House of Cards (Staffel 1) | Review

30. Dezember 2013

House of Cards

Der größte Fehler des gerade frisch gewählten US-Präsidenten unterläuft ihm bereits in den ersten Tagen seiner Amtszeit: Entgegen seiner Zusage ernennt er Fraktionsführer Francis Underwood nicht zum Außenminister und schafft sich damit einen Feind im eigenen (bekanntlich weißen) Haus. Denn der Mann, der sich – so wie es die Amerikaner lieben – aus einfachsten Verhältnissen ins Zentrum der Macht hochgearbeitet hat, ist nur auf den ersten Blick ein verlässlicher Parteisoldat. Gewieft, skrupellos und mit allen Wassern gewaschen, hält er mehr Fäden in der Hand, als es seinen Gegnern lieb sein kann. „Underwood zerstört Menschen“, wird irgendwann jemand verängstigt feststellen. Dem lässt sich schwerlich widersprechen.

Doch so dramatisch sieht es zu Beginn erst einmal gar nicht aus. Lange Zeit ist man eher geneigt, ihm für seine geschickten Schachzüge anerkennenden Respekt zu zollen. Underwood bewegt sich geschmeidig durch den politischen Alltag, in dem niemand so genau die Folgen einer Entscheidung, die Ausmaße einer Gesetzesvorlage oder die Besetzung eines Postens abschätzen kann. Hier verfolgt jeder seine eigenen Ziele: Amtsinhaber, Lobbyisten, Gewerkschaftler, Pressevertreter. Underwood scheint nicht mehr zu tun, als trickreich alles abzuwehren, was sich ihm in den Weg stellt, und jeden auf seine Seite zu ziehen, der ihm nützlich sein könnte. Wer will ihm das verübeln?

Der wichtigste Verbündete allerdings, den er sich schafft, sitzt jenseits des Bildschirms. Und da es für jemanden wie Underwood keine Grenzen gibt, die er nicht überschreiten würde, durchbricht er einfach regelmäßig die vierte Wand und wendet sich direkt an den Zuschauer. Und nein, das ist kein Verfremdungseffekt, sondern vielmehr die raffinierteste all seiner Manipulationen. Denn egal was Underwood später tun wird, uns bleibt nichts übrig, als auf seiner Seite zu bleiben – ganz unabhängig davon, ob wir seine Taten noch gutheißen können oder längst verabscheuen müssen. Auch das ist Politik.

House of Cards

Irgendwo zwischen J.R. Ewing und Richard III bewegt sich diese Figur, für die Hauptdarsteller Kevin Spacey eine der vielleicht besten Leistungen seiner Karriere hinlegt. Mit sparsam, aber dafür umso wirkungsvoller eingesetzten Gesten, entspanntem Gang und eindimensionaler Mimik, die sich jenseits einer gelegentlich hochgezogenen Augenbraue nie in die Karten schauen lässt, porträtiert er einen Mann, der ständig mit mehreren Gesichtern operiert und nicht einmal den Zuschauer selbst in alle seine Pläne einweiht.

Wenn er zu Beginn Sterbehilfe bei einem angefahrenen Hund leistet, ohne dass dessen Besitzer jemals davon erfahren, und dabei den Unterschied zwischen sinnvollem und sinnlosem Leid erklärt, welches von tatkräftiger Hand beendet werden müsse, liefert er mit wenigen Worten eine Darlegung seines Selbstverständnisses als Exekutive nach eigenem Ermessen. Viel später wird man sich an diese Sequenz noch einmal deutlich erinnern und vielleicht dann erst begreifen, wie ernst der Mann aus dem Repräsentantenhaus seine Rolle im Lauf der Dinge nimmt.

Doch „House of Cards“ ist mehr als nur Francis Underwood. Um ihn herum bewegt sich ein Ensemble aus etwa einem Dutzend Charakteren, die allesamt in unterschiedlicher Gewichtung von ihm abhängen, ihm zuarbeiten oder von ihm zugrunde gerichtet und dabei nicht selten als direkte Variationen oder Gegenentwürfe erkennbar werden. Allesamt sind sie Spielbälle in einem beständigen Ringen um Macht, Unterwerfung und Zerstörung. Nichts kann Underwood weniger ertragen als nicht die Oberhand zu behalten, und dabei ist es ihm völlig egal, wer ihm gegenübersteht oder auf der Strecke bleibt.

Seine Frau Claire (Robin Wright) ist seine sicherste Bank, über weite Strecken bis zur Grausamkeit skrupellos, im Kern aber weniger unerschütterlich als sie es gerne wäre. Die junge Reporterin Zoe Barnes (Kate Mara), die er zur gezielten Platzierung von Nachrichten und Gerüchten nutzt, erliegt so lange ihrem ausgeprägten Elektra-Komplex, bis sie sich gegen die Hand wendet, die sie mit Sex und Informationen füttert. Und der alkoholabhängige Abgeordnete Peter Russo (bietet eine emotionale Achterbahnfahrt: Corey Stoll) wird vollständig zu Underwoods Marionette und liefert die eigentliche Tragödie in diesem Polit- und Charakterdrama, das nicht selten auch satirische Züge annimmt.

House of Cards

Das Konzept von Beau Willimon („The Ides of March“) basiert auf der englischen Miniserie gleichen Namens nach einer Romanvorlage von Michael Dobbs und verlegt die Geschichte vom britischen Unterhaus der frühen 90er ins demokratisch geführte Amerika der Gegenwart. Produziert von Spacey und David Fincher (auch Regisseur der ersten beiden Episoden) wagte „House of Cards“ eine völlig neue Form des Fernsehens.

Nicht nur, dass der US-Streamingdienst Netflix hier die erste eigenproduzierte Webserie mit acht- bis neunstelligem Millionenbudget auf die Beine stellte, man entschied sich auch zum gleichzeitigen Bereitstellen aller 13 Episoden und kam damit einem längst etablierten Zuschauerverhalten entgegen, das den linearen Konsum ganzer Staffeln dem punktuell-wöchentlichen Verfolgen und Abwarten vorzieht. An der Produktionsweise änderte das nichts. Auffällig ist lediglich der weitestgehende Verzicht auf klassische Cliffhanger am Ende jeder Folge.

Viel Wert hat man auf die heute gängige Einbindung realer Nachrichtenkanäle gelegt und streut ab und an auch einmal eine Figur des Zeitgeschehens ein. Möglichst hoch soll der Realismusfaktor sein und umso verblüffender muss der manchmal geradezu entwaffnend unbeschwerte Umgang der Figuren mit sensiblen Daten erscheinen. Hochbrisante Inhalte werden einfach per SMS verschickt, delikate Beweisfotos auf dem Smartphone gespeichert und wenn Underwood sich mit Zoe Barnes trifft, kann das im Grunde jeder mitbekommen.

In den USA startet Anfang 2014 die zweite Staffel, eine dritte ist angedacht. Hierzulande gab es die Serie gleich auf mehreren Kanälen zu sehen, darunter via kostenfreiem Stream im Netz, aber auch in regulärer Ausstrahlung (zu unsäglicher Sendezeit und mit katastrophalen Quoten) bei Sat1. Ob das Modell der linearen Veröffentlichung Schule macht, wird sich noch zu zeigen haben, doch der Erfolg bei Netflix spricht für sich. [LZ]

P.S.: Einziger Wermutstropfen der exzellent gestalteten DVD- und Blu-ray-Boxen: Kein Funken Bonusmaterial.

OT: House of Cards (USA 2013) REGIE: David Fincher, James Foley, Joel Schumacher, Allen Coulter, Carl Franklin, Charles McDougall. BUCH: Beau Willimon, Sarah Treem, David Manson, Keith Huff, Gina Gionfriddo, Sam Forman, Rick Cleveland, Kate Barnow. KAMERA: Eigil Bryld, Tim Ives. MUSIK: Jeff Beal. DARSTELLER: Kevin Spacey, Robin Wright, Kate Mara, Corey Stoll, Michael Kelly, Kristen Connolly, Sakina Jaffrey, Sandrine Holt, Constance Zimmer, Michael Gill, Mahershala Ali, Boris McGiver, Rachel Brosnahan, Sebastian Arcelus, Jayne Atkinson, Dan Ziskie. LAUFZEIT: 647 Min (DVD), 647 Min (Blu-ray). VÖ: 17.12.2013

House of Cards

[Abbildungen: Sony Pictures Home Entertainment | Netflix]

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