV-Formaten überhaupt. [Christopher Diekhaus]

In Fear

OT: In Fear (UK 2013) REGIE: Jeremy Lovering. BUCH: Jeremy Lovering. MUSIK: Daniel Pemberton, Roly Porter. KAMERA: David Katznelson. DARSTELLER: Alice Englert, Iain De Caestecker, Allen Leech. LAUFZEIT: 82 Min. (DVD), 85 Min. (Blu-ray). VÖ: 21.08.1014

In Fear

[Abbildungen: Studiocanal]

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