Kaputtinszeniert: Hidden in the Woods | Original vs. Remake

16. Juli 2016

Hidden in the Woods (2012)

Kontroverser als das 2012er Spielfilmdebüt des Chilenen Patricio Valladares wurde im Horrorkino des letzten Jahrzehnts allerhöchstens noch „The Human Centipede“ diskutiert. Doch wo die Chirurgen-Farce von Tom Six gut und gerne auch als absurde Komödie durchgehen kann, besinnt sich „En las afueras de la ciudad“ in aller Konsequenz auf die Wurzeln des klassischen Exploitationfilms und lässt dabei keinen Raum für Augenzwinkern und Sonnenschein. Michael Biehn gefiel das radikale Gemenge aus Gewaltsex, Blut und Mysogynie so gut, dass er seinem Macher direkt nach der Weltpremiere auf dem kanadischen Fantasia-Festival ein Remake aus den Rippen leierte. Das hätte er allerdings besser gelassen.

Mit zweijähriger Verspätung ist die amerikanische Neuauflage jetzt auch in Deutschland angekommen, und wer das Original kennt, wird kaum glauben können, dass hinter dieser leblosen, mechanischen und von Grund auf dilettantischen Kleingeldproduktion tatsächlich derselbe Urheber steckt. „Hidden in the Woods“, erneut unter Regie von Valladares, ist das nackte Grauen – und zwar nicht dank eines besonders hohen Schockfaktors, sondern ausschließlich aufgrund seiner völlig ungenießbaren filmischen Qualität. Lohnt sich also wirklich die Mühe, einen genaueren Blick auf rund 95 verzichtbare Minuten zu werfen? Unbedingt, denn das Ganze dient gut und gerne als unfreiwilliges Lehrstück der Marke How-Not-To-Do.

Die rüde Story ist praktisch identisch geblieben: Die Schwestern Ana und Anny werden über Jahre hinweg von ihrem gewalttätigen Vater tief in den Wäldern Chiles von der Außenwelt abgeschirmt und sexuell missbraucht. Den körperlich wie psychisch deformierten kleinen Bruder – ein Inzestkind – im Schlepptau, gelingt ihnen irgendwann die Flucht, doch die Not treibt sie in ein weiteres Versteck und die ältere Schwester in die Prostitution. Gejagt von den Schergen eines Drogendealers, den der Vater betrogen hat, und der Willkür einer männlich dominierten Gesellschaft ausgesetzt, wählen die jungen Frauen bald den Weg blutiger Gegenwehr. Kannibalismus eingeschlossen.

Hidden in the Woods (2012)

Den letzten Zusatz hat das Remake – aus welchen Gründen auch immer – vollständig gestrichen, dafür das eine oder andere Gangsterklischee albern überdehnt, einen Freier zum vermeintlichen Retter umfunktioniert (eine unfassbar reaktionäre Plotwende), sich ansonsten aber ziemlich genau an den Vorgänger gehalten. Doch worüber reden wir hier? Die Story ist übelster Sozialtrash, bis zum Rand gefüllt mit Stereotypen und Handlungsmustern aus dem Rape/Revenge-Kanon. Für eingefleischte Genre-Kenner wäre damit allein nicht mehr als ein gelangweiltes Schulterzucken drin gewesen.

Die Reaktionen, die Valladares mit seinem Erstling hervorgerufen hat, beruhen stattdessen vielmehr auf dessen fiebriger Rohheit, die an Klassiker wie „Last house on the left“, „The Texas Chainsaw Massacre“ oder auch „I spit on your grave“ denken lässt. Moral und Amoral fallen unter den Tisch. Der Zuschauer ist Komplize und Täter zugleich: Erzählt wird von den schlimmsten Formen der Frauenfeindlichkeit, während die Kamera gierig auf die Brüste der Darstellerinnen schielt. Das kann einen nicht kalt lassen und will es auch nicht. „Durch und durch abstoßend“ und geradezu „inhuman“ fanden die Kollegen von Sound on Sight das Original und meinten das absolut positiv. Dem lässt sich wenig hinzufügen.

Hidden in the Woods (2014)

„Hidden in the Woods“ hingegen ist der gnadenlos gescheiterte Versuch, eben diese Rohheit des Originals zu reproduzieren – ein Unding. Allen Beteiligten hätte klar sein müssen, dass genau das nicht funktioniert, denn die Herangehensweise muss zwangsweise kalkuliert sein. Ein Vergleich mit Hanekes US-Fassung von „Funny Games“ mag zwar weit hergeholt erscheinen, trifft aber möglicherweise doch den Kern des Problems. Denn nur weil dieselbe Person auf dem Regiestuhl sitzt, die Inszenierung mehr oder weniger eins-zu-eins übernommen wird und die Schauspieler lediglich eine andere Sprache sprechen, heißt das noch lange nicht, dass derselbe Film noch einmal entsteht. Im Gegenteil. Je genauer die Kopie dem Original zu kommen versucht, desto weiter entfernt sie sich von ihm. Am eindrucksvollsten bewiesen hat das Gus Van Sant mit seiner weitestgehend missverstandenen Nachinszenierung von Hitchcocks „Psycho“ – ein Film, in dem nichts, aber auch rein gar nichts funktioniert und auch nicht funktionieren kann.

Valladares inszeniert sein eigenes Remake wie ein Dreijähriger, dem man eine Digitalkamera in die Hand gedrückt hat: planlos, desorientiert, beliebig. Die Farbgebung ist blass, frei von harten Kontrasten, ohne jegliche Atmosphäre. Schauspieler Michael Biehn, der zusammen mit seiner Frau Jennifer Blanc seit einigen Jahren zunehmend selber produziert und inszeniert („The Victim“), chargiert und grimassiert in der Rolle des Vaters so gnadenlos, dass einem die Tränen in die Augen schießen können (der Mann war schließlich einmal Kyle Reese), William Forsythe spult als alternder Drogenboss eine weitere Autopilot-Variante seiner zahlreichen Gangsterrollen ab und die beiden Hauptdarstellerinnen (darunter Electra Avellan aus dem Familienumfeld von Robert Rodriguez) bleiben im Vergleich zu ihren Kolleginnen aus dem Original eher blass. Ein Ärgernis. [LZ]

Hidden in the Woods (2014)

OT: En las afueras de la ciudad (CL 2012). REGIE: Patricio Valladares. BUCH: Patricio Valladares, Andrea Cavaletto. MUSIK: Daniel Persson. KAMERA: Thomas Smith. DARSTELLER: Siboney Lo, Carolina Escobar, Serge François Soto, José Hernandez, Luis Vasquez, Emilia Cárdenas, Camila Navarrete. LAUFZEIT: 95 Min (DVD), 100 Min (Blu-ray). VÖ: 23.06.2015.

OT: Hidden in the woods (USA/FR 2014). REGIE: Patricio Valladares. BUCH: Bradley Marcus, Kevin Marcus. MUSIK: Luigi Seviroli. KAMERA: Shawn Welling, Patricio Valladares. DARSTELLER: Jeannine Kaspar, Electra Avellan, Michael Biehn, William Forsythe, Chris Browning, Jennifer Blanc, Nick Bateman, Evie Thompson, Grace Powell, Richard Gunn . LAUFZEIT: 91 Min (DVD), 94 Min (Blu-ray). VÖ: 02.06.2016.

Hidden in the Woods (2014)

Hidden in the Woods (2012) | DVD-Cover

[Abbildungen: Tiberius (Fassung 2014) | Ascot Elite (Fassung 2012)]

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