Quotendruck statt Herzensbrecher: Das ZDF begreift sich mal wieder als Privatsender

19. Dezember 2016

Herzensbrecher

Eher nebenbei konnte man wahrnehmen, dass sich das Zweite Deutsche Fernsehen überraschend von einer bislang als solide empfundenen Eigenproduktion trennt. Betroffen ist die Vorabendserie „Herzensbrecher“, die am vergangenen Samstag nach vier Staffeln zuende ging und trotz allgemeiner Beliebtheit nicht verlängert wird. Warum uns das interessiert? Weil die Begründung erneut ein Indiz dafür liefert, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in mancherlei Hinsicht als halber Privatsender missverstehen.

Inhaltlich bot die Serie um einen alleinerziehenden evangelischen Pfarrer (Simon Böer) mehr oder weniger klassische öffentlich-rechtliche Familienunterhaltung. Dass man beim ZDF jetzt zu der tiefschürfenden Erkenntnis gelangte, die Serie könne hinsichtlich seiner „Akzeptanzwerte“ nicht mit anderen Formaten mithalten, muss jeden Gegner des gebührenfinanzierten Rundfunks mit einiger Berechtigung auf die Palme bringen. Denn hinter der arg euphemistisch anmutenden Vokabel verbirgt sich nichts anderes als ein offensichtlich nicht erfüllter Quotenwert.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Serie war im vierten Jahr kaum maßgeblich in der Zuschauergunst gesunken. Im Gegenteil muss man sich wundern, wie die überschaubare Produktion in der unglücklichen Programmierung überhaupt gegen die Sportschau bestehen und immer wieder bis zu 4 Millionen vor den Bildschirm locken konnte. Hinzu kommen beachtliche Abrufzahlen in der sendereigenen Mediathek. Zeitweise war „Herzensbrecher“ dort gar die meistgestreamte Serie und dient in aktuellen hauseigenen Werbeclips konsequenterweise als Vorzeigebeispiel für den ZDF-Onlinedienst.

Doch Streaming bringt dem Sender praktisch keine Werbeeinnahmen und genau da liegt das Problem. Vor 20:15 Uhr dürfen die Öffentlich-Rechtlichen bekanntlich Zusatzgelder einfahren und vergessen deshalb gerne, dass der Gesetzgeber ihnen zunächst einmal einen von wirtschaftlichen Interessen weitestgehend unabhängigen Auftrag erteilt hat. Wieso die Quote trotzdem eine entscheidende Rolle spielt, muss vor dem Hintergrund, dass die neue haushaltsbezogene Rundfunkgebühr den Sendern nicht etwa weniger sondern deutlich mehr Budget zur Verfügung stellt, umso unverständlicher erscheinen.

Offenbar kann man bei ARD und ZDF also ziemlich schlecht haushalten oder kriegt den Hals nicht voll. Denn im vorliegenden Fall reden wir schließlich nicht von einem Rohrkrepierer, den niemand sehen will, sondern von einer etablierten, durch eine festen Fanbase verlässlich unterstützten Marke, die auch im vierten Jahr keineswegs quotentechnisch abgestürzt ist. Warum also ein gutes Rennpferd zur Schlachtbank führen, solange es weiterhin sicher auf Platz läuft?

Selbstredend hätte es den Programmverantwortlichen freigestanden, die quantitative „Akzeptanz“ durch Verlegung auf einen anderen Sendeplatz oder angemessene Vermarktungsmaßnahmen zu optimieren. Beides hat man nachdrücklich unterlassen. In einem Wirtschaftsunternehmen würden für derartige Versäumnisse schlimmstenfalls Köpfe rollen. Bei einer Behörde wie dem ZDF zuckt man stattdessen mit den Schultern und schiebt die Schuld auf die Erwartungshaltung der Zuschauer oder das Produkt selber. Dass man dabei letztlich RTL-Politik betreibt, ist in hohem Maß bedenklich. [LZ]

[Abbildung: © ZDF / Kai Schulz]

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