Here comes the Devil | Filmkritik

14. Juni 2014

Here comes the devil

Ein Segen, dass dieser lang vergessene Klassiker des spanischen Horrorkinos jetzt endlich auf DVD und Blu-ray vorliegt und dabei in Bild und Ton bestes Remastering bietet. Vergleichbares sucht man unter gegenwärtigen Produktion vergeblich und umso erfreulicher muss die Tatsache erscheinen, dass offenbar immer mal wieder in den Archiven gestöbert wird, um verborgene Schätze zu bergen. – So oder ähnlich mag es einem angesichts dieses kleinen gemeinen Teufelsfilms durch den Kopf gehen, doch der Irrtum könnte nicht größer sein: „Here comes the Devil“ (auch ein Trend: englischsprachige Titel von nicht englischsprachigen Produktionen einfach übernehmen) ist gerade einmal zwei Jahre alt und verbreitet doch mit allen Mitteln den Geist der frühen 70er.

Das ist durchaus gewollt und so wird nach Herzenslust gezoomt. Adrián García Bogliano („Cold Sweat“) versteht seinen Film sogar ganz ausdrücklich als Hommage an sein großes Vorbild Nicolas Roeg und dessen venezianische Schauermär von 1973. Kein Wunder also, dass im Zentrum der Geschichte ein Elternpaar steht, das nicht weiß, wie es mit dem Undenkbaren fertig werden soll, das seinen Kindern zugestoßen ist. Sie entfremden sich, finden wieder zusammen, treffen irrationale Entscheidungen und driften erneut auseinander, während einer der beiden dem Grauen der Wahrheit allzu nahe kommt. Am Ende ist dann alles noch viel furchtbarer als gedacht und der Film lässt den Zuschauer im besten Sinne ziemlich ratlos zurück.

Here comes the devil

Bei einer Bergbesteigung im mexikanischen Grenzland verschwindet ein heranwachsendes Geschwisterpaar spurlos. Nach einer Nacht der Verzweiflung scheint sich für die von Selbstvorwürfen geplagten Eltern alles wieder zum Guten zu wenden: Die Kinder sind zurück und unverletzt. Doch nach einigen Tagen mehren sich die Zeichen für ein traumatisches Erlebnis, das seine Spuren hinterlassen hat. Bald schon ist nichts mehr wie vorher und das Verhalten von Bruder und Schwester wird zunehmend befremdlicher. Das Grauen nimmt seinen unaufhaltsamen Lauf.

Dass der Leibhaftige seine Finger im Spiel hat, ist vor dem Hintergrund des Titels kein Geheimnis. Und wie einige der besten Teufelsfilme trägt auch „Here comes the Devil“ viel von einem sexuellen Alptraum in sich. Verbotene Lesbenliebe, angedeutete Pädophilie, Inzest – es kommt eine Menge zusammen (kein Wortspiel). Gleich zu Beginn werden kurz hintereinander zwei sexuelle Begegnungen bestraft: einmal mit dem Tod, einmal mit dem Verschwinden der Kinder.

Überdeutlich sind manchmal die Parallelen angelegt und streifen dabei (bewusst?) die Grenze zur Parodie: Wenn es sich die Eltern im Auto gut gehen lassen, verschwinden Bruder und Schwester unter bedenklicher Hand-in-Hand-Verbundenheit (gerade erst hatte das Mädchen seine erste Menstruation) im dunklen Dreieck einer Felshöhle. Zuvor haben sich die Erwachsenen mit Erinnerungen an frühe sexuelle Erfahrungen in Stimmung gebracht – und dabei an eine Zeit zurückgedacht, in der sie selber so alt waren wie ihr Nachwuchs. Nicht undelikat.

Here comes the devil

Bogliano hat sich eine Menge Mühe gemacht, Motive und Querverweise geschickt miteinander zu verweben. Das reicht von der Farbgestaltung (gezielter Roteinsatz bei Kleidung und fahrbaren Untersätzen) über die Ausstattung (wer genau hinsieht, wird an der Halskette der Mutter ein stilisiertes Geschwisterpaar entdecken) bis hin zur Dramaturgie (schon früh wird die Erklärung der Ereignisse wie nebenbei mitgeliefert). Es lohnt sich also, beim zweiten Mal genauer hinzusehen, denn der Teufel steckt im Detail (auch wörtlich).

Die im Grundsatz nicht unvorhersehbare Geschichte bricht an einigen Stellen immer mal wieder ein Stück weit auf und Bogliano sorgt vor allem mit einer eingeschobenen und gänzlich unerwarteten Eruption der Gewalt dafür, dass sein Film unberechenbar bleibt. Das Resultat ist ein willkommen eigenständiges Stück Leinwandhorror aus Mexiko, dem hoffentlich ein US-Remake ebenso erspart bleibt wie eine inhaltlich nicht ausgeschlossene Fortsetzung. [LZ]

OT: Ahí va el diablo (MX/USA 2012) REGIE: Adrián García Bogliano. BUCH: Adrián García Bogliano. MUSIK: Julio Pillado. KAMERA: Ernesto Herrera. DARSTELLER: Laura Caro, Francisco Barreiro, Michele Garcia, Alan Martinez, David Arturo Cabezud, Barbara Perrin Rivemar, Giancarlo Ruiz, Enrique Saint-Martin. LAUFZEIT: 97 Min (DVD), 101 Min. (Blu-ray). VÖ: 30. Mai 2014.

Here comes the Devil

Here comes the devil

[Abbildungen: Pierrot Le Fou | Magnet Releasing]

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