Ich seh Ich seh | Filmkritik: Wiegenlied für böse Träume

01. November 2015

Ich seh Ich seh

Manchmal verliert selbst Gott einen Stern. Und weil er das weiß, zählt er lieber pedantisch nach, um sicherzugehen, dass sie alle noch am Himmelszelt stehen. Dass ihr Anblick allerdings nur eine Täuschung, ihr Leuchten ein langanhaltendes Echo ihres Verglühens sein kann, war dem Verfasser des berühmten Wiegenliedes Mitte des 19. Jahrhunderts selbstverständlich noch fremd. Anders der Kenntnisstand der beiden Filmemacher hinter diesem österreichischen Schauerstück, das seine falschen Fährten zwischen Leben und Tod, Haneke, Kubrick und Torture Porn so offensichtlich legt, dass man den Wald vor lauter Bäumen einfach übersieht.

Es ist ein seltsames Szenario, das Severin Fiala und Veronika Franz (langjährige Autorin für Ulrich Seidl) dem Zuschauer da präsentieren: Wir erfahren nichts darüber, wie lange die etwa 10-jährigen Zwillinge Lukas und Elias unbeaufsichtigt in der ländlichen Familienvilla verbracht haben. Direkte Nachbarschaft scheint es nicht zu geben und so gehören ihnen die Wiesen und Felder ringsum ganz alleine. Als die alleinerziehende Mutter (Susanne Wuest) offenbar von einer längeren und schweren OP zurückkehrt, ist ihr Gesicht bandagiert und ihr Verhalten mehr als befremdlich. Lukas wird von ihr ignoriert, Elias darf nicht mit ihm reden. Nach einem körperlichen Übergriff sind sich die Zwillinge zunehmend sicher: Die Frau, mit der sie unter einem Dach leben, ist aller täuschenden Ähnlichkeit zum Trotz nicht ihre Mutter.

Man könnte es als kindliche Spinnerei abtun, zumal die Zwillinge selber arg seltsames Verhalten an den Tag legen, doch was ist von einer Mutter zu halten, die eines ihrer Kinder ignoriert (Lukas) und auf das andere (Elias) aus nichtigem Anlass gar mit einem ziemlich verstörenden gewaltsamen Übergriff reagiert, während wir eine alte Tonbandaufnahme von ihr hören (auf der sie eben jenes Schlaflied singt), die so gar nichts mit dem Menschen zu tun haben, als den wir sie erleben? Oder sehen wir sie nur durch die Augen der beiden so furchtbar identisch wirkenden Söhne?

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Wäre „Goodnight Mommy“, wie der Film auf dem englischsprachigen Markt heißt (und damit vielleicht ausnahmsweise den passenderen Titel trägt), ein gängiger Genre-Beitrag, würde man sich vermutlich weniger Gedanken machen. Doch hier gelten andere Regeln. So künstlich wie das Interieur des Hauses (geisterhafte Fotografien an den Wänden, dioramartig angeordnete Barbiepuppen auf dem Kamin) gibt sich auch die Inszenierung. Klare Linien, fotografisches Framing, Spiegelkonstellationen – hier ist jede Einstellung genauestens komponiert und bemüht sich auch nicht, ihre artifizielle Natur zu verbergen.

In die klinische Sauberkeit der Villa dringt nach und nach Verwesung ein, und ihre Urheber sind die Zwillinge. In einem Aquarium sammeln sie Kakerlaken und schmuggeln heimlich eine verlotterte Wildkatze ins Haus – mit katastrophalen (und möglicherweise irrealen) Folgen. Während Lukas und Elias nach außen drängen und Dinge von dort hereinlassen (darunter auch schon einmal seltsame Besucher), wehrt die Mutter alles Äußere peinlich genau ab. Schmutz und Licht haben strenges Einlassverbot, und so bleiben die Jalousien im Noir-Look beständig geschlossen.

An der Oberfläche dient es ihrer Genesung, doch will sie nicht viel eher etwas verbergen? Eine Zeitlang gibt es ihr Gesicht nur bandagiert zu sehen, was den Zweifel der Kinder an ihrer Identität nur noch befördert. Wer hier an Almodovars „Die Haut, in der ich wohne“ denkt (oder eben dessen Inspirationsquelle, Georges Franjus „Augen ohne Gesicht“), ist ganz sicher einem der vielen Querverweise des Films auf der richtigen Spur. Das Assoziationsspiel mit variierter Identität, die unter dem Verband lauert (bei Almodovar ein erzwungener Geschlechtswechsel, bei Franju das Überleben einer Totgeglaubten) gehört zum externen Deutungshorizont, der für die eine oder andere zusätzliche Ebene sorgt. Bezeichnend: Nachdem die Mutter ihre Bandagen abgelegt hat und dem Monster, das Elias kurz zuvor heimlich in ihrem Spiegelbild entdeckt hatte, in keinster Weise ähnlich sieht, greifen die Zwillinge zu rituellen afrikanischen Masken, die ihre – ohnehin gespiegelte – Identität verbergen.

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Dann mag man sich erinnern, dass es diese Masken früher schon einmal zu sehen gab, ganz zu Beginn, in der allerersten Sequenz, wenn die Zwillinge in den Maisfeldern spielen und dabei nicht von ungefähr an Stephen Kings „Kinder des Zorns“ erinnern. Und wenn man will, kann man vor diesem Hintergrund auch die Chronologie der Erzählung infrage stellen, zumal das Maisfeld noch einmal wiederkehren wird und dabei die Realität des gesamten Films aushebeln könnte. Ob das alles wirklich so funktioniert, wie es scheint, erschließt sich erst im zweiten Anlauf (und das Beunruhigendste dabei: Es gibt sie, die eine Szene, die bei aller Pedanterie nicht aufgeht – und das ist mit Sicherheit so gewollt).

Vor dem Maisfeld allerdings steht ein besonders befremdlicher Griff in die Geschichte des deutschsprachigen Kinos. Ruth Leuwerik und ihre (Film)Kinder singen dort das andere große Wiegenlied, grausig überhöht und vom Schatten des Nationalsozialismus eingedunkelt. „Guten Abend, gut’ Nacht“ in der Fassung der „Trapp-Familie“ von 1956 (droht demnächst als Remake) mit schwirrenden Geigen und dem Engelsgesang der Jungen und Mädchen, wie er genausogut auch im KZ Theresienstadt hätte zu hören sein können. „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“ – denn der Herr verliert in Schlafliedern nicht nur ungewollt schon mal eines seiner Geschöpfe, er beendet auch gerne ein Leben. „Gute Nacht“, wünscht die singende Mutter und hinter der Schwarzblende lauert ein böser Traum. [LZ]

OT: Ich seh Ich seh (AT 2014). REGIE: Veronika Franz, Severin Fiala. BUCH: Veronika Franz, Severin Fiala. MUSIK: Olga Neuwirth. KAMERA: Martin Gschlacht. DARSTELLER: Susanne Wuest, Lukas Schwarz, Elias Schwarz, Hans Escher, Elfriede Schatz, Karl Purker, Georg Deliovsky, Christian Steindl. LAUFZEIT: 90 Min (DVD), 99 Min (Blu-ray). VÖ: 22.10.2015.

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[Abbildungen: Koch Media]

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