Hannibal (Staffel 1) | Review

05. Januar 2014

Hannibal

Als Ruggero Deodato 1980 im Rahmen eines Gerichtsprozesses nachweisen musste, dass die Darsteller seines Schockers „Cannibal Holocaust (dt. Nackt und zerfleischt)“ keineswegs dem Appetit eingeborener Amazonas-Wilden zum Opfer gefallen waren, hätte er vermutlich keine müde Lire darauf gesetzt, dass die Thematik einmal das Zeug zum popkulturellen Phänomen haben würde. Bemerkenswerterweise veröffentlichte US-Autor Thomas Harris bereits im Jahr darauf mit „Red Dragon“ den ersten Roman um den kultivierten Soziopathen Hannibal Lecter, freilich ohne selber eine Ahnung davon zu haben, dass sich die Figur schon bald verselbständigen sollte.

Die äußerste Form der Emanzipation erfuhr der Serienkiller mit dem erlesenen Geschmack jetzt in Gestalt einer TV-Serie, die gänzlich ohne Beteiligung seines geistigen Vaters entstanden ist. Bereits zum arg überflüssigen Prequel „Hannibal Rising“ hatte Harris sich mehr oder weniger widerwillig breitschlagen lassen und der Figur alle ihre Geheimnisse geraubt. Dass er für die neuerliche Variante überhaupt angefragt wurde, kann man getrost bezweifeln. Der Produktion hat das möglicherweise allerdings eher genützt.

Hannibal 2013 löst sich auf angenehme Weise von seinen Vorgängern und findet eine zeitgemäße Herangehensweise an Stoff und Figuren, die es in sich hat. Serienentwickler Bryan Fuller („Heroes“, „Pushing Daisies“) hatte frühzeitig die Idee, FBI-Profiler Will Graham ins Zentrum zu rücken und eröffnete damit die Möglichkeit, dessen im ersten Lecter-Roman nur angedeutete gemeinsame Vergangenheit mit dem Kannibalen-Psychiater genauer zu beleuchten. Dabei holt er die Geschichte zugleich in die Gegenwart und verschafft ihr so eine behutsame Modernisierung.

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Eine ähnliche Herangehensweise verfolgt interessanterweise die fast zeitgleich in den USA gestartete Serie „Bates Motel“, in der ein junger Norman Bates keine Chance bekommt, aus dem Schatten seiner Mutter zu treten und langsam aber sicher zum psychotischen Frauenmörder mutiert. Auch hier begleiten Internet und Smartphone die Hauptfigur auf ihrem Weg zur Genre-Ikone, und auch sonst haben beide Serien einiges gemein.

Lecter erscheint zunächst als Nebenfigur und der Anteil seiner Auftritte variiert im Verlauf der ersten Staffel erheblich. In manchen Folgen taucht er fast gar nicht auf, andere dominiert er dabei gänzlich. Das hat damit zu tun, dass Will Graham (Hugh Dancy) die eigentliche Hauptfigur ist und auch die Darsteller der Nebenrollen eine Menge Raum bekommen, um ihre Charaktere zu entfalten. Entgegen seinem Titel ist „Hannibal“ deshalb vor allem eine Ensembleleistung.

Die Handlung setzt eine Weile vor „Red Dragon“ ein. Jack Crawford (Laurence Fishburne), Leiter der Abteilung für Verhaltensanalyse beim FBI, erkennt in Will Graham ein wertvolles Werkzeug für die Aufklärung besonders undurchsichtiger Mordfälle. Als Empath besitzt der inaktive Profiler die Fähigkeit, sich ungefiltert in die Rolle des Täters zu versetzen und so präzise dessen Motive und Handlungen nachzuvollziehen. Um sicherzugehen, dass Graham für den aktiven Dienst geeignet ist und nicht an seinem speziellen Talent zugrunde geht, lässt er seinen Zustand von einem der profiliertesten Psychiater seiner Zunft überwachen.

Auftritt Hannibal Lecter in einer betont zurückhaltenden Darstellung von Mads Mikkelsen. Geschickt assoziiert ihn die Montage von vornherein mit dem Verzehr von Menschenfleisch, vermeidet aber für eine ungewöhnlich lange Zeit, ihn auch ausdrücklich als Kannibalen und Serienmörder zu outen. Das Drehbuch nutzt die Gelegenheit, ihm stattdessen (zumindest in der englischen Originalfassung) einige Doppeldeutigkeiten in den Mund zu legen, die außer ihm selber und dem Zuschauer niemand verstehen kann (Spitzen wie „It’s nice to have a friend for dinner“ finden einfach keine adäquate deutsche Übersetzung).

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Ansonsten hält sich der Humor – für Fuller eher unüblich – deutlich zurück. Zu gewaltsam sind die Taten, mit denen sich Crawford und Graham auseinandersetzen müssen, zu sehr leiden die Beteiligten darunter, um sich jenseits der üblichen Pathologen-Skurrilitäten Scherze zu erlauben. Visuell erinnert vieles an David Finchers „Sieben“, akustisch hat David Lynch seine Spuren hinterlassen. Komponist Brian Reitzell („30 Days of Night“) zeichnet auch für die Soundeffekte verantwortlich und liefert über weite Strecken keine echten musikalischen Strukturen, sondern eher einen vor sich hin rauschenden Klangteppich mit gelegentlichen Dissonanzen und einigen zaghaften Pianoklängen.

Lecter steuert das Geschehen frühzeitig und hat benutzt Graham als Versuchsobjekt. Frühzeitig verschafft er ihm ein immenses Trauma und sorgt später dafür, dass die Diagnose einer neurologischen Erkrankung unter Verschluss bleibt. So wird der Zuschauer Zeuge, wie der bedauernswerte Profiler nach und nach dem Wahnsinn verfällt, Wachen und Träumen, Realität und Halluzination nicht mehr auseinanderhalten kann. Filmisch erlaubt das eine Menge eindrucksvoller Bilder und dramaturgisch das Legen von Finten, die sich nicht immer direkt durchschauen lassen.

Die einzelnen Episoden sind dicht konstruiert. Thematische Elemente im Umfeld der Morde spiegeln sich auch im Geflecht der Figuren wieder. Besonders auffällig ist diese narrative Architektur in Episode 4 (die auf Fullers Wunsch in den USA nicht ausgestrahlt wurde). Während dort auf der einen Seite Kinder dazu erzogen werden, ihre Familien auszulöschen, schafft Lecter einer durch Grahams Schuld zur Waisen gewordenen jungen Frau auf perfide Weise die Illusion einer intakten Elternbeziehung.

„Hannibal“ ist keine leichte Kost, und das hat nur bedingt mit den fragwürdigen kulinarischen Vorlieben zu tun, die Lecter seinen nichtsahnenden Gästen beständig serviert. Dass die Macher angesichts der Drastik so mancher Gewaltdarstellung ausgerechnet Ärger wegen einer Nacktszene bekamen, gehört zu den gängige Absurditäten amerikanischer Sittenwächter. Über diese und andere interessante Anekdoten gibt es in den Featurettes der DVD und Blu-ray einiges zu erfahren. Wieso dabei allerdings ausgerechnet Hauptdarsteller Mikkelsen nahezu vollständig außen vorbleibt, will nicht wirklich einleuchten. [LZ]

OT: Hannibal (USA 2013) REGIE: David Slade, Guillermo Navarro, Peter Medak, John Dahl, James Foley, Michael Rymer, Tim Hunter, David Semel. BUCH: Bryan Fuller, Steve Lightfoot, Chris Brancato, Scott Nimerfro, Jennifer Schuur, Jesse Alexander, Andrew Black, David Fury, Jim D. Gray, Kai Wu. KAMERA: James Hawkinson, Karim Hussain. MUSIK: Brian Reitzell. DARSTELLER: Hugh Dancy, Mads Mikkelsen, Laurence Fishburne, Caroline Dhavernas, Kacey Rohl, Hettienne Park, Lara Jean Chorostecki, Gillian Anderson, Eddie Izzard, Dan Fogler, Scott Thompson, Aaron Abrams, Vladimir Jon Cubrt, Raúl Esparza, Demore Barnes, Lance Henriksen, John Benjamin Hickey. LAUFZEIT: 538 Min (DVD), 559 Min (Blu-ray). VÖ: 20.12.2013

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[Abbildungen © 2013 NBCUniversal Media, LLC | Cover: Studiocanal]

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