Guardians of the Galaxy Vol. 2 | Filmkritik: Gottkomplex und Wahlverwantschaften

07. Mai 2017

Guardians of the Galaxy Vol. 2

[Lesedauer: ca. 3:30 Minuten]

Kurt Russell ist Gott. Wer diese Fanweisheit schon immer mit völliger Selbstverständlichkeit und der angemessenen Arroganz vor sich hergetragen hat, bekommt hier endlich den Beweis geliefert. Und dann diese gewisse Ähnlichkeit mit David Hasselhoff – lag der Vergleich nicht längst unausgesprochen in der Luft? Aber das nur am Rande. Bereits in den ersten Szenen erfahren wir jedenfalls, dass der digital um drei Jahrzehnte verjüngte KR uns tatsächlich den außerirdisch-göttlichen Vater von Peter Quill a.k.a. Star-Lord gibt. Doch macht das den Anführer der Guardians of the Galaxy auch automatisch zu einer Art Space-Jesus? Klares Jein. Denn ob der heidnische Demiurg so ganz koscher ist, darf man getrost bezweifeln.

Aber Moment, haben wir da nicht schon zuviel vorweggenommen? Vielleicht, aber wenn, dann ganz im Dienste des Zuschauers, denn in der Mitte hängt Peter Gunns zweiter Ausflug ins Marvel-Universum leicht durch, und das muss ja nicht sein. Ein bisschen arg viel Harmonie herrscht auf dem von glanzbildartiger Kitschpracht geformten Planeten des Schöpfers aller Dinge, und wenn sich Sprössling und Erzeuger zu himmlischen Orchesterklängen selig lächelnd hausgemachte Energiebälle zuwerfen, als wäre Kevin Costner aus dem Feld der Träume zurückgekehrt, mag so mancher bereits einen Abstieg in Heile-Welt-Klischees befürchten. Aber kein Grund zur Sorge, denn was soll man schon von einem Gott erwarten, dessen Name allen Ernstes „Ego“ lautet?

Doch bis sich diese Frage stellt, sind einem Augen und Ohren erneut fast übergegangen angesichts der immensen Fabulierlust, mit der auch Vol. 2 wieder völlig gnadenlos daherkommt. Der rote Faden mag weniger geradlinig verlaufen als im Vorgänger und die Handlung an mancher Weggabelung ein Stück weit auseinanderdriften, aber dafür ist nahezu jede einzelne Szene ein Kabinettstück für sich. Ganz im Sinne von Peters liebstem Begleiter: ein Film wie ein treffsicheres Mixtape, von dem man nicht genug bekommen kann.

Guardians of the Galaxy Vol. 2

Das beginnt schon mit der Creditsequenz. Denn was schert einen der Kampf der Guardians mit einem Lovecraftschen Tentakelriesenmonster, wenn man Babygroot (der wandernde Baum des ersten Teils ist diesmal – aus Gründen, deren Erläuterung hier den Rahmen sprengen würden – nur ein ganz kleiner Winzling) beim fröhlichen Tanzen zusehen kann? Eben. Also spielt sich die Schlacht um Leben und Tod einfach im Hintergrund ab, während vorne alle Augen auf den kleinen Travolta-Bonsai gerichtet sind. Das ist im Blockbusterkino, wo es normalerweise bereits in den ersten Minuten ordentlich krachen muss, damit das jugendliche Publikum nicht anfängt, mit den Smartphones zu spielen, ein echter Sonderfall. Stattdessen also La-La-Land in Space und in gaga.

Überhaupt einen der Hauptcharaktere aus dem Vorgängerfilm durchgängig in seiner Mini-Variante auftreten zu lassen, das muss man erstmal machen. In gewissem Sinne ist Babygroot das „Guardians“-Pendant zu Jack Nicholsons berüchtigtem Nasenpflaster aus „Chinatown“ (eben nur im merchandisingfreundlichen Knuddel-Modus) – ein unwiderstehliches Dauer-Gimmick, bei dem man höllisch aufpassen muss, dass es nicht alle Aufmerksamkeit an sich reißt. Bevor das in diesem an verblüffend-irrwitzigen Ideen ohnehin überreichem Film jedoch entgegen aller Wahrscheinlichkeit passieren kann, hat sich ganz überraschend und ohne dass man es richtig realisiert hat, eine ganz andere Figur zum eigentlichen Herz der Geschichte qualifiziert, und das ist erstaunlicherweise Michael Rookers blauhäutiger Yondu, eigentlich Star-Lords Gegenspieler.

Guardians of the Galaxy Vol. 2

Anlagen dazu gab es bereits in Vol. 1. Überhaupt werden viele Fäden wieder aufgenommen, weiterentwickelt und fortgeführt, so dass Neueinsteigern die Hälfte des Vergnügens schlicht entgeht. Die Kernmotive bleiben unverändert: Freundschaft, die sich in bedingungsloser Opferbereitschaft bewährt; vermeintlich harte Schalen, deren weicher Kern nicht ewig verborgen bleiben kann; Wahlverwandtschaften, die fehlende Familien ersetzen – denn hier hat niemand, aber auch wirklich niemand noch lebende Angehörige, und der einzige Ausnahmefall erweist sich eben als höchst bedenklich (siehe oben). Wo im „Star Wars“-Universum mittlerweile die gesamte Galaxie darunter leidet, dass Blut nicht nur dicker sondern auch giftbelasteter ist als Wasser, wird bei den „Guardians“ lieber das Hohelied der BFFs gesungen. Dass dabei gegen Ende die Mollakkorde dominieren, ist ebenso unerwartet wie nahezu alles andere in diesem Film.

Alles in allem ist James Gunn und seinem Team nicht nur ein Sequel gelungen, dass stellenweise gar das Original überflügelt, sondern neben allem farbenfrohen intergalaktischem Swashbucklertum aus Selbstironie und Running Gags bis in die End Credits und Cameos hinein (Stallone! Ving Rhames! Michelle Yeoh! Miley Cyrus! Jeff Goldblum!) nie vergisst, wie sehr die eigentliche Stärke dieser Reihe darin besteht, dass alle Charaktere echte Menschen sind, die man gernhaben können muss – selbst dann, wenn sie eigentlich nicht zu den Guten (Nebula) oder eher zur Gattung der Waschbären gehören. Was für eine Erleichterung, dass am Schluss über eines kein Zweifel bleibt: The Guardians of the Galaxy will return. [LZ]

OT: Guardians of the Galaxy Vol. 2 (USA 2017). REGIE: James Gunn. BUCH: James Gunn, Dan Abnett, Andy Lanning. MUSIK: Tyler Bates. KAMERA: Henry Braham. DARSTELLER: Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista, Michael Rooker, Kurt Russell, Bradley Cooper, Karen Gillan, Pom Klementieff, Chris Sullivan, Sean Gunn, Vin Diesel, Elizabeth Debicki, Sylvester Stallone, Laura Haddock. LAUFZEIT: 136 Min.

Guardians of the Galaxy Vol. 2

[Abbildungen: Walt Disney Motion Pictures Germany]

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