Halloween 4 und 5 in Deutschland endlich unzensiert | Ein Blick zurück

31. Oktober 2014

Halloween 4

Nichts trägt den negativen Beigeschmack staatlich sanktionierten Eingriffs in die Kunstfreiheit so sehr wie die Zensur von Kulturgütern. Dabei ist es völlig gleichgültig, wie hoch man die Qualität eines zensierten Mediums einschätzen mag. Ganz sicher gehören der vierte und fünfte Teil der „Halloween“-Reihe nicht zur Hochkultur, doch das heißt eben gar nichts. Genau wie der Vorgänger mit dem Untertitel „Season of the Witch“, der inhaltlich völlig vom Rest des Franchise abweicht, sind die beiden Filme in Deutschland mittlerweile vom Index runter und nun auch erstmals ungekürzt erhältlich – und das mit einer offiziellen Freigabe ab 16.

Während wirkungsgeschichtlich wesentlich relevantere Beispiele wie Dario Argentos Klassiker „Tenebrae“ oder gar Pasolinis radikaler Schwanengesang „Die 120 Tage von Sodom“ weiterhin nur mit teils massiven Schnittauflagen vertrieben werden dürfen, gelten den Prüfern die eher trivialen Schlachtereien des Mannes mit der Kirk-Maske nun offenbar als harmlos genug, um sie selbst Jugendlichen zugänglich zu machen. Welche Logik da genau hintersteckt, muss man sich schon selber zusammenreimen.

Das soll die Freude über die Indexstreichung jedoch nicht schmälern, auch wenn Deutschland noch weit davon entfernt ist, eine Box mit allen Filmen der Reihe (inklusive dem heiß begehrten „Producer’s Cut“ des sechsten Teils) auf den Markt zu bringen – wie kürzlich durch Anchor Bay in den USA geschehen. Bis das in ferner Zukunft vielleicht doch einmal geschieht, empfiehlt sich ein Blick auf die umfangreiche Dokumentation „25 Years of Terror“, die eine Menge Wissenswertes und Interessantes über die Serie zusammenträgt, bei der so ziemlich gar nichts nach Plan lief.

Halloween 4

Teil vier war 1988 im Grunde das Resultat eines fehlgeschlagenen Experiments. Mit dem Vorgänger hatten die Macher versucht, dem Franchise einen eher anthologischen Charakter zu verleihen und jedes Jahr zu Halloween eine neue Geschichte zu erzählen. Was ihnen dabei nicht klar war: In den Köpfen der Zuschauer definierte sich die Reihe ausschließlich über die Figur des Michael Myers, und so fiel der dritte Teil gnadenlos durch.

Danach lag die Serie ganze sechs Jahre auf Eis. Erst als Debra Hill und John Carpenter, des Sujets längst überdrüssig, ihre gesamten Rechte an Investor und Produzent Moustapha Akkad veräußerten, erwachte das Franchise von den Toten – und Michael Myers mit ihm. Konsequent knüpfte das Drehbuch von Alan B. McElroy (dem späteren Erfinder der „Wrong Turn“-Reihe) mit einer 10-jährigen Handlungspause an den zweiten Teil von 1981 an und brachte damit auch die beliebte Figur des von Donald Pleasence verkörperten Dr. Sam Loomis zurück.

Der eigentliche Gewinn der Rückkehr zum originalen Konzept allerdings war die junge Danielle Harris. Ausgewählt für die Rolle der kleinen Jamie, Tochter der zwischenzeitlich verstorbenen Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), schenkte die damalige Kinderdarstellerin der ansonsten eher von scherenschittartigen Figuren bevölkerten Fortsetzung eine Form der Intensität, die den Film merklich über das Mittelmaß hinaushebt. Nirgendwo spiegelt sich der echte Horror, der mit der Figur des Michael Myers einhergeht, deutlicher und glaubwürdiger als im Spiel des damals gerade einmal 11-jährigen Mädchens.

Später sollte Harris (die eine erstaunlich umfangreiche Filmografie vorweisen kann) vor allem für ihre Rollen in den „Hatchet“-Filmen, aber auch in den beiden „Halloween“-Remakes von Rob Zombie bekannt werden, doch den überaus beunruhigenden Realismus ihrer Jamie erreichte sie bis heute nicht mehr. Zugleich gehen aber auch alle anderen Darsteller neben ihr unter. Das gilt erst recht für den unschlüssigen fünften Teil, in dem sie aufgrund eines Traumas ihrer Figur die meiste Zeit über auch stumm spielen musste.

Halloween 4

Als nächstes Opfer in seiner Blutlinie (im zweiten Teil hatte sich herausgestellt, dass Laurie Strode und Michael Myers Geschwister sind) muss Jamie vor ihrem messerschwingenden Onkel fliehen, geht im Verlauf aber in gewisser Weise eine Art geistige Bindung mit ihm ein. Am Ende von Teil 4 übernimmt sie vorübergehend gar seine Killerrolle – eine Wendung, die der Folgefilm jedoch wieder relativiert. Harris gab ihn späteren Interviews (z.B. im Rahmen der oben genannten Dokumentation) bekannt, dass ihr selber die Entwicklung gut gefallen hätte. Doch der erste Drehbuchentwurf für Teil 5 von Shem Bitterman (verfasste zuletzt das TV-Biopic „Whitney“) stieß beim Studio auf wenig Gegenliebe.

Zu den wenigen Verdiensten von „Halloween 5“ gehört die Einführung eines mysteriösen, schwarz gekleideten Fremden, der offenbar großes Interesse an Michaels Überleben in Freiheit hat. Er ist diese Figur, die dem (leider dank Eingriffen des Studios völlig verunglückten) sechsten Teil eine einigermaßen nachvollziehbare Erklärung für die übermenschlichen Kräfte des Killers sowie sein Interesse am Tod der eigenen Blutsverwandten liefert, und damit die Serie eigentlich abrundet („H20“ und „Resurrection“ ignorieren die Ereignisse ab Teil 4 vollständig).

„Halloween 4“ und 5 wurden kurz nacheinander abgedreht, bieten eine mehr oder weniger schlüssige Einheit und eignen sich deshalb ideal als Doppelfeature. Das sechs Jahre später entstandene Sequel spinnt die Geschichte zwar weiter, verzichtet aber auf Danielle Harris und geht auch sonst eigene Wege. [LZ]

OT: Halloween 4 – The Return of Michael Myers (USA 1988) REGIE: Dwight H. Little. BUCH: Alan B. McElroy. MUSIK: Alan Howarth. KAMERA: Peter Lyons Collister. DARSTELLER: Danielle Harris, Donald Pleasence, Ellie Cornell, Beau Starr, Kathleen Kinmont, Michael Pataki, Sasha Jenson, Gene Ross, George P. Wilbur. LAUFZEIT: 85 Min (DVD), 89 Min (Blu-ray). VÖ: 02.10.2014.

OT: Halloween 5 – The Revenge of Michael Myers (USA 1989) REGIE: Dominique Otherin-Girard. BUCH: Dominique Otherin-Girard, Michael Jacobs, Shem Bitterman. MUSIK: Alan Howarth. KAMERA: Robert Draper. DARSTELLER: Danielle Harris, Donald Pleasence, Ellie Cornell, Beau Starr, Wendy Kaplan, Matthew Walker, Jonathan Chapin, Donald L. Shanks. LAUFZEIT: 94 Min (DVD), 98 Min (Blu-ray). VÖ: 02.10.2014.

Halloween 4

Halloween 5

[Abbildungen: Tiberiusfilm (Cover) | Trancas International Films]

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