Hands of Stone | Filmkritik: Harte Männer tanzen nicht

01. Mai 2018

Hands of Stone

Das Glück ist wie eine Frau, die man verführen lernen muss (was auch immer das heißen mag). Lebensweisheiten dieser Güteklasse trichtert Ray Arcel, eine echte Legende unter den Boxtrainern, seinem neuen Schützling nachdrücklich ein und ahnt dabei vermutlich nicht, wie dieser den Rat des Mentors parallel bei seiner zukünftigen Frau in die Tat umsetzt. Das Leben findet eben im Ring statt – das wissen wir seit den beiden einschlägigen (sic!) Klassikern des k.o.-Kinos. Für Roberto Durán, den ungestümen jungen Mann aus Panama, der die Amerikaner hasst, weil sie sich in seinem Land wie Kolonialherren aufspielen, trifft dieser Umstand uneingeschränkt zu. Als Zuschauer hingegen kann einen das ganz schön kalt lassen.

Was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass dieser Durán als ziemlicher Schmierlappen daherkommt, der lange Zeit die Mehrheit aller Latino-Klischees, die man so im Kopf haben mag, mit breitem Pinsel auf die Leinwand trägt. Schwer zu sagen, ob das am Drehbuch liegt, an der Darstellung durch Edgar Ramírez („Carlos“, „Gold“) oder am realen Vorbild. Und da sind wir auch schon beim nächsten Problem, denn „Hands of Stone“ (für die ganz Dummen unter uns vom Verleih freundlicherweise noch einmal mit „Fäuste aus Stein“ untertitelt) ist ein Biopic, das sich in rund 110 Minuten an den wichtigsten Karrierestationen dieses in seinem Heimatland – das hier federführend produziert hat – bis heute verehrten Sportlers abarbeitet und dabei versucht, eine weitestgehend kohärente Geschichte zu erzählen. Das gelingt jedoch nur eingeschränkt, denn der Film will zuviel und wechselt dabei wiederholt seine Strategie.

Hands of Stone

Biopics setzen bekanntlich gerne auf ordnende Erzähler, und so ist das zeitweise auch hier. Doch wie auktorial kann so jemand sein, wenn er zugleich selber (nur) eine Nebenfigur der Geschichte ist? In diesem Fall muss Trainer Arcel herhalten, um in die Kindheit Duráns einzuführen, die politischen Hintergründe anzustoßen (aber auch wirklich nicht mehr) und ein bisschen Heldenverehrung vorwegzunehmen. Der andere Grund für diesen narrativen Ansatz ist Arcel-Darsteller Robert De Niro, der zu Beginn so vehement ins Zentrum gerückt wird, dass man meinen könnte, der Film drehe sich eigentlich um seine Figur. Umso ernüchternder, dass er im Verlauf zunehmend in den Hintergrund rückt und gegen Ende gar nur noch mithilfe eines dramaturgischen Tricks im Film gehalten werden kann.

Bei genauem Hinsehen ist Arcel völlig überrepräsentiert, doch dürfte das vor allem produktionstechnische Gründe gehabt haben, denn Ramírez alleine hätte externen Geldgebern – dies ist keine Studioproduktion – ganz sicher nicht ausgereicht. Dass zusätzlich noch Usher als Argument herhalten musste, macht die Angelegenheit nicht besser. Sein Boxtraining mag er gewissenhaft und fleissig absolviert haben (so jedenfalls propagiert es das im Bonusmaterial enthaltene Making-of), als Schauspieler sind seine Möglichkeiten jedoch weitestgehend auf jederzeit abrufbares Dauergrinsen beschränkt. Für die End Credits hat er zusätzlich noch einen Song beigesteuert. Das haben seine Agenten zwar gut eingefädelt, dem Film selber schafft es aber ein weiteres Ungleichgewicht, das rückwirkend nicht wirklich gut tut.

Hands of Stone | Ana de Armas

Die Boxsequenzen sind optisch spektakulär inszeniert, haben aber keinerlei Dramaturgie und scheren sich nicht einmal im Ansatz um so etwas wie Spannungsaufbau. Mal saust die Kamera entfesselt über den Ring hinweg, mal ist sie ganz nah bei den Opponenten, schwenkt auf die Trainer, schaut ins Publikum. Doch in jedem Fall folgt Cut auf Cut, ohne dass auch nur eine einzige Runde schlüssig durcherzählt wird. Das ist im besten Fall Videoclipästhetik, aber mit filmischem Erzählen hat das herzlich wenig zu tun.

Ganz am Rand ist noch ein Strang eingewoben, der sich um Arcels Verhältnis zum organisierten Verbrechen dreht und John Turturro drei verschwendete Auftritte ermöglicht, ansonsten aber nichts zur Geschichte beiträgt. Weitere Schauwerte: Ushers entblößtes Gesäß und eine überflüssige Oben-ohne-Aufnahme von Ana De Armas. Mehr als ein verständnisloses Kopfschütteln lässt sich da eigentlich nicht aufbringen. Wirklich bemerkenswert ist alleine die heimlich untergejubelte Streichung eines beteiligten Produzentennamens: Harvey Weinstein. [LZ]

OT: Hands of Stone (PAN/USA 2016). REGIE: Jonathan Jakubowicz. BUCH: Jonathan Jakubowicz. MUSIK: Angelo Milli. KAMERA: M.I. Littin-Menz. DARSTELLER: Edgar Ramírez, Robert De Niro, Ana de Armas, Usher Raymond, Rubén Blades, Pedro Perez, John Turturro, Ellen Barkin, Jurnee Smollett-Bell, Drena De Niro. LAUFZEIT: 106 Min (DVD), 112 Min (Blu-ray). VÖ: 20.04.2018.

Hands of Stone

[Abbildungen: Ascot Elite]

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