How to catch a Monster (Digging up the Marrow) | Filmkritik: Adam Green geht in den Untergrund

11. Februar 2016

How to catch a Monster (Digging up the Marrow)

Um die Welt zu erklären, brauchen wir Monster. So jedenfalls sieht es Guillermo del Toro in der wunderbaren neuen Dokumentation „Creature Designers: The Frankenstein Complex“. Für Filmemacher Adam Green ist es jedoch weniger ein philosophisches Bedürfnis als vielmehr das Wahrwerden eines feuchten Fanboy-Traums, der ihn an das glauben lässt, was ihm der ehemalige Polizeibeamte William Dekker da weismachen will: Jahrelange Recherchen hätten ihn auf die Spur eines Zugangs zu einem unterirdischen Reich derer geführt, die ihrer äußeren Missgestaltung wegen in unserer Gesellschaft nicht willkommen seien. Und ja, wenn man unbedingt wolle, mag man sie eben auch Monster nennen.

Green ist Genre-Kennern vor allem als Schöpfer von „Hatchet“, der einzigen ernstzunehmenden Slasher-Reihe der 2000er Jahre, ein Begriff und im Gegensatz zu deren unsterblichem Serienschlitzer Victor Crowley durchweg real. Dass Fans ihm jede Menge bemerkenswertes bis absurdes Zeug schicken, muss niemanden wundern. Die Horrorcrowd hat eben ihre eigenen Regeln. Dekker ist da nur einer unter vielen, seine Geschichte dann aber doch wiederum so reizvoll, dass Green sich kurzerhand entschließt, dem umtriebigen Ruheständler einen Besuch abzustatten und seine Fantastereien in Interviewform aufzuzeichnen.

Bis es dazu kommt, spricht nichts in „Digging up the Marrow“ für eine Mockumentary: Eine Montage aus Statements von Monsterfans unterschiedlicher Coleur (darunter Lloyd Kaufman und Don Coscarelli), ein paar informative Hintergründe zu Adam Green und seiner Produktionsgesellschaft ArieScope, echte Fanpost und schließlich die Geschichte, die dem Filmemacher eben jener William Dekkerd aufgetischt hat. So könnte es noch eine ganze Weile weitergehen und der Zuschauer dürfte sich mit der durchaus reizvollen Frage herumschlagen, was hier real ist und was (gut konstruierter) Fake.

Dann jedoch tritt Dekker auf und ist – Ray Wise. Darüber kann man sich freuen, denn niemand hebt auch das schwächste Konzept mit einer kontrollierten Portion Wahnsinn so elegant über das Mittelmaß hinweg wie der inzwischen 68-jährige „Twin Peaks“-Veteran (wobei diese Reduzierung angesichts seiner umfangreichen Filmografie mit jeder Menge einprägsamer Auftritte im Grunde eine Unverschämtheit ist). Man kann die Personalie oder generelle Besetzung mit einem bekannten Gesicht aber auch als verpasste Chance bedauern, denn fortan ist der Film nicht mehr als ein auf Spielfilmlänge ausgelegter, streckenweise durchaus cleverer Insiderwitz.

How to catch a Monster (Digging up the Marrow)

Das heißt zum Glück aber nicht, dass man sich sonderlich gut (oder überhaupt) im Green-Universum oder engeren Genre-Umfeld auskennen muss, um sein Vergnügen an der Angelegenheit zu haben. Auch ohne die zahlreichen internen Anspielungen, Cameos und Seitenhiebe identifizieren und einordnen zu können, hat es seinen Reiz, mit dem Filmemacher auf Detektivreise zu gehen, Dekkers schier unglaubliche Behauptungen zu verifizieren, „The Marrow“ (so nennt er den Zufluchtsort der Kreaturen) zu erforschen und vielleicht sogar das eine oder andere Monster auf Film zu bannen. Insgesamt wird man sich aber des Eindrucks nicht erwehren können, mehr oder weniger einem Homevideo mit versteckten Werbebotschaften auf den Leim zu gehen, das ein paar talentierte Spaßvögel nebenher in ihrer Freizeit zusammengezimmert haben.

Da ist auch durchaus etwas dran. „Self-Advertising“ scheint in bunter Schrift über dem gesamten Projekt zu prangen, wenn unterschiedliche ArieScope-Titel mithilfe von Postern, Shirts, Bildschirmen oder gar Dialogen ständig auf sich aufmerksam machen. Der Filmemacher selber ist mit einer gewissen Selbstironie zudem die eigentliche Hauptfigur, der deutlich mehr Screentime zukommt als Wise/Dekker. Ihm das vorzuhalten, wäre absurd, denn schließlich produziert er mit „Holliston“ eine recht erfolgreiche Horror-Sitcom, deren Protagonist ebenfalls er selbst ist. Warum hier also nicht ein bisschen Meta zum Meta – wenn auch ohne Erkenntnisgewinn? Und warum in einer gänzlich aus der eigenen Tasche produzierten Micro-Budget-Produktion nicht ein bisschen Werbung für die eigene Marke machen? Alles legitim.

Bedauerlich und in gewisser Weise gar frustrierend gerät hingegen das sich unvermeidlich einstellende Verlangen nach jenem Film, den „Digging up the Marrow“ implizit zunehmend verspricht, selber aber nicht liefern kann. Den „echten“ Film sozusagen, der die Geschichte der Monster und ihres Zufluchtsorts erzählt (mit deutliche Anleihen bei Clive Barkers „Nightbreed“, wo David Cronenberg einen gewissen Dr. Decker verkörpert), aber auch diejenige Dekkers, die einen ganz eigenen, tragischen Horizont andeutet. Überhaupt liefert Green mehr Leerstellen als vermutlich gewollt. Selbst von den fantastischen Kreaturen aus der Feder von Alex Pardee, dessen Zeichnungen und Grundideen der Mockumentary zugrunde liegen, gibt es enttäuschend wenig zu sehen.

Das größte Manko ist jedoch Greens offensichtlich unausgeprägtes Gespür für den Umgang mit Monologen. Statt Wise und dessen (teils improvisierten) Text in den Interviewsequenzen ausgiebig atmen zu lassen, kommt er nicht umhin, permanent sein eigenes Konterfei mit Reaktionen am Rand des Overactings hineinzumontieren und damit alles kurz und klein zu schlagen, was sein Darsteller zuvor aufgebaut hat. So funktioniert der Film insgesamt tatsächlich nur als Parodie und zeigt dabei ziemlich deutlich die Grenzen seines Machers auf, der zwar kenntnisreich mit den Regeln des Genres spielen kann, seine Figuren jedoch – und das gilt nicht nur für dieses Beispiel – eher stiefmütterlich behandelt. [LZ]

How to catch a Monster (Digging up the Marrow)

P.S.: Der Titelwahn deutscher Verleiher schafft es immer wieder, neue Blüten zu treiben. Neben nicht-englischsprachigen Filmen, die regelmäßig englischsprachige Titel verpasst bekommen, ist der Konsument aus Sicht hiesiger Anbieter mittlerweile offenbar so dermaßen verblödet, dass es bereits nicht mehr ausreicht, den Originaltitel einer US-Produktion einfach zu behalten (bisherige Standardpraxis) und/oder mit deutschem Zusatz zu versehen. Stattdessen musste in diesem Fall gar ein alternativer (englischsprachiger, mit dem Inhalt des Films nur sehr bedingt verwandter) Titel her, inklusive noch einmal zusätzlich vereinfachender deutschsprachiger Übersetzung („How to Catch a Monster – Die Monsterjäger“). Der Intelligenz des Zuschauers ist einfach nicht zu trauen. Und das trotz Bildungsreform.

OT: Digging up the Marrow (USA 2014). REGIE: Adam Green. BUCH: Adam Green. MUSIK: Bear McCreary. KAMERA: Will Barratt. DARSTELLER: Adam Green, Ray Wise, Will Barratt, Josh Ethier, Rileah Vanderbilt, Kane Hodder, Sarah Elbert, Tom Holland, Mick Garris, Alex Pardee, James McCarthy, Don Coscarelli, Lloyd Kaufman, Joe Lynch, Laura Ortiz, Tony Todd. LAUFZEIT: 85 Min (DVD), 88 Min (Blu-ray). VÖ: 11.02.2016.

How to catch a Monster (Digging up the Marrow)

[Abbildungen: Tiberius Film]

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