#FreeTheDevils: Guillermo del Toro provoziert Kampagne zur Veröffentlichung von Ken Russells kontroversem Klassiker

14. Dezember 2014

The Devils

Offenbar wird Warner in den USA von streng konservativen Katholiken geleitet. Das jedenfalls muss man vermuten, wenn man den seit über vier Jahrzehnten unveränderten Umgang mit der 1971 entstandenen Huxley-Adaption „The Devils“ des 2011 verstorbenen Berufsprovokateurs Ken Russell in Augenschein nimmt. Der damals unmittelbar in zahlreichen Ländern verbotene oder nur unter ausgiebigen Schnittauflagen freigegebene Film wartet bis heute auf die Veröffentlichung einer weitestgehend restaurierten Fassung. Grund ist die Verweigerung des Studios, das als Rechtehalter seine Zustimmung erteilen muss.

Der antiklerikale Klassiker erzählt einen realen Fall von Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert, die den (im Film von Oliver Reed dargestellten) katholischen Priester Urbain Grandier auf den Scheiterhaufen brachte – und so mancher empörte Kirchgänger hätte Russells Aufarbeitung des Falls damals wohl am liebsten selber brennen gesehen. Ganz so weit kam es zwar nicht, wohl aber sind mehrere Szenen aller Erkenntnis nach tatsächlich für immer verloren.

Guillermo del Toro goss nun kürzlich neues Öl ins Feuer. Im Rahmen einer von ihm begleiteten Vorführung des Films in Toronto machte er seinem Ärger über die Politik Warners reichlich Luft. Kurzfristig war eine ungeschnittene Version in den USA angekündigt und dann ohne weitere Erklärung wieder zurückgenommen worden. Einer Veröffentlichung der vom British Film Institute mit Unterstützung von Englands bekanntestem Filmkritiker Mark Kermode (hatte 2002 Teile des verloren geglaubten Materials wiederentdeckt) restaurierten Fassung hatte das Studio zuletzt 2012 wiedersprochen.

The Devils

The Devils

Offiziell erhältlich ist derzeit nur die britische Kinofassung in Verbindung mit Kermodes Dokumentation „Hell on Earth: The Desecration and Resurrection of The Devils“. Warner vergab die Lizenz lediglich für eine DVD-Veröffentlichung (keine Blu-ray) und machte den Verzicht auf die entscheidenden Elemente der restaurierten Version zur Auflage – während es seit Jahren nur wenige Klicks bei Youtube kostet, um die fehlenden, in der Originalfassung von Kermodes Doku enthaltenen Szenen zu begutachten.

Del Toros öffentliches Statement hat jetzt eine Online-Kampagne ausgelöst, die Warner ein bisschen Feuer unter dem Schreibtisch machen soll. Mit dem Hashtag #FreeTheDevils beteiligen sich seit einigen Tagen jede Menge prominente Russell-Verehrer und Zensurgegner an der auf Facebook unter dem Titel „Free Ken Russell’s The Devils“ ins Leben gerufenen Aktion. Eine Reaktion des Studios ist soweit erst einmal ausgeblieben.

Das muss wenig wundern, denn anscheinend hat man für das gesamte Thema ein Schweigegelübde abgelegt. Öffentlich Statements zu Warners Beweggründen für die restriktive Praxis hat es bislang keine gegeben. Die Situation muss umso lächerlicher wirken, wenn man weiss, dass es bei den fraglichen Szenen nicht wesentlich mehr zu sehen gibt als in jedem herkömmlichen Nunsploitation-Beitrag – masturbierende Nonnen.

Doch Russells Film ist weder Nunsploitation noch spekulativer Trash sonstiger Art. „The Devils“ beruht auf einer 1952 erschienenen historischen Aufarbeitung von Aldous Huxley mit dem Titel „The Devils of Loudun“, sowie deren Bühnenadaption durch John Whiting. 1969 schrieb Krzysztof Penderecki im Auftrag der Hamburgischen Staatsoper eine ebenfalls auf beiden Vorlagen beruhende gleichnamige Oper. Keines dieser drei Werke war bis heute jemals mit Zensurauflagen konfrontiert. [LZ]

Kermode Uncut – The Devil Is In The Detail

[Abbildungen: Screencaptures]

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David Cronenberg | Verzehrt

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