Dinner mit Hannibal: Der neue Kannibalismus in Kino und TV | Eine Annäherung. Teil 2

10. November 2014

Hannibal

Mitte der Nullerjahre sah es nicht gut aus für die Stellung des Kannibalismus im Kino. „Hannibal Rising“ war 2007 angetreten, um das Franchise ohne Oscarpreisträger Anthony Hopkins fortzuführen. Stattdessen schien es lange Zeit so, als sei der Figur mit diesem Versuch ungewollt der Todesstoß versetzt worden. Ansätze, die anthropophagischen Urwaldvölker der 80er wiederzubeleben, blieben wirkungslos. Nach den Ereignissen vom 9. September 2001, kurz nach dem Erscheinen von „Hannibal“, hatte sich das Thema von heute auf morgen erledigt. In einer Welt realen Terrors waren Amazonas-Bewohner und Serienmörder nur noch formal angsteinflößend. Und doch wurde im Film plötzlich soviel Menschenfleisch verzehrt wie nie zuvor.

Grund war die Wiederkehr einer anderen Spezies von Carnivoren, die im Horrorgenre lange Zeit keine relevante Rolle gespielt hatten: die Untoten, besser bekannt unter ihrem Gattungsnamen „Zombies“. 9/11 hatte offenbar ein Bedürfnis nach konsumierbaren apokalyptischen Szenarien geweckt und in den verwesenden Schreckgestalten ein ideales Ausdrucksmedium gefunden. 2002, im selben Jahr, da Hopkins (in einer Nebenrolle) seinen letzten Auftritt als Hannibal Lecter absolvierte, hatten Danny Boyle und Alex Garland mit „28 days later“ die allzeit hungrigen Zeitgenossen auf effektive Weise wiederbelebt und das Interesse an den einst von George A. Romero kanonisierten Monstern neu entfacht.

Eine ganze Weile hatten Zombiefilme ihr Dasein ausschließlich in Form von Komödien fristen können. Umso überraschender die Wirkung des in überscharfen Digitalbildern gefilmten Überraschungshits. Fast zeitgleich, mit ähnlichem Erfolg und einer nahezu inhaltsgleichen Ausgangsituation eroberte die erste Computerspielverfilmung der „Resident Evil“-Reihe die Kinos und zog bis heute vier Sequels nach sich. Einen echten Zombie-Boom löste zwei Jahre später allerdings erst Zack Snyder mit seinem Remake von „Dawn of the Dead“ aus – einem echten Kassenschlager.

Fortan schienen die Untoten im Horrorgenre eine sichere Bank zu sein. „Zombieland“, „[REC]“, „Dead Snow“, „Pontypool“ oder das Remake von „The Crazies“ gehören nur zu den bekanntesten Beispielen, die in den kommenden Jahren entstanden. Kaum überschaubar ist hingegen, was im Umfeld von Medium-, Low- und No-Budget auf den Markt geworfen wurde (und bis heute geworfen wird). Mit „The Walking Dead“ bekam die Welle 2010 einen ungeahnten Zusatzantrieb, etablierte die Untoten endgültig im Mainstream und ermöglichte 2013 gar einen lang geplanten Blockbuster wie „World War Z“.

Dawn of the Dead (2004)

Womit wir klammheimlich aber auch schon wieder bei „Hannibal“ angekommen wären. Fast auf den Tag genau zwei Monate lagen zwischen der US-Premiere der TV-Serie und der Uraufführung des Zombie-Epos mit Brad Pitt. Ende 2011 war erstmals offiziell die Rede von einem Prequel zum „Schweigen der Lämmer“, das lose auf Elementen des ersten Lecter-Romans beruhen sollte. Hatten die Untoten den fiktiven Verzehr von Menschenfleisch als Entertainment also wieder salonfähig gemacht? Ganz gewiss.

Zugleich hatten sie aber auch ein Bedürfnis geweckt, das sie selber nicht erfüllen konnten, nämlich nach fiktivem Leben hinter der Fleischeslust. Denn im Gegensatz zu nahezu allen anderen erfolgreichen Kreaturen des Grauens stehen Zombies für rein gar nichts. Dass sie Angst und Schrecken auslösen, ist lediglich Folge eines simplen Instinktes. Außer tumber Jagd nach Frischfleisch bieten sie ausschließlich Leerraum mit Tendenz zum MacGuffin. Relvanz erhält der Zombiefilm erst durch ihre potentiellen Opfer, und nichts macht das so deutlich wie die Erfolgsformel von „The Walking Dead“.

Angelegt als Gesellschaftsdystopie funktioniert die Serie vor allem durch das Verhalten der Figuren. „Fight the Dead, fear the Living“ lautet der Claim der dritten Staffel und bringt das Prinzip auf den Punkt, denn die wahre Bedrohung sind die Überlebenden einer Welt, in der alle Zivilisation kollabiert ist. Die Untoten tun Grausiges, haben dafür aber keine Motive, keinen Ehrgeiz oder Sadismus und erst recht keinen Plan (in jeder Hinsicht), aber auch keine Emotionen, Erinnerungen oder Ängste. Monster ohne Seele benötigen als Gegenüber Charaktere mit Tiefgang, andernfalls bleiben sie reines Fastfood. „Hannibal“ – Serie wie Namensgeber – vereint beides und ist deshalb in vielerlei Hinsicht ein Gourmetmenü.

Doch das gilt nicht nur für diese spezielle Figur des intellektuellen Anthropophagen, sondern bestimmt den „neuen Kannibalismus“, der sich im fiktivem Raum zunehmend re-etabliert, per se. Der Unterschied zur früheren Welle liegt im Verhältnis zum Rezipienten. Denn sowohl die italienische Exploitationfilme der 80er als auch die ersten beiden Hannibal-Beiträge (Michael Manns Adaption von „Roter Drache“ hier nicht mitgezählt) führten den Topos des gattungsinternen Fleischverzehrs primär in Form einer Freakshow vor.

Das Schweigen der Lämmer

Auf der einen Seite richtete sich der voyeuristische Blick auf urzeitliche Amazonas-Völker, die ihren Kannibalismus aufgrund fehlender Zivilisation auslebten. Der eigentlich Reiz lag zumeist im hohen Gewalt- und Ekelanteil, nicht selten gepaart mit sexuellen Untertönen. Die Zielgruppe: Hardcore-Genrefans. Auf der anderen Seite delektierte sich ein Mainstream-Publikum daran, wie ein etablierter Shakespeare-Darsteller einem Gefängniswärter mit bloßen Zähnen das Fleisch aus dem Leib riss, seinen kannibalistischen Gelüsten ansonsten aber eigentlich nur in Erzählungen nachging.

Der neue Kannibalismus hat eine andere Ausgangslage. Beispiele wie die Sozialsatire „We are what we are“ (und zwar das US-Remake von Jim Mickle genauso wie das mexikanische Original von Jorge Michel Grau), der feministisch geprägte Spießbürgerhorror „The Woman“, der FoundFootage-Thriller „Die Höhle“, die schwedische Komödie „American Burger“ oder das spanische Liebesdrama „Caníbal“ haben wenig Interesse an Voyeurismus. Und selbst „The Green Inferno“ von Eli Roth, der momentane Höhepunkt der Welle und zugleich der erste Beitrag der neuen Generation, dessen Vorbilder ausdrücklich die italienischen Filme der 80er sind, nutzt explizite Gewaltdarstellungen nicht als Selbstzweck, sondern in erster Linie als Zitat.

Mit Eli Roth ist in einem Atemzug auch auf den zweiten entscheidenden Wegbereiter für den neuen Kannibalismus hingewiesen – das Subgenre des sogenannten Torture Porn. Vielfach als Reaktion auf die Schockbilder aus Guantanamo gedeutet, lösten „Saw“ 2004 und „Hostel“ 2005 (zeitlich also im gleichen Umfeld wie die beiden entscheidenden Zombie-Beiträge) eine lange Reihe von Filmen aus, in deren Mittelpunkt ausgiebige und unterschiedlich motivierte Folterungs-Szenarien standen. Rasch fand die Welle Eingang in den Mainstream und hinterließ ihre Spuren unter anderem 2006 in „Casino Royale“, 2010 in „Salt“ und von Jahr zu Jahr zunehmend in der Serie „24“.

Hostel

Es ist die Nutzbarmachung des Körpers und/oder die Reduzierung der fiktiven Charaktere auf ihre bloße Physis, die im Zentrum von Torture Porn stehen und den Boden für den neuen Kannibalismus (mit)bereitet haben. Mit Immanuel Kant gesprochen wird der Mensch hier zum bloßen Mittel degradiert und seiner Selbstzweckhaftigkeit beraubt. Nichts anderes liegt auch dem Akt der Anthropophagie in jener Form zugrunde, mit der sie in der gegenwärtigen Populärkultur auftaucht (eine interessante Ausnahme bildet David Cronenbergs Debütroman mit dem bezeichnenden Titel „Consumed [dt. Verzehrt]“).

Mindestens zwei Strömungen haben die Entwicklung des neuen Kannibalismus also entscheidend vorbereitet: Die Etablierung des Fleischverzehrs menschlicher Herkunft als Mittel des Entertainments durch den wiedererstarkten Zombiefilm auf der einen und die allgemeine Enthemmung des Torture Porn auf der anderen Seite, fiktives Personal zum Mittel physischer Nutzbarmachung zu degradieren. Beides dient dem modernen Kannibalenfilm als Steilvorlage für eigene, meist gut durchdachte Erzählstränge, die ein zentrales Element der Kulturgeschichte auf dem Weg vom Affen zum Menschen ins Zentrum stellen und nach allen Regeln der Kunst pervertieren: die Zubereitung von Speisen – gerne ein Statussymbol von Eliten.

Nicht umsonst ist Hannibal ein Snob, der zu jedem Gang, den er zuvor selbst mit höchster Präzision und Könnerschaft zubereitet hat, stets den idealen Wein reicht. Und wenn er das tut, verspottet er alle Hochkultur, die sich eine Menge auf ihre weit entwickelte Cuisine einbildet. Er lacht über die Jamie Olivers dieser Welt, die uns tagtäglich auf allen Kanälen mit der hohen Schule des Tranchierens und Blanchierens zukleistern, auf dass wir ihre Bücher kaufen und ungelesen ins Regal stellen oder bereits am erstbesten Rezept scheitern und begreifen, dass wir den Meistern entgegen ihren vollmundigen Beteuerungen nie das Wasser reichen können.

Der neue Kannibalismus in Kino und TV hat für die Errungenschaften unserer auf den hohen Wert des gepflegten Konsums ausgerichteten Kultur nichts als Verachtung übrig. Er zeigt uns ungefiltert, wie nah wir uns an der Barbarei vorbeibewegen, indem er uns das Fleisch unserer auf ihre reine Verzehrbarkeit reduzierten Artgenossen auf silbernen Tellern serviert. Bei „Hannibal“ sind es oft diejenigen, die sich besonders schlau vorkommen, mit denen Dr. Lecter seine Menüs zubereitet, in „The Green Inferno“ ist es eine Gruppe von Umweltaktivisten, die im Topf der Ureinwohner landet. Moralisten haben hier nichts zu melden. Meat is murder? Darüber können die fiktiven Menschenfresser der Gegenwart nur lachen. [LZ]

[Der erste Teil dieses Beitrags findet sich hier.]

Hannibal

[Abbildungen: NBC (Hannibal) | Universal (Dawn of the Dead) | MGM (Screenshot: The Silence of the Lambs)]

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