House of Cards (Staffel 2) | Review

27. Dezember 2014

House of Cards | Staffel 2

Eine Weile lang sieht es so aus, als hätte der frisch ernannte Vizepräsident seinen engsten Vertrauten vergessen: uns. Das ist bedauerlich und erleichternd zugleich. Zum ersten Mal können wir seinem Tun unbeteiligt beiwohnen, ohne den negativen Beigeschmack passiver Mitschuld in Kauf nehmen zu müssen. Und es ist durchaus einiges, was er mit Übernahme seines neuen Amtes auf den Tisch bringt, um sich den Rücken freizuhalten. Doch kann man sich wirklich jemals sicher fühlen, wenn man mit Frank Underwood zu tun hat? Natürlich nicht.

Als er schließlich doch wieder die vierte Wand durchbricht, wird man sich auf unangenehme Weise ertappt fühlen, denn der zweite Mann im Staat hat für heimliche Beobachter und Verräter wenig übrig – ausgenommen, er ist selber einer. Man sieht sich also also gut beraten, nicht gegen ihn zu arbeiten, denn die Chancen, dass man am Ende auf der Strecke bleibt, stehen gut. Ungeachtet dessen finden sich auch in der zweiten Staffel von „House of Cards“ wieder einige, die das nicht begreifen, wissentlich ignorieren oder gar für überwindbar halten. Keiner von ihnen wird am Ende jedoch wesentlich mehr tun können, als seine Wunden zu lecken.

Inhaltlich, tonal, ästhetisch und auch in sonst jeder erdenklichen Hinsicht schließt die insgesamt 14. Folge der ersten millionenschweren Online-Serie bruchlos dort an, wo ihr Vorgänger den Zuschauer zurückgelassen hat. Überhaupt fließt das Geschehen mühelos vorwärts, ohne sich zwanghaft von Höhepunkt zu Höhepunkt hangeln zu müssen. Keine dramaturgischen Vorgaben, die etwaige Werbepausen im Blick halten müssen, keine Cliffhanger, um sicherzustellen, dass in der kommenden Woche wieder eingeschaltet wird. Das Format hat sich bewiesen, und so ist der narative Rhythmus noch entspannter, der Kapitelcharakter der einzelnen Folgen noch offensichtlicher.

Dies ermöglicht zugleich komplexere Erzählstränge, denn es besteht kein Grund zur Besorgnis, dass der Zuschauer von Folge zu Folge den Überblick verliert. Neben Underwood (darstellerischer Minimalismus par excellence: Kevin Spacey) und seiner nicht weniger ambitionierten Ehefrau Claire (Robin Wright) entfaltet sich ein Ensemble aus etwa einem Dutzend Charakteren, die alle auf ihre Weise mit dem Vizepräsidenten verbunden sind, von ihm dirigiert werden oder ihn bekämpfen. Einige von ihnen bekommen erstaunlich viel Raum und erweitern damit die Perspektive der Serie – freilich ohne jemals den Bezug zum Kern der Geschichte zu verlieren.

House of Cards (Staffel 2) | Michael Kelly als Doug Stamper

Das bemerkenswerteste Beispiel liefert dabei ausgerechnet Underwoods Laufbursche Doug Stamper (Michael Kelly). War er noch in Staffel 1 wenig mehr als der verlängerte rechte Arm seines Mentors, so bekommt er hier nun sein eigenes Psychogramm verpasst – und das hat es in sich. Als trockener Alkoholiker allzeit suchtgefährdet, baut er sich ganz unabhängig von seinen Aufgaben im weißen Haus ein eigenes, zutiefst verstörendes Machtgefüge auf, dem er selber nach und nach erliegt.

Die spannendste neue Figur liefert Jackie Sharp (Molly Parker, „Deadwood“), Underwoods Nachfolgerin im Fraktionsvorsitz – ein Posten, den ihr Frank durch trickreiches Ausspielen der anderen Kandidaten zuschanzt. Als hochrangige Kriegsveteranin, die den Tod unzähliger Zivilisten zu verantworten hat, bietet sie ihrem Vorgänger eine ideale Schachfigur. Dass er dabei im Verlauf der Staffel massiv mit ihr aneinandergerät, ist völlig irrelevant, denn zum entscheidenden Zeitpunkt weiß er sie für sich zu verwenden – und nichts anderes zählt.

Bisherige Nebencharaktere wie Lobbyist Remy Denton (Mahershala Ali, „Alphas“), Multimilliardär Raymond Tusk (Gerald McRaney, ebenfalls „Deadwood“-Alumnus), aber auch US-Präsident Garret Walker selbst (betont farblos: Michael Gill) rücken stärker in den Vordergrund, während andere Figuren (Zoe Barnes, Janine Skorsky) früher oder später gänzlich verschwinden. „No regrets“, lautet Underwoods Credo auf dem Weg nach oben. Wer fallengelassen werden muss, wird fallengelassen.

Dabei werden wir den Aufsteiger aus South Carolina nie als echten Antagonisten empfinden. Er mag Existenzen vernichten, Gutmenschen ins offene Messer laufen lassen, ja selbst aktiv Leben nehmen, doch ist da Bosheit, Sadismus, Niedertracht im Spiel? Nicht wirklich, und wenn überhaupt, dann nur sehr bedingt. Frank Underwood will nach oben, so einfach ist das. Und dafür gibt es klare Regeln. Wer nicht selber jagt, wird gejagt. Dessen ist er sich beständig bewusst und scheut auch nicht das Risiko, sich notfalls selbst zu opfern.

House of Cards (Staffel 2) | Michel Gill und Kevin Spacey

Mit außerfiktionalen Maßstäben bemessen, ist das alles nicht akzeptabel, moralisch nicht, rechtlich in vielen (wenn auch keineswegs allen) Fällen auch nicht. Aber das sind Kriterien, die hier nicht greifen, denn schließlich sind wir als Zuschauer Verbündete und müssen nach den Bedingungen von Franks Aktionsradius urteilen. Und da mag man von seinen Methoden halten was man will, effektiv sind sie allemal.

Kevin Spacey, von dem diese Feststellung stammt, legt ihn deshalb auch als den Pragmatiker an, der er ist. Zugleich hält er allzeit eine wohldosierte Balance aus unbedingtem Willen zur Macht und menschlicher Regung aufrecht, die seine Figur davor bewahrt, zum Monster oder (schlimmer noch) langweiligen Bürokraten zu mutieren. Darstellerisch befindet er sich damit in guter Gesellschaft. Larry Hagman etwa ist seine bekannteste Figur stets als Komödiant angegangen und hat sie so aus der Schusslinie gehalten. Und Mads Mikkelsen relativiert Hannibal Lecters Taten durch eine nüchterne Erhöhung der Figur ins Übermenschliche.

Frank Underwood hingegen ist im Grunde ein Überlebenskünstler, der immer wieder einen neuen Trick aus dem Hut zaubert und dabei mit den Figuren spielt, die ihm zur Verfügung stehen – nur dass es dabei meistens um Leben und Tod geht. Zu den cleversten Neuerungen dieser Staffel gehört deshalb die Idee, seine Leidenschaft für Online-Shooter aus reiner Notwendigkeit (die Leitung ist nicht sicher genug) durch Modellbau zu ersetzen. Als er nämlich herausfindet, dass einer seiner Vorfahren im Bürgerkrieg gefallen ist, beschließt er, die betreffende Schlacht detailgetreu in Form eines Dioramas nachzubauen. „Du findest das kindisch“, sagt er zu Claire, die verneint, während der Zuschauer innerlich zustimmt. [LZ]

House of Cards Season 2

OT: House of Cards (USA 2014) REGIE: James Foley, Carl Franklin, John David Coles, Jodie Foster, Robin Wright. BUCH: Beau Willimon, Bill Cain, Andrew Davies, Michael Dobbs, Laura Eason, Bill Kennedy, Kenneth Lin, John Mankiewicz, David Manson. MUSIK: Jeff Beal. KAMERA: Igor Martinovic. DARSTELLER: Kevin Spacey, Robin Wright, Michael Kelly, Michael Gill, Mahershala Ali, Molly Parker, Gerald McRaney, Sebastian Arcelus, Joanna Going, Rachel Brosnahan, Kate Lyn Sheil, Reg E. Cathey, Mozhan Marnò, Terry Chen, Gil Birmingham, Sakina Jaffrey, Kate Mara, Jayne Atkinson, Ben Daniels, Boris McGiver, Kristen Connolly. LAUFZEIT: 636 Min (DVD), 663 Min (Blu-ray). VÖ: 04.09.2014.

House of Cards | Staffel 2

[Abbildungen: Sony Pictures Home Entertainment / Fotos: Nathaniel Bell für Netflix]

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