Hannibal (Staffel 2) | Review

13. Dezember 2014

Hannibal | Staffel 2

Am Ende dieser Staffel wird man sich fragen müssen, ob Thomas Harris eher vor Entsetzen oder vor Neid erblassen muss angesichts dessen, was sich Bryan Fuller und sein Kreativteam für Hannibal Lecter, Will Graham, Jack Crawford und all die anderen Figuren aus dem Erzählumfeld von „Roter Drache“ und dessen Nachfolgern haben einfallen lassen. Denn kaum etwas, das seine vier Romanen rund um den berüchtigten Kannibalen zu bieten haben, kann inzwischen mehr Schritt halten mit den morbiden Auswüchsen, von denen sich diese als Prequel getarnte Neuerfindung des Originalmaterials nährt.

Dabei ist es nicht so, als würde die Tarnung plötzlich und mit einem Paukenschlag auffliegen. Schleichend kommt die Wahrheit ans Tageslicht, denn die Serie verfährt wie Hannibal selber und wiegt den Zuschauer so lange in Sicherheit, bis es keinen Ausweg mehr gibt. Eine Staffel lang hat sie lediglich erzählt, was bislang unerzählt geblieben war, sich hier und da kleine Freiheiten genommen, im Wesentlichen aber doch den Rahmen der Vorgeschichte des ersten Lecter-Romans (in dem die spätere Hauptfigur bloß eine dekorative Nebenrolle spielt) nur erweitert, ohne ihn zu sprengen.

Fuller hatte zudem bei Gelegenheit darüber sinniert, den beiden mittleren Büchern um Clarice Starling jeweils eine Staffel zu widmen und im Anschluss zu beobachten, wohin es Hannibal danach verschlägt. Mit Will Graham hätte er hinzufügen können, „This is my design“, doch davon könnte er zwischenzeitlich deutlich abgerückt sein. Zu verlockend ist die Entwicklung, die Staffel 2 nimmt, um sich in Zukunft weiter mit Altbekanntem auseinanderzusetzen. Stattdessen scheint man sich ein Vorbild bei „The Walking Dead“ genommen zu haben, wo ganz zentrale Entwicklungen der Comics radikal umgeschrieben werden, um den vorgebildeten Zuschauer aller Sicherheit zu berauben.

Dieses Spiel betreibt die Serie umso perfider, wenn sie munter aus den Filmen zitiert und gar die gesamte Werbekampagne um die berühmte (wenn auch modernisierte) Lecter-Maske zirkulieren lässt – nur dass es eben Will Graham ist, der sie trägt. Am Ende von Staffel 1 war der psychisch allzeit angeschlagene Ermittlungshelfer als Hauptverdächtiger für die Mordserie des Chesapeake-Rippers hinter Gittern gelandet, und die Beweise sind – dank Lecters raffinierter Manipulation – mehr als erdrückend.

Hannibal | Staffel 2

Den Hochsicherheitstrakt im „Baltimore State Hospital for the Criminally Insane“, in dem Will untergebracht ist, kennt der Zuschauer bereits aus Jonathan Demmes Verfilmung von „Das Schweigen der Lämmer“, und Fullers Crew orientiert sich gänzlich am bekannten Look. Doch es ist gerade nicht Hannibal, der sich von der (ebenfalls ähnlich aufgebauten) Zelle aus mit Ermittlern und Psychiatern konfrontiert sieht, sondern genau jene Figur, die ihn (zumindest gemäß Vorlage) später einmal zu Fall und damit an eben diesen Ort bringen wird.

Dass es nicht dabei bleiben kann, ja sogar dass Lecters wahre Identität aufgedeckt wird, ist kein Geheimnis, und so beginnt diese 2. Staffel auch ganz ungeschminkt mit einem blutigen Zweikampf zwischen dem eher bulligen Jack Crawford und dem geradezu tänzerisch das Tranchiermesser schwingenden Kannibalen. Am Ende sieht es mit einer Glasscherbe im Hals nicht gut aus für den FBI-Mann, doch zunächst blicken wir 12 Wochen zurück. Das Damoklesschwert dieses Auftakts wird also die gesamte Staffel begleiten und die eigene Erwartungshaltung dirigieren.

Wer damit allerdings glaubt, der Entwicklung auf der Spur zu sein, sollte sich dringend bewusst machen, dass er unter beständiger Manipulation steht. So wie Hannibal seine Umgebung immer dorthin lenkt, wo er sie haben will, verfährt auch die Serie mit dem Zuschauer. Eine Weile laufen die Dinge weitestgehend vorhersehbar – Will setzt alles daran, den Verdacht auf Lecter zu lenken, um seine Freiheit wiederzuerlangen, während letzterer seine Position beim FBI einnimmt und in bizarren Mordfällen als Profiler fungiert – dann jedoch wendet sich das Blatt und wendet sich erneut und erneut.

Wie schon in der ersten Staffel wartet Fullers Team auch weiterhin mit erlesenen, bis ins kleinste Detail durchkomponierten Bildern auf, erfindet goyatische Tötungsszenarien (von denen eines ganz offensichtlich dem Vorbild von „The Human Centipede“ nachempfunden ist), fädelt hypnotische Traumsequenzen ein und legt den Figuren Dialogzeilen in den Mund, die sich sonst nur im französischen oder skandinavischen Autorenkino finden lassen. Der erklärte Einfluss von David Lynch bleibt ungebrochen.

Die Handlungsstränge fallen komplexer aus als zuvor. Figuren wie Hannibals Psychiaterin Dr. Bedelia Du Maurier (erneut auf seltsam verstörende Weise sediert: Gillian Anderson) oder Klinikleiter Dr. Frederick Chilton (Raúl Esparza) sorgen für entscheidende Wendungen, Jacks todkranke Ehefrau Bella (Gina Torres) redefiniert das Verhältnis zwischen dem FBI-Ermittler und dem Kannibalen, und mit Margot Verger (Katharine Isabelle) und ihrem sadistischen Zwillingsbruder Mason (Michael Pitt) übernehmen zwei gänzlich neue Figuren gar einen zentralen Teil der zweiten Hälfte dieser Staffel.

Hannibal | Staffel 2

Dem vorgebildeten Leser und Zuschauer sind beide selbstverständlich bekannt (aus Ridley Scotts „Hannibal“ und dem gleichnamigen Roman), doch für die Serie schaffen sie eine zusätzlich Nuance. Mason Verger fungiert als eine Art Antagonist und verschiebt damit in zentraler Hinsicht die Perspektive auf Hannibal selbst. Auch hier greift die Manipulation der Serie, denn erst das Auftreten des perversen Schweinezüchters öffnet dem Zuschauer die Augen über seine eigene Haltung zur Titelfigur.

Hannibal ist Monster und (in Maßen) Sympathieträger zugleich. Seine Taten mögen abscheulich sein, doch die Aura eines Kinderschänders und Vergewaltigers umgibt ihn nicht. Was er tut, entspricht seiner Natur. Niedere Motive sind ihm fremd, denn seine Sicht auf die Dinge erlaubt keine derartigen Kategorisierungen. Gottes Lust am Töten, so hören wir ihn sagen, lasse alle seine eigenen Bemühungen erbärmlich klein aussehen. Und doch ist er, Hannibal, in gewissem Sinne nicht von dieser Welt.

Ein Teufel, der sich in die Menschen verliebt habe, so beschreibt Fuller (in einem der vielen sehenswerten Featurettes im Bonusmaterial der DVD und Blu-ray) Mikkelsens Interpretation der Figur. Und das trifft vermutlich den Kern. Hannibal steht Goethes Mephistopheles deutlich näher als Charles Manson, Ed Gein oder beliebigen Bond-Gegenspieler. Sadismus ist ihm fremd. Ein zufriedenes Grinsen über einen gelungenen Plan, ein sichtbares Delektieren am Leid eines Opfers – nichts davon wird es hier jemals geben. Hannibal tut, was er tut, und immer dann, wenn wir (oder seine Gegenspieler) glauben, seine Motive durchschaut zu haben, belehrt er uns eines Besseren.

Mikkelsens Variante der Figur unterscheidet sich damit ganz erheblich von der Hopkins-Auslegung mit ihrem angsteinflößenden Zähneklappern, ironischem Augenzwinkern und gelegentlichen Grimassieren. Für Hopkins, für Gaspard Ulliel sowieso („Hannibal Rising“) und im Rahmen seiner Möglichkeiten auch für Brian Cox („Manhunter“) ist Hannibal in erster Linie nach menschlichen Maßstäben zu bewerten. Mikkelsen hingegen klammert den Humananteil gänzlich aus und reduziert ihn auf reine Äußerlichkeiten. Sein Hannibal erweist sich als eine Art Schnittmenge aus Kal-El und Damien Thorn, nur dass seine DNA uneingeschränkt menschlich bleibt.

Zweimal wird er in dieser Staffel mit der Drohung eines gewaltsamen Endes konfrontiert, doch Angst oder jegliche sonstige Regung sind ihm selbst unter diesen Umständen völlig fremd. Denn sogar in der scheinbar ausweglosesten aller Konstellationen ist er seinen potentiellen Mördern haushoch überlegen. Nicht umsonst wird er in beiden Fällen aufgehangen – und das nicht etwa, weil es (sinnloserweise) keine Alternativmethoden gäbe, sondern weil er auch dann noch auf seine Gegner herabblicken kann, um sie im Angesicht des Todes souverän zu verhöhnen. [LZ]

Hannibal

OT: Hannibal (USA 2014) REGIE: Michael Rymer, Vincenzo Natali, David Slade, Tim Hunter, Peter Medak, David Semel. BUCH: Bryan Fuller, Steve Lightfoot, Scott Nimerfro, Chris Brancato, Andrew Black, Jeff Vlaming, Kai Wu, Ayanna Floyd, Jason Grote. MUSIK: Brian Reitzell. KAMERA: James Hawkinson. DARSTELLER: Mads Mikkelsen, Hugh Dancy, Laurence Fishburne, Caroline Dhavernas, Hettienne Park, Raúl Esparza, Katharine Isabelle, Michael Pitt, Gillian Anderson, Eddie Izzard, Gina Torres, Cynthia Nixon, Mark O’Brien, Scott Thompson, Aaron Abrams, Lara Jean Chorostecki, Jeremy Davies, Chris Diamantopoulos. LAUFZEIT: 535 Min (DVD), 558 (Blu-ray) . VÖ: 04.12.2014.

Hannibal | Staffel 2

[Abbildungen: Studiocanal (Cover) | Brooke Palmer, Sophie Giraud/NBC (Stills)]

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