Hacksaw Ridge | Filmkritik: Frieden schaffen ohne Waffen

14. Juni 2017

Hacksaw Ridge | Filmkritik

[Lesedauer: ca. 3:50 Minuten]

Mel Gibson war noch nie ein Mann der leisen Töne. Als Filmemacher hat ihm seine wenig zurückhaltende Art immerhin einen Oscar (für „Braveheart“) und – das Wortspiel liegt einfach zu sehr auf der Hand – einen gewaltigen Geldsegen eingebracht (für „The Passion of the Christ“), privat ist sie ihm zum Verhängnis geworden. Nach einem Jahrzehnt wenig vorzeigbarer Cameos mit übler Grimassenschneiderei („The Expendables 3“, „Machete kills“) und akzeptabler, aber schnell vergessener B-Filme („Get the Gringo“) hatte ihn so mancher bereits abgeschrieben. Umso überraschender letztes Jahr seine Rückkehr auf den Regiestuhl, die auch Gibson-Gegner mit einigem Respekt goutieren mussten. 10 Minuten Standing Ovations bei der Premiere in Venedig holten Hollywoods verlorenen Sohn zurück ins Rampenlicht.

So richtig traute man dem Braten aber trotzdem nicht. Auf dem Plakat tauchte Gibson nur ganz versteckt auf, und als Vince Vaughn den Film im November 2016 bei Jimmy Fallon vorstellte, blieb der Name des Regisseurs konsequent außen vor. Erst im Januar, als es auf die Oscarnominierungen zuging, durfte er selber in der Tonight Show auftreten und sich werbewirksam den Bart abrasieren lassen. So funktioniert das in La-La-Land: Während ein verurteilter Frauenschläger wie Chris Brown längst rehabilitiert ist, gilt Australiens einstiger Exportschlager Nummer Eins offenbar immer noch als heißes Eisen. Man weiß schließlich nie, was er im Fall der Fälle unkontrolliert von sich geben könnte.

Der Film selber hingegen, übrigens eine reine Auftragsarbeit ohne jegliche Beteiligung von Gibsons Icon Productions, ist völlig ungefährlich und genau kalkuliert. „Hacksaw Ridge“ erzählt (auch ohne den dämlichen deutschen Titelzusatz) die reale Geschichte eines echten amerikanischen Helden – und das ist nicht ironisch gemeint. Desmond Doss war im Zweiten Weltkrieg Sanitäter bei der Infanterie und rettete während laufender Kampfhandlungen in der Schlacht um Okinawa zahlreichen Kameraden das Leben. Eine Waffe hat er aus religiösen Gründen nie angerührt, und so wurde er zum ersten Pazifisten in der US Army, der die Medal of Honor verliehen bekam.

Hacksaw Ridge | Mel Gibson

Kompromisslose Opferbereitschaft, ungebrochener Wille, fester Glaube und das alles vor dem Hintergrund schicksalhafter Prüfungen und grenzenloser Gewalt – für Gibson optimales Material in der Schnittmenge von William Wallace und Jesus Himself. Wie Kriegsfilme funktionieren, weiß er bestens, und so muss „Hacksaw Ridge“ ein echter Durchmarsch gewesen sein. In strenger Drei-Akt-Struktur erzählt, schlägt die Geschichte keine merklichen Haken und erlaubt sich trotz ansehnlicher 139 Minuten auch keine Längen. Dass Subtilität dabei nicht unbedingt das vorherrschende Stilmittel ist, versteht sich von selbst. Wie manipulativ Gibson allerdings vorgeht, zeigt sich in seiner Fülle erst beim zweiten Anschauen.

Schlachtenbilder sind das erste, was es zu sehen gibt, seltsam konterkariert von erhabener Musik aus der Feder von Rupert Gregson-Williams (sprang für den überraschend verstorbenen James Horner ein), dann folgt eine Zeitreise in die Kindheit des Protagonisten, zu einem Tag, der traumatisch endet und sein Bekenntnis zum sechsten Gebot manifestiert – das Tötungsverbot, hier mit einem Kainsmal versehen. Dass sich Doss später sogar strikt weigern wird, eine Schusswaffe auch nur in die Hand zu nehmen, beruht hingegen auf einem weiteren Zwischenfall, den sich der Film für einen anderen Zeitpunkt aufhebt, und sich dabei (wie auch an manch anderer Stelle) gewisse künstlerische Freiheiten erlaubt [1].

Als junger Mann verliebt sich Desmond in die Krankenschwester Dorothy, offenbart ihr, dass er gerne Arzt geworden wäre, es aber an der Schulbildung gemangelt habe, heiratet sie und meldet sich dann freiwillig zum Kriegsdienst. Das ist alles schnell dahingeschrieben, doch im Grunde liegen in diesem ersten Akt die eigentlichen Stärken des Films. Denn es sind die Figuren um ihn herum, die Doss für den Zuschauer definieren und anhand derer er real und nachvollziehbar wird. Die Romanze ist mit wenigen Pinselstrichen erzählt, aber sie hat mehr Herz als alles, was danach kommt und zum Teil mit deutlichem Pathos aufgeladen wird. Das ist nicht zuletzt Andrew Garfield und Teresa Palmer zu verdanken, die den beiden sehr einfachen Leuten ein im besten Wortsinn liebenswertes Gesicht verleihen. Bewegend auch der Konflikt mit dem Vater (geradezu erschütternd: Hugo Weaving), einem Weltkriegsveteran, der nie ins Leben zurückgefunden hat und nun zusehen muss, wie er möglicherweise beide Söhne an den nächsten Krieg verliert.

Hacksaw Ridge | Andrew Garfield, Teresa Palmer

Im Vergleich dazu wirkt der Rest trotz unleugbarer Brillanz ein bisschen wie Dienst nach Vorschrift. Ausbildersequenzen wie diese hier kann man im Schlaf herunterbeten („Full Metal Jacket“, Ein Offizier und Gentleman“, „Heartbreak Ridge“ – Liste beliebig erweiterbar), auch wenn Vince Vaughn seine Sache überraschend gut macht. Dass Desmond dank seiner rigorosen Ablehnung des Waffendienstes beinahe vor einem Kriegsgericht landet, würde man unter anderen Vorzeichen eigentlich nur als Satire werten können, doch auch hier kommt die Wirklichkeit der Fiktion zuvor. Im dritten Akt schließlich geht es nach Okinawa zum titelgebenden Schlachtfeld, und hier macht Gibson – wie so oft in seiner Karriere – einmal mehr Station im Splatterland. Krieg ist grausam, und wem das bislang aus Gründen völliger Realitätsverweigerung nicht so ganz klar war, bekommt es hier in angemessener Drastik vorgeführt. Die Details ersparen wir uns.

Wären die Ereignisse nicht vielfach bezeugt, es würde einem schwerfallen, sie zu glauben. Desmonds Selbstlosigkeit, mehr noch aber ein immenses Glück, das ihn lange Zeit im Chaos der Schützengräben unverletzt und unbewaffnet den surrenden Kugeln der Japaner entkommen lässt, während er einen Kameraden nach dem anderen rettet, würde in einem rein fiktionalen Film nur als Märchen durchgehen können. So inszeniert Gibson die Geschichte dann auch, als kraftvoll überhöhtes Glaubensdrama, dem nur das zurückhaltende Spiel Garfields Einhalt gebieten kann.

Ein Hauch Rassismus ist (natürlich?) auch dabei, denn wenn sich über den Kriegsgegner sowieso nicht Gutes sagen lässt, dann kann man eigentlich auch noch einen draufsetzen: Da lässt der Film etwa einen Trupp Japaner mit weißer Flagge aus dem Schützengraben steigen und sich scheinbar ergeben – freilich nur, um die Amerikaner zu verwirren und das Feuer erneut zu eröffnen. Wäre das nicht schon Ärgernis genug (inhaltlich ist die Sequenz völlig überflüssig), artet die Angelegenheit auch noch auf fatale Weise aus: Als nämlich einer der Japaner eine Handgranate in Richtung der gegnerischen Soldaten wirft, ist es ausgerechnet Doss, der sie ergeift und auf die Gruppe zurückwirft, wo sie unmittelbar explodiert. Einen größeren Verrat hätte man an der Figur und ihrem realen Vorbild nicht begehen können. Nicht nur, dass Desmond gegen seine Überzeugung plötzlich doch eine Waffe in die Hand nimmt, er tötet mit ihr auch noch, und das wissentlich. Was will uns der Autor damit sagen?

Enden wir aber versöhnlich, denn trotz dieses vermeidbaren Ausrutschers ist „Hacksaw Ridge“ ein guter Film geworden. Dazu ein Blick auf das recht informative einstündige Making-of aus dem Bonusteil: Sichtlich um Fassung ringend, berichtet dort der Sohn von Desmond und Dorothy Doss, wie er deren Darstellung erlebt habe. Denn obzwar die beiden Schauspieler die realen Vorbilder ihrer Rollen überhaupt nicht persönlich kannten, seien sie ihnen doch so nahe gekommen, dass es sich für ihn angefühlt habe, als sei er für einen kurzen Moment noch einmal seinen verstorbenen Eltern begegnet. Mehr kann ein Film nicht erreichen. [LZ]

OT: Hacksaw Ridge (AU/USA 2016). REGIE: Mel Gibson. BUCH: Robert Schenkkan, Andrew Knight. MUSIK: Rupert Gregson-Williams. KAMERA: Simon Duggan. DARSTELLER: Andrew Garfield, Teresa Palmer, Hugo Weaving, Sam Worthington, Vince Vaughn, Rachel Griffiths, Luke Pegler, Firass Dirani, Goran D. Kleut. LAUFZEIT: 135 Min (DVD), 139 Min (Blu-ray). VÖ: 09.06.2017.

Hacksaw Ridge | DVD-Cover

[Abbildungen: Universum Film]

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