Lippensynchron, augmented, virtuell: Gorillaz im 360°-Live-Stream

21. Juni 2017

Gorillaz | 360-Live-Stream

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

Die Grenzen verschwimmen. Kürzlich betonte Alejandro González Iñárritu anlässlich der Premiere seines eigenen VR-Films in Cannes eilig, dass Virtual Reality eine eigene Kunstform sei und keineswegs die Erweiterung des Kinos mit anderen (technischen) Mitteln. Ob das auch für Konzerte gilt, davon konnte man sich beim Kölner Auftritt der Gorillaz ein Bild machen. Erstmals streamte die (selber irgendwie virtuelle) Band um Damon Albarn diese Woche aus Köln einen kompletten Gig in raumumspannenden 360°. Wer allerdings vor Ort war und ab und zu sein Smartphone bemühte, um einen direkten Vergleich zu ziehen, wird festgestellt haben, dass man es hier mit zwei völlig unterschiedlichen Produkten zu tun hat.

Technisch ist das recht aufwendig: Insgesamt drei kugelförmige Kameras, zum Teil direkt auf der Bühne installiert, zum Teil am Kran durch den Raum schwebend, zeichnen das Geschehen auf. Der 360°-Effekt ensteht jedoch erst dank des manuellen Eingriffs einer Handvoll Techniker im Backstagebereich, wo aus den einzelnen Bildern eine Rundumschau entsteht. Weitere acht HD-Kameras kommen hinzu, die eine herkömmliche 2D-Aufzeichnung liefern und im klassischen Ü-Wagen verarbeitet werden (allerdings ein Modell mit Hollywood-Proportionen).

Dass sich der Aufwand nicht wirklich rechnen kann, liegt auf der Hand, denn die Tour ist reine Album-Promotion und der Stream wie auch die spätere Aufzeichnung kostenfrei. Hinter dem Projekt steht allerdings ein deutscher DAX-Konzern in Magenta und so geht es in erster Linie nicht um direkten ROI sondern um werbewirksamen Show-Off. Seit der Jahrtausendwende veranstaltet die Telekom unter dem Titel „Electronic Beats“ teils herausragende Live-Events, die dem bieder-langweiligen Image des einst der Bundespost entwachsenen Telekommunikationsunternehmens entgegenwirken sollen und zugleich ein bisschen State-of-the-Art-Technologie präsentieren helfen.

Gorillaz | 360-Live-Stream | Foto: Peyman Azhari

Also zeigt man, was man hat bzw. kann. Ein bisschen Augmented Reality findet seinen Weg in die Aufzeichnung, wenn das Konzert um vorproduzierte Animationssequenzen ergänzt wird, die es für die Besucher vor Ort nicht zu sehen gibt. Die können stattdessen dank einer App namens The Lenz (also „Lense“ mit „Z“ wie beim Albumtitel „Humanz“?) selber Teil der Gorillaz werden. Das Prinzip ist im Grunde althergebrachter Greenscreen, nur dass Grün hier durch die Konzernfarbe ersetzt wird und diese wiederum durch Cartoon-Content von Jamie Hewlett. Also vertreiben sich die Anwesenden die Zeit vor dem Konzert mit Selfieshootings vor Magenta-Hintergründen. Zur Belohnung für ein Foto-Posting auf Twitter oder Instagram mit dem Hashtag #TheLenz gibt es kostenloses Merchandising.

360°-Marketing kann man das wohl nennen oder gerne auch multimediale Rundum-Experience, bei der man sich fragen mag, welche Rolle die Musik hier eigentlich noch spielt. Entsprechend undiszipliniert ist das Publikum und es dauert nach Konzertbeginn etwa eine Dreiviertelstunde, bis permanente Umherlauferei in Richtung Raucherlounge und Getränkestände, desinteressiertes Gequatsche und Handysurferei nachlassen. Dann allerdings kocht der Saal und der ganze Magenta-Überbau ist trotz passender Lichteffekte vergessen.

Der Witz dabei: Das Konzert selber erweist sich als eine einzige Augmented-Reality-Show, denn ohne die permanent bespielte Leinwand hinter den Musikern geht nichts. Abwesende Gastsänger wie Grace Jones oder De La Soul (die Gorillaz funktionieren von jeher über Features) leisten ihren Part als überlebensgroßes audiovisuelles Playback, und originale Animationsvideos der fiktiven Musiker 2D, Murdoc Niccals, Noodle und Russel Hobbs machen aus dem Konzert eine Art Stummfilmvorführung mit Live-Musik.

Gorillaz | 360-Live-Stream | Foto: Peyman Azhari

Insbesondere im Zugabenteil, der vollständig aus einschlägigen Hits der Band besteht, manifestiert sich dieser Eindruck. Raum für musikalische Variation gibt es nicht, denn das Geschehen auf der Leinwand diktiert das Tempo taktgenau. So kennt man es von den seit einigen Jahren zunehmend populären Soundtrackkonzerten, bei denen ein Orchester die Originalmusik live zur Projektion des betreffenden Films einspielt. Hier ist es nicht anders. Wenn über die Leinwand das (populär mit Bruce Willis besetzte) Video zu „Stylo“ flimmert, liefern die Musiker auf der Bühne die Tonspur.

Das ist auch zuvor nicht wirklich anders, denn bereits das Playback der Features und ihr Konterfei im Hintergrund verlangen musikalische Disziplin. Das Live-Korsett der Gorillaz ist dank des selbstauferlegten Präzisionszwangs ziemlich eng geschnürt. Anders kann eine Show wie diese nicht funktionieren. Nirgendwo wird das so deutlich wie beim letzten Titel des Abends, „Clint Eastwood“, dem bekanntesten und immer noch erfolgreichsten Track der Band. Hier müssen Albarn und sein gezeichnetes Alter Ego 2D gar lippensynchron singen. Mehr Illusion auf zwei Realitätsebenen geht nicht. The future is coming on. [LZ]

[Die Aufzeichnung des Konzerts findet sich auf der Homepage von Magenta Musik 360]

Gorillaz | 360-Live-Stream | Foto: Peyman Azhari

Gorillaz | 360-Live-Stream | Foto: Peyman Azhari

[Abbildungen: Peyman Azhari]

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