Good Time | Filmkritik: Murphy’s Law

14. März 2018

Good Time

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

Man mag von Robert Pattinson ja halten, was man will, aber dass er es sich karrieretechnisch einfach machen würde, dürfte ihm niemand ernsthaft unterstellen. Denn während so mancher seiner Kollegen nicht schnell genug auf den Marvel-Zug aufspringen kann, sucht sich der gerade mal 31-jährige Engländer lieber Independent-Produktionen aus, die ihn schauspielerisch herausfordern, und bei denen er auch nichts dagegen hat, mal nur eine Nebenrolle zu spielen. Cronenberg, Herzog, Corbijn finden sich in seiner Filmographie, für „Die versunkene Stadt Z“ machte er sich fast unsichtbar, „The Childhood of a Leader“ (2015) kämpft immer noch mit dem Weltvertrieb. „Good Time“ bildet in dieser Reihe bemerkenswerter Entscheidungen jenseits eines breiten Zuschauergeschmacks keine Ausnahme.

Leicht gehetzt stellte er die eigenwillige Reise durch die New Yorker Nacht beim letztjährigen Film Festival Cologne vor. Der Photocall musste abgesagt werden, übrig blieb nur ein kurzes Q&A nach dem Screening. Mehr Zeit war nicht, denn Pattinson drehte gerade mit Claire Denis, Juliette Binoche und Lars Eidinger in den benachbarten MMC-Studios – klingt das nach Blockbuster? Selbstverständlich nicht. Ähnlich wie bei seinem Kollegen Daniel Radcliffe, dem anderen ehemaligen Teenie-Schwarm der Generation YA, können die Rollen gar nicht weit genug von dem entfernt sein, was ihn einst von heute auf morgen ins grelle Licht einer kreischenden Öffentlichkeit katapultiert hatte. Umso erstaunlicher, dass der übermüdete Kleinkriminelle Connie, den Pattinson in diesem Genrefilm ohne Genrekonventionen spielt, in mancher Hinsicht wie ein somnambuler Cousin des bleichen „Twilight“-Vampirs Edward Cullen daherkommt.

Tageslicht spielt jedenfalls keine nennenswerte Rolle in dieser Geschichte, der permanent die Zeit davonläuft. Gerade erst hat Connie mit seinem geistig zurückgebliebenen Bruder Nick eine Bank ausgeraubt, da geht auch schon schief, was schiefgehen kann, und daran wird sich bis zum Ende des Films nichts ändern. Nick fällt der Polizei in die Hände und muss befürchten, ins berüchtigte Rikers Island Prison überstellt zu werden. Connie bleibt also nur wenig Zeit, zusätzliche 10.000 Dollar Kautionsgeld zusammenzutragen, doch das Schicksal scheint ihm zuzuarbeiten: Nick wird von anderen Insassen brutal zugerichtet und landet im Krankenhaus – eine gute Gelegenheit, ihn einfach zu entführen und gemeinsam abzuhauen. Doch bekanntlich ist Murphy’s Law ein Gesetz, dem sich auch mit dem besten Fluchtplan einfach nicht entkommen lässt.

Good Time | Benny Safdie, Robert Pattinson

Hinter „Good Time“ stehen die Brüder Josh und Benny Safdie, ein Filmemacherduo mit Wurzeln im sogenannten Mumblecore, einem Dogma-ähnlichen Typus des Low-Budget-Films, in dem weitestgehend improvisiert und oftmals mindestens soviel geredet wird wie im klassischen französischen Dialogkino der French New Wave. Übrig geblieben ist hier vor allem die inhaltliche Konzentration auf Figuren um die 30, denen der klare Fokus im Leben fehlt, und das nur zu gründlich. Der Rahmen des Gangsterfilms erweist sich hingegen als reine Augenwischerei und Erzähltaktik, die dem Zuschauer vorgaukelt, sich im sicheren Rahmen eines beherrschbaren Genres zu bewegen.

Und der Irrtum könnte nicht größer sein, denn beherrschbar ist hier gar nichts. Jeder Versuch Connies, seinen Bruder auf freien Fuß zu setzen, führt lediglich zu neuen Komplikationen und zieht weitere Figuren mit in das zunehmend enger werdende Geflecht aus Fehlentscheidungen, Irrtümern und Sackgassen, das sich irgendwann nur noch wie ein Gordischer Knoten zerschlagen lässt. Über allem scheint ein Fluch zu liegen, aus dessen Zentrum heraus Connie wie ein unheilbringender Midas alles und jeden infiziert. Nicht, dass er das will, aber es ist ihm auch egal. Am Ende gibt es nicht nur keine Gewinner, sondern der Zuschauer bleibt auch in den meisten Fällen völlig im Ungewissen darüber, was aus den einzelnen Figuren wird.

Optisch und akustisch ist das durchaus kunstvoll eingefangen und von fiebrigen Farb- wie Soundpaletten gezeichnet. In einem längeren Arte-Interview anlässlich der Cannes-Premiere des Films erzählen die Macher eine Menge von fluoreszierenden Farben und Tönen, von Mischlicht, das die gemischte Stadt New York widerspiegeln soll, von Norman Mailer, dessen Roman „The Executioner’s Song“ ein großer Einfluss gewesen sei (was bitte hat Gary Gilmore hier verloren?), und anderes mehr, bei dem man sich wünscht, die Safdies würden mehr schweigen als sich über ihre Arbeit auslassen (auch wenn es insgesamt weniger schlimm gerät als etwa bei Darren Aronofsky oder gar Michael Haneke).

Wer sich davon nicht beeinflussen lässt, wird mit einem Film belohnt, der seine Eigenwilligkeit geschickt verpackt und dabei den schleichenden Kontrollverlust in einer zunehmend komplizierter werdenden Welt als ebenso diffuse wie unausweichliche Gesetzmäßigkeit deutet. [LZ]

OT: Good Time (USA 2017). REGIE: Benny Safdie, Josh Safdie. BUCH: Ronald Bronstein, Josh Safdie. MUSIK: Oneohtrix Point Never (Daniel Lopatin). KAMERA: Sean Price Williams. DARSTELLER: Robert Pattinson, Benny Safdie, Buddy Duress, Jennifer Jason Leigh, Taliah Lennice Webster, Barkhad Abdi, Eric Paykert, Necro. LAUFZEIT: 98 Min (DVD), 102 Min (Blu-ray). VÖ: 09.03.2018.

Good Time | DVD-Cover

[Abbildungen: Ascot Elite]

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