HUGO CABRET | Filmkritik

11. Februar 2012

Hugo Cabret

Ganz Paris ist ein Uhrwerk, daran lassen die ersten Bilder von Martin Scorseses Märchen aus der dritten Dimension der Kinotechnik keinen Zweifel. Aber was heißt hier Paris? Die ganze Welt, nein, das Leben an sich, ein einziges Automatengebilde aus Zahnrädern, Federwerken, Kugelumläufen und Drehpendeln. Denn am Ende greift eins ins andere und treibt voran, was seinen vorbestimmten Weg gehen muss. Wie ein Zug, der erst im Bahnhof zum Stehen kommt. Oder eine Kamera, die rollt, bis der Regisseur „Cut“ ruft. Oder ein Projektor, der nicht aufhört zu rattern, bis der Film zuende ist. Und doch bedarf all dies jenes herzförmigen Schlüssels, mit dem die Dinge erst in Gang gesetzt werden. La clé, c’est l’amour. Plakativ, aber ach, so wahr.

Im Fall von „Hugo Cabret“ ist dieser Schlüssel vor allem die Liebe zum Kino. Sicher, es ist auch die Liebe zu einem hübschen Blumenmädchen, zu verstorbenen Vätern, zu einem langjährigen Lebensgefährten, zu Büchern, Abenteuern und die zweier Waisenkinder zueinander – aber am Ende kulminiert doch alles in den bewegten Bildern auf der Leinwand. Das könnte für weniger passionierte Cineasten durchaus ermüdend sein, doch angesichts des visuellen Overkills, den Scorsese auffährt, bleibt gar kein Raum für die Frage, ob einen das, worauf dieser Film und seine Geschichte hinauslaufen, überhaupt interessiert.

Zu Beginn und für eine ganze Weile ist davon aber ohnehin nichts zu spüren. Wir folgen der Hauptfigur, dem zwölf Jahre alten Waisenjungen Hugo Cabret, der Anfang der 1930er Jahre in den Wänden und Gewölben von Gare Montparnasse lebt, einem der großen Pariser Kopfbahnhöfe, und dafür sorgt, dass die Uhren dort beständig weiterlaufen. Von seiner Existenz weiß niemand, und das ist auch gut so, denn der kriegsversehrte Stationsinspektor (ein fantastischer Sacha Baron Cohen) ist wie ein Spürhund hinter streunenden Kindern und kleinen Dieben her, und so muss Hugo doppelt acht geben, wenn er sich aus der Boulangerie ein Croissant oder vom Obststand einen Apfel klaut.

Sein einziger Freund ist ein mechanischer Automatenmann, der offenbar einst dafür konstruiert wurde, eine geheime Botschaft niederzuschreiben. Hugos Vater (Jude Law) hatte ihn aufgetrieben und damit begonnen, ihn zu reparieren, doch der Plan des Schicksal war ein anderer und ließ es dazu nicht mehr kommen. Getrieben davon, den blechernen Gefährten wieder zum Laufen zu bringen, stibitzt Hugo Bauteile und Werkzeuge bei Georges (Ben Kingsley), dem Spielzeughändler des Bahnhofs, bis er eines Tages von ihm erwischt wird. Der grimmige Alte entreißt ihm das Skizzenbuch seines Vaters und droht, es zur Strafe ins Feuer zu werfen. In seiner Verzweiflung bittet Hugo Georges’ Adoptivtochter Isabelle um Hilfe. Gemeinsam wollen beide den Automatenmann reparieren und entdecken dabei ein schier unglaubliches Geheimnis.

Hugo Cabret

Hugo Cabret

Bis hierhin liegt man nicht völlig daneben, wenn man an Charles Dickens denkt, an „Oliver Twist“ und „David Copperfield“. Erst im letzten Drittel rückt ein völlig unerwarteter Handlungsstrang in den Vordergrund und lässt alles bis dahin Erzählte in einem anderen Licht erscheinen. Dramaturgisch bietet das eine verblüffende Parallele zu Scorseses „Shutter Island“, und erneut besetzt Ben Kingsley die Gelenkstelle. Für eine Weile rückt die Geschichte von Hugo und Isabelle gänzlich in den Hintergrund, und man muss schon befürchten, dass der Film sie ganz aus den Augen verliert, so verliebt ist sein Macher in seinen triumphalen Ausflug in die Frühgeschichte des Kinos, deren Zauber er mit dreidimensionaler Technik in die Gegenwart hinüberretten und vor dem Hintergrund heutiger Sehgewohnheiten wiederbeleben will.

Zum Glück kommen Scorsese und der Film dann aber irgendwann wieder zu sich und erzählen die eigentliche Geschichte angemessen zuende, ohne dass man das Gefühl bekommt, hier lediglich noch einer Pflichterfüllung beizuwohnen. Anstelle der Täuschung von „Shutter Island“, die alles bis dato Gesehene obsolet macht und einem billigen Taschenspielertrick gleicht, tut es „Hugo Cabret“ den großen Illusionisten des frühen 20. Jahrhunderts gleich und führt am Schluss der großen Zaubershow alle Elemente zu einem großen Wunderwerk zusammen, dessen Pointe man zwar nicht wirklich glauben kann, vor der man aber nur allzu gerne mit großem Staunen kapituliert.

Vieles davon ist der Vorlage des Kinderbuchautors und Illustrators Brian Selznick zu verdanken, dessen „Entdeckung des Hugo Cabret“ auch visuell schon einiges von dem vorwegnimmt, was Scorsese in Bewegtbilder umgesetzt hat. Denn Selznicks Buch ist ein „Roman in Worten und Bildern“, in dem ganze Passagen ausschließlich in Form von schwarz eingerahmten Illustrationen und Fotografien erzählt werden. Manche von ihnen finden sich jetzt auf der Leinwand wieder, ganz so, als hätte der Autor ein Storyboard vorgelegt, das es nur noch umzusetzen galt. Die Mehrheit der durchweg positiv gestimmten Kritiken übersieht diese Tatsache nahezu vollständig. „Hugo“ (im Original reicht das als Titel) ist trotz aller Meisterschaft Scorseses aber immer noch eine Romanadaption, und das gleich in mehr als einer Hinsicht.

Hugo Cabret

Hugo Cabret

Dass die 3D-Technologie hier als Mittel der filmischen Erzählung eingesetzt wird, und nicht etwa bloßes optisches Spektakel ist, mag man unterschreiben, doch zeigt gerade dieser Film wie kaum ein anderer vor ihm, dass vorgegaukelte Dreidimensionalität nur dann Sinn macht, wenn sie permanent auf sich aufmerksam macht und damit erst recht selbstzweckhaft wird. Kaum eine Einstellung setzt nicht auf mindestens einen 3D-spezifischen Effekt, und so hält Scorsese beim Zuschauer das Bewusstsein um die Künstlichkeit dessen, was man gerade sieht, permanent aufrecht. Zugleich belegt er damit (wohl ungewollt), dass gerade die virtuose Nutzung dieser Technik der uneingeschränkten Konzentration auf die Geschichte selber erst einmal im Weg steht. Auf der anderen Seite aber verliert gerade dieser Film in herkömmlichem 2D eine entscheidende Ebene. Es wird also noch ein paar Jahre dauern, bis sich die Wahrnehmung an die veränderten Bedingungen gewöhnt hat und so dieses Dilemma auflöst – immer vorausgesetzt, dass sich die dreidimensionale Optik langfristig durchsetzt.

„Hugo Cabret“ ist neben „The Artist“ oder auch Spielbergs „War Horse (dt. Gefährten)“ ein weiteres Beispiel für jenes momentane Zeitgeist-Phänomen, das sich inhaltlich oder stilistisch an früheren Jahrzehnten des Kinos orientiert, doch das bedarf kaum mehr einer ausdrücklichen Erwähnung. Was den Erhalt und die Restaurierung des verblassenden Gedächtnisses der Filmgeschichte in all seinen Formen angeht, fungiert Scorsese seit langem als eifriger Aktivist. „Hugo“ ist da vielleicht einfach die breitenwirksamste Maßnahme und zugleich eine bunt schillernde PR-Maschinerie für den guten Zweck. [LZ]

OT: Hugo (USA 2011). REGIE: Martin Scorsese. BUCH: John Logan. KAMERA: Robert Richardson. MUSIK: Howard Shore. DARSTELLER: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Emily Mortimer, Helen McCrory, Jude Law, Christopher Lee, Ray Winstone. LAUFZEIT: 126 Minuten.

Hugo Cabret

[Abbildungen: Paramount Pictures]

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