Dinner mit Hannibal: Der neue Kannibalismus in Kino und TV | Eine Annäherung. Teil 1

08. November 2014

Hannibal

Kein Subgenre, nicht einmal der in all seinen Ausformungen ungebliebte Torture Porn, genießt außerhalb der Hardcore-Fanszene einen weniger erfreulichen Ruf als der Kannibalenfilm. Lange Zeit als unterste Form des Exploitation-Kinos verschrien (selbst Nazisploitation kann hier nicht mithalten), fristen die meisten, hauptsächlich in Italien entstandenen Beiträge bis heute ein Schattendasein im Angesicht von Zensur und Beschlagnahmung. Umso erstaunlicher, dass die gepflegte Anthropophagie seit einer Weile recht erfolgreich Einzug in Film und Fernsehen hält.

Die Gründe dafür sind alles andere als offensichtlich. Man kann es sich einfach machen und mit der gerne hervorgezauberten Pauschalantwort operieren, der gemäß Horror als Genre aus Wellen besteht, die sich wechselnder Themenfelder bedienen, mit denen sich ein bestehender Markt mehr oder weniger variationsreich eine Weile lang bedienen lässt. Das ist an sich nicht falsch, übergeht jedoch die entscheidende Frage, warum bestimmte Themenfelder grundsätzlich funktionieren, und warum sie es darüber hinaus in bestimmten Phasen tun und in anderen nicht.

Hannibal“, die überaus erfolgreiche TV-Serie um den gleichnamigen, kannibalistisch veranlagten Serienmörder und Gourmet, geht mittlerweile in die dritte Staffel und surft ganz sicher nicht lediglich auf einer beliebigen Welle mit. Ganz im Gegenteil trägt sie entscheidende Mitverantwortung dafür, dass eine solche momentan überhaupt existiert. Doch das hat – entgegen einer ersten Vermutung – lediglich in Teilen mit ihrer langen Vorgeschichte zu tun, die bis ins Jahr 1981 zurückreicht. Dennoch lohnt sich ein Blick zurück.

Das Schweigen der Lämmer

Wann genau der US-Autor Thomas Harris die Figur des Dr. Hannibal Lecter erfunden hat, lässt sich nur vermuten. Bemerkenswert fällt jedoch die Tatsache aus, dass „Roter Drache“, der erste Roman, in dem der genialische Psychiater auftaucht, etwa ein Jahr nach Ruggero Deodatos berüchtigtem „Cannibal Holocaust“ erschienen ist. Ob Harris den Film oder auch nur die Kontroversen um ihn überhaupt wahrgenommen hat, ist dabei weniger interessant als das zeitlich enge Zusammentreffen dieser beiden höchst einflussreichen Beiträge der Populärkultur an sich.

Beide erleben nun auf ihre Art ein Revival, doch dazu später. Ob Anfang der 80er nach und nach aufgetauchte Berichte über die Greueltaten der Roten Khmer in Kambodscha, deren Schreckensherrschaft 1979 ihr (zumindest offizielles) Ende fand, eine gewisse künstlerische Sensibilität für den klaffenden Abgrund zwischen Zivilisation und Barbarei entfacht hatten, bleibt reine Spekulation. Deodato und Harris trafen jedenfalls einen Nerv, und das auf ihre Weise durchaus nachhaltig.

Dass „Cannibal Holocaust“ hinsichtlich Erfolg und Wirkungsgeschichte genau zum richtigen Zeitpunkt auftrat, ist bereits durch die Tatsache gedeckt, dass der Film entgegen manch landläufiger Auffassung keinesfalls vorgängerfrei war. Seinen ersten echten Beitrag hatte Umberto Lenzi dem Kannibalengenre (da sind sich die Historiker einig) bereits 1972 mit „Il Paese del Sesso Selvaggio [dt. Mondo Cannibale]“ geliefert und Deodato selbst war fünf Jahre später mit „Ultimo mondo cannibale [dt. Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch]” nachgefolgt.

Weitere Filmemacher (darunter Joe D’Amato) sprangen auf den langsam in Fahrt kommenden Menschenfresserzug auf, bevor „Cannibal Holocaust“ auf der Bildfläche erschien. Doch selbst das halbe Dutzend weiterer Beiträge, die im selben Jahr wie Deodatos ungeliebter Klassiker auf den Markt geworfen wurden, konnten ihm den Rang nicht ablaufen. Der erschreckend realistisch wirkende FoundFootage-Stil und ein damit einhergehender Justizirrtum (man glaubte allen Ernstes, die Aufnahmen seien echt und die Schauspieler am Grillspieß eines hungrigen Amazonas-Stammes geendet), gepaart mit tatsächlichen Tötungen von Tieren erzeugten einen einzigartigen Skandal-Cocktail, der deutlich breitere Aufmerksamkeit erregte als alle anderen Kannibalenfilme zusammen.

Cannibal Holocaust

Im Gegensatz zu seinem italienischen Kollegen hatte Thomas Harris seinen Ausflug in die Anthropophagie weniger deutlich im Focus gehabt. In einem Vorwort zur 2000er Neuauflage von „Roter Drache“ spricht er von einem „Eigenleben“, das die Figur des Dr. Lecter entwickelt habe. Ihre Rückkehr in „Das Schweigen der Lämmer“ sei zunächst einmal gar keine Absicht gewesen. Dass der echte Hannibalismus erst 1991 mit der ikonischen Darstellung der Figur durch Anthony Hopkins einsetzte, bedarf keiner gesonderter Erwähnung.

Zu diesem Zeitpunkt war die Welle der italienischen Kannibalenfilme bereits wieder abgeebbt. Mit „Paradiso infernale“ von Antonio Climati (ironischerweise auf dem englischsprachigen Markt unter dem Titel „Cannibal Holocaust 2“ vertrieben) hatte das ungeliebte Subgenre mit zunehmenden Softporno-Einflüssen 1988 seinen Schwanengesang erlebt und verschwand lange Zeit von der Bildfläche.

Erste zaghafte Versuche, an die Erfolgswelle der 80er anzuschließen, wagte Vielfilmer Bruno Mattei 2004 mit gleich zwei (unter Pseudonym gedrehten) Videoproduktionen. Doch weder „Mondo Cannibale“ noch „Nella terra dei cannibali“ konnten größere Aufmerksamkeit erzielen, geschweige denn, eine neue Welle auslösen. Abgesehen von der eher überschaubaren Qualität der beiden Filme galt (wie so oft) auch hier: Die Zeit war noch nicht reif.

Selbst mit Hannibal Lecter ließ sich in der zweiten Hälfte der Nullerjahre nicht mehr viel gewinnen. Die erneute Verfilmung von „Roter Drache“ hatte ihn 2002 – der Vorlage gemäß – bereits zur Nebenfigur degradiert, und das fünf Jahre später folgende Prequel „Hannibal Rising“ stieß trotz Roman und Drehbuch von Harris insgesamt auf wenig Gegenliebe. Zu sehr identifizierten die Zuschauer die Figur mit Hopkins, der bereits im Vorgängerfilm einer digitalen Verjüngungskur unterzogen worden war, hier gänzlich fehlte und wohl auch nicht wieder zurückkehren würde.

Und doch sollte im selben zeitlichen Umfeld die Grundlage dafür gelegt werden, dass aktuell mehr Menschenfleisch auf dem popkulturellen Teller zu finden ist als jemals zuvor – und eine Entwicklung auslösen, die dem fiktionalen Kannibalismus erneut Tür und Tor öffnete. Einen genaueren Blick hierauf werfen wir im zweiten Teil unserer Überlegungen. [LZ]

[Der zweite Teil dieses Beitrags findet sich hier.]

Hannibal

[Abbildungen: NBC (Hannibal) | Rex Features (The Silence of the Lambs)]

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