Ein Orchestrion für HUGO CABRET: Doug Adams und der Radetzky-Marsch

17. Februar 2012

Hugo Cabret, Doug Adams

Anfang letzten Jahres sprachen wir mit Doug Adams ausführlich über sein Buch „The Music of The Lord of the Rings films“ und seine enge Zusammenarbeit mit Filmkomponist Howard Shore. Ein glücklicher Zufall verschaffte ihm nur wenige Monate später die unerwartete Gelegenheit, seinen ganz eigenen Beitrag zur Detailvielfalt von „Hugo Cabret“ zu leisten. Ohne Doug Adams jedenfalls hätte Martin Scorseses 3D-Liebeserklärung an die frühen Jahre des Kinos wohl auf den „Radetzky“-Marsch verzichten müssen. Im Folgenden erinnert er sich, wie es dazu kam und vermittelt zugleich eine Idee davon, warum große Studioproduktionen nicht ohne umfangreiche End Credits auskommen.

Vergangenen Spätsommer bekam ich einen Anruf von Howard Shore aus London, wo er gerade mit Martin Scorsese an „Hugo Cabret“ arbeitete. Ob seine Beteiligung zu diesem Zeitpunkt schon offiziell bekannt war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht. In jedem Fall war er schon eine ganze Weile dabei. Als er und ich im September 2010 anlässlich der Veröffentlichung meines Buches „The Music of The Lord of the Rings films“ und der Aufführung von „The Return of the King“ in der Royal Albert Hall in London waren, hatte er das Filmset besucht. Und als wir uns im März in Luzern trafen, steckte er bereits mitten in der Komposition (wer an den Skype-Lesungen am KKL [Kultur- und Kongresszentrum Luzern] teilgenommen hat, konnte sehen, wie die Kamera für einen kurzen Moment erste Partiturnotizen zu „Hugo“ zeigte).

Nichts desto trotz war es nicht seine eigene Arbeit, weswegen er anrief. Es ging vielmehr um ein Stück Hintergrundmusik, das sich für die Leute in der Postproduktion als heikle Angelegenheit erwiesen hatte. Beim Abmischen der Source-Musik – so bezeichnet man Musik, die von einer im Film selber auftauchenden Quelle stammt – war eine Aufnahme des „Radetzky“-Marsches von Johann Strauss verwendet worden. Der Welt von „Hugo“ entsprechend, wurde das Stück auf einem sogenannten Orchestrion gespielt, einer Art automatisiertem Orchester. Komplett mit integrierten Pfeifenorgeln, Triangeln, kleinen Trommeln, Xylophonen und glockenspielenden Musikautomaten war dieses Instrument im Europa des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts sozusagen der letzte Schrei. „Hugo Cabret“ spielt nun im Paris dieser Zeit, und die Geschichte dreht sich in Teilen um einen geheimnisvollen Automaten, den der Titelheld von seinem Vater geerbt hat. Man kann die Überlegungen des Teams also leicht nachvollziehen: Dies war der perfekte Klang für den Film.

Die Soundleute hatten nun eine französische Aufnahme eines Orchestrions gefunden, das den Marsch spielte, und das war alles, was sie brauchten. Der Klang war der richtige, die Dynamik ebenfalls, und das Instrument stammte sogar aus dem passenden zeitlichen Umfeld. Doch wie so oft gab es einen Haken. Aus dem einen oder anderen Grund ließ sich die Aufnahme nicht lizenzieren und konnte deshalb nicht im Film verwendet werden. Weil die Wiedergabe aber so perfekt war, beschloss das Team, nicht etwa nach einer anderen Aufnahme oder einem anderen Orchestrion zu suchen, sondern genau jenes Exemplar aufzutreiben, das es auf der Aufnahme zu hören gab.

Das Instrument war zunächst an einen privaten Sammler in Frankreich gegangen, wurde danach aber an eine andere Privatsammlung in die USA verkauft. Wie sich herausstellte, hatte diese ihren Sitz im nördlichen Teil von Chicago, nicht allzu weit weg von meinem Wohnort. Und weil ich in der Nähe war, fragte Shore mich, ob ich nicht daran interessiert wäre, die neue Aufnahme zu produzieren. Ich sagte natürlich „Ja“ – was aber seltsam war, denn eigentlich dachte ich „JaJaJaJaJa!“

Das Orchestrion befand sich jetzt in einer Sammlung, die dem Sanfilippo Estate gehörte, den Besitzern von Fisher Nuts [einem der größten Lieferanten von Mandeln in den USA]. Irgendwann hatte die Familie damit begonnen, Orchestrions, Pianolas und Phonographen zu sammeln. Sie besitzt unter anderem die weltgrößte restaurierte Theater-Orgel, ausgestellt in einem Raum voller Kronleuchter und Kunstglas, nur einen Steinwurf entfernt vom berühmten Carousel Building der Familie. Ohne Übertreibung gesprochen, bietet die Sammlung schlicht einen unvergesslichen Anblick.

Ich nahm sofort Kontakt auf, stieß aber auf ein weiteres Problem. Ja, das Orchestrion war da, ja, man würde sich freuen mitzuarbeiten – aber keiner wusste, wo das Radetzky-Buch war. Ich erfuhr, dass Orchestrions, genau wie Pianolas, perforierte Seiten auslesen. Im Gegensatz zu Notenrollen sind diese allerdings zu rechteckigen Stapeln gefaltet und werden deshalb als Bücher bezeichnet. Um ein neues Radetzky-Buch zu erstellen, war jedoch keine Zeit, denn die Produzenten von „Hugo“ brauchten die neuen Aufnahmen bereits vor der ersten Septemberhälfte. Die Uhr tickte also. Die ursprünglichen französischen Eigentümer wurden kontaktiert, um in Erfahrung zu bringen, ob das Buch damals zusammen mit dem Instrument verschickt worden war (sie sagten, das sei so gewesen). Auch andere private Sammler in den Staaten sprachen wir an, doch deren Anzahl war verschwindend gering. Zusammen mit weiterem Musikmaterial, das beim Ankauf des Instruments aus Frankreich mitgekommen war, wurde das Buch aber dann schließlich doch noch im hinteren Bereich eines Sanfilippo-Lagers gefunden. Jetzt hatten wir, was wir brauchten!

Also traf ich mich am Nachmittag des 8. September mit Josh Richter von Victorian Recording im Sanfilippo Place de la Musique, um dasselbe Orchestrion aufzunehmen, das jenen Radetzky-Marsch gespielt hatte, den die Filmemacher so liebten. Während wir ein paar Bändchenmikrophone einrichteten, gab uns Hausdirektor Gregory Leifel, der die Sammlung überwacht wie ein stolzer Vater, eine gutgelaunte Warnung: „Tretet zurück!“ Denn das Instrument war erschreckend laut – wenn auch auf charmante Weise. War man jedoch nicht auf die Dynamik des Spiels vorbereitet, so konnte man leicht auf kaltem Fuß erwischt werden.

Nach ein paar Durchgängen zogen wir rüber ins hauseigene Tonstudio und bearbeiteten, was wir aufgenommen hatten. Wir justierten das Tempo, passten die Tonhöhe leicht an und wärmten die Aufnahme auf, bis sie dem Original möglichst nahe kam. Es war schnelle Arbeit. Als Josh und ich mit dem Ergebnis zufrieden waren, begannen wir damit, die Audio-Files und Pro-Tools-Elemente hochzuladen. Und während wir warteten, bis alles auf dem Server war, bekam ich eine Privatführung durch die Sanfilippo-Sammlung, die ebenso schön wie umfangreich ist, und ich kann kaum genug betonen, wie erfreut ich darüber war, dass man sich soviel Zeit für mich genommen hat. Ganz offensichtlich sind die Leute dort ziemlich stolz auf die Sammlung, und das zu Recht.

Schon bald bekam ich von Josh eine SMS, dass die Files allesamt erfolgreich auf dem Server gelandet waren, und so machte ich mich auf den Heimweg, um den Produzenten mitzuteilen, dass wir unsere Aufgabe erfüllt hatten (und das früher als erwartet und unterhalb des Budgets). Sie meldeten sich praktisch umgehend zurück: Der neue Radetzky passte perfekt.

Letzte Woche [verfasst am 14. November 2011] bekam ich dann die Bestätigung, dass es unsere Aufnahme in die Endfassung von „Hugo Cabret“ geschafft hat. Zwar ist sie nur etwa zehn Sekunden, doch solange sie gespielt wird, liegt sie über allem anderen und erfüllt den gesamten 7.1 Mix. Und sie ist immer noch ziemlich laut. Sie werden es hören.

Langfristig betrachtet, mag das alles vielleicht nicht viel sein, aber es war eine Gelegenheit, Teil eines Scorsese-Films zu werden, und ein Vorwand, um sich eine wirklich außergewöhnliche Sammlung von Musikinstrumenten anzuschauen. Zudem ist es das erste Mal, dass mein Name in den End Credits eines Studiofilms auftaucht. Ich fühle mich unglaublich geehrt, dass man mich um meine Unterstützung gebeten hat, und ich bin wahnsinnig stolz, an einer so wundervollen Arbeit beteiligt gewesen zu sein – auch wenn es nur ein winziger Beitrag war.

Mein Dank gilt Howard Shore, Jennifer Dunnington, dem Sanfilippo Estate, Gregory Leifel, Josh Richter und Alan Frey, der dabei half, dieses Projekt zu koordinieren. [Doug Adams]

Hugo Cabret

[Abbildungen: Paramount Pictures (Hugo Cabret) | Doug Adams (Foto des Autors)]

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