Gold (2016) | Filmkritik: Big Business

12. März 2017

Gold | Filmkritik

Es gibt eine Menge Gründe, Matthew McConaughey zu hassen und die meisten davon tragen einen Filmtitel. „Interstellar“ zum Beispiel, Christopher Nolans Ausflug ins Raum-Zeit-Kontinuum, der dank seines Hauptdarstellers ohne eine tragende Rolle auskommen muss, die man auch mögen kann. Ganz anders liegt der Fall, wenn der Mann, der jahrelang auf romantische Komödien abonniert war, all seine natürliche Schmierigkeit vollgültig auslebt, damit man seine Figur ausgiebig verachten, fürchten oder belachen kann – so auf optimale Weise etwa geschehen in William Friedkins „Killer Joe“. Auf andere Weise schlüssig funktioniert McConaughey auch in „Gold“, ein Film, in dem er zu allem Übel auch noch permanent ausgiebig schwitzen muss.

Dazu gibt es gute Gründe, denn Kenny Wells hat das einst enorm flukturierende Bergbauunternehmen seines Vaters (Kurzauftritt von Craig T. Nelson) sieben Jahre nach dessen Tod konsequent gegen die Wand gefahren. Das Haupthaar licht, die Wampe schwerfällig über dem Gürtel wabernd, das Glas stets hochprozentig gefüllt, scheitert jeder Versuch, mit vollmundigen Versprechungen aus ehemaligen Inverstoren oder gar Banken auch nur einen Dollar herauszulocken. Dann die Wende: Im Traum erscheint ihm der Geologe Michael Acosta (Edgar Ramirez), eine Begegnung aus besseren Zeiten mit Visionen von verborgenen Schatzminen irgendwo in Indonesien. Ein Zeichen! Flugs verpfändet Kenny heimlich den letzten Goldschmuck seiner Freundin und macht sich auf nach Borneo.

Und tatsächlich, nach langem Hin und Her am Rande des Machbaren (Malaria, Kapitalakquise vom Kneipentelefon aus, Lohnzahlung per Wasserfilter) stoßen die beiden Glücksritter auf eine sagenhafte Goldader und alle Sorgen scheinen vergessen. Schon klopft die Wallstreet an ihre Tür und bringt milliardenschwere Teilhaber mit an den Tisch. Was soll jetzt noch schiefgehen? Nun, man ahnt es schon, eine ganze Menge. Denn Kenny ist ein Proll, der nicht begreifen will, dass er trotz allem weiterhin ein kleiner Fisch bleibt, und nicht aufhören kann, (zu schwitzen und) sich die Hucke vollzusaufen. Und das ist noch nicht einmal das Hauptproblem.

Gold | Filmkritik

„Gold“ beruht mehr oder weniger auf realen Vorbildern rund um einen der größten Börsenskandale Kanadas, nimmt sich aber ausreichend künstlerische Freiheit, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein. Dagegen ist nichts einzuwenden. Überhaupt lässt sich der Film widerstandslos so durchwinken, wie er ist. Dass er dabei den Vergleich mit größeren Vorbildern nahelegt (insbesondere „The Wolf of Wall Street“ – Corey Stalls Brokerfigur heißt allen Ernstes „Woolf“) liegt in der Natur der Sache. Eine viel zu lange Enstehungsgeschichte von über anderthalb Jahrzehnten hat sicher nicht zur Verbesserung des Materials beigetragen. Ursprünglich als Projekt für Michael Mann ausgerichtet, landete das Projekt nach Zwischenstation bei Spike Lee schließlich auf dem Schreibtisch von Stephen Gaghan (“Syriana“).

Das ist eine gewisse Fallhöhe, die man dem Endprodukt ansehen kann, denn von den großen Ambitionen, die der Stoff einmal mit sich gebracht haben mag, lassen sich nur noch verwaschene Spuren erkennen. Gaghan, von Haus aus Autor, mag als reiner Auftragsregisseur nur eine bedingte Begeisterung entwickelt haben. Umso mehr gerät „Gold“ zur McConaughey-Show, randvoll mit ungezügeltem Overacting, dem Gaghan vermutlich nur wenig Widerstand entgegengebracht hat. Instinktiv war das allerdings die richtige Entscheidung, denn die umherfliegenden Arme, die überdrehten Gesten, das berserkerhafte Gebrüll, demonstratives Rauchen, Trinken und Schwitzen sind reinste Clownerie mit Cartooncharakter.

McConaughey gibt nach Kräften den Nicholson und wirkt so fast wie ein Fremdkörper vor dem Hintergrund einer solide zurückhalten Inszenierung und neben einem ebenso agierenden Cast (allen voran eine um Balance bemühte Bryce Dallas Howard). Dass „Gold“ am Ende über seine zwei Stunden Laufzeit hinweg gut unterhält anstatt nur belanglos vor sich hin zu plätschern, ist genau deshalb aber auch in erster Linie ihm zu verdanken. Erstaunlich, denn dafür muss man ihm ausnahmsweise einmal dankbar sein. [LZ]

OT: Gold (USA 2016). REGIE: Stephen Gaghan. BUCH: Patrick Massett, John Zinman. MUSIK: Daniel Pemberton. KAMERA: Robert Elswit. DARSTELLER: Matthew McConaughey, Edgar Ramírez, Bryce Dallas Howard, Corey Stoll, Toby Kebbell, Bill Camp, Joshua Harto, Timothy Simons, Craig T. Nelson. LAUFZEIT: 120 Min. DEUTSCHER KINOSTART: 13.04.2017.

Gold | Filmplakat

[Abbildungen: Studiocanal]

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